«Mich reizt die Aufbruchstimmung in Bern»
Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 08.10.2011 3 Kommentare
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Die Tinte war kaum trocken: 20 Minuten vor ihrem ersten öffentlichen Auftritt in Bern hat Iris Laufenberg gestern ihren Vertrag als neue Schauspielchefin am Stadttheater unterschrieben. Unübersehbar sind die Erleichterung und die Freude von Stephan Märki, dass es ihm gelungen ist, die Leiterin des Berliner Theatertreffens, der Leistungsschau der deutschsprachigen Bühnen, nach Bern zu holen. «Ich habe um sie gekämpft, habe aber nicht auf eine Zusage zu hoffen gewagt», sagt der neue Intendant von Konzert Theater Bern. Er macht keinen Hehl daraus, dass es «hoher Angelkünste» bedurft habe, weil auch grosse Häuser in Deutschland um Iris Laufenberg, eine der versiertesten Macherinnen und Könnerinnen der deutschsprachigen Theaterszene, gebuhlt hätten.
«Sie geht immer von einem künstlerischen Impuls aus, ist eine begnadete Umsetzerin», schwärmt Märki. Gleichzeitig verfüge sie auch über grosse Fähigkeiten in Kulturmanagement und Marketing. Zudem sei sie sehr gut vernetzt und somit die ideale Besetzung. «Ein absoluter Glücksfall.» Nicht weniger gross ist die Begeisterung von Hans Lauri, Präsident der Stiftung Konzert Theater Bern: «Mit dieser Wahl sind nun alle Schlüsselstellen in der neuen Organisation optimal besetzt.»
Viel Vertrauen
Doch was macht das provinzielle Bern für einen Topshot wie Iris Laufenberg so attraktiv, dass sie bereit ist, aus Berlin, einer der künstlerisch aufregendsten Städte, wegzuziehen? «Es ist die Aufbruchstimmung, die ich in Bern spüre», sagt Laufenberg. Überzeugt hat sie Stephan Märkis Konzept für den Neuanfang, seine Vision einer spartenübergreifenden Zusammenarbeit. «Als ich mit ihm und Xavier Zuber, dem neuen musikalischen Leiter, zusammengesessen bin, habe ich realisiert, dass wir die gleichen Vorstellungen haben.» Beeindruckt hat sie weiter das grosse Vertrauen, das ihr sofort auch der Stiftungsrat bekundet habe. «Da war so viel Begeisterung.» Angetan hat es ihr bei ihren jüngsten Besuchen in der Vidmarhalle auch die grosse Neugierde des Publikums. «So viel Interesse lag da in der Luft.» Ihr neues Amt tritt sie im Januar 2012 an. Teilzeit wird sie erst arbeiten, bevor sie im Juli den jetzigen Schauspielchef Erich Sidler ablöst. Mit Berns Theaterszene ist Iris Laufenberg kaum vertraut. Einen guten Draht hat sie aber zu jungen Schweizer Dramatikern wie Lukas Bärfuss, die sie über den Stückemarkt des Theatertreffens kennen gelernt hat.
Spezialgebiet Gegenwartsdramatik
Acht Jahre lang hat Iris Laufenberg das Theatertreffen der Berliner Festspiele geleitet. In dieser Zeit hat sie dafür gesorgt, dass die Juroren sich nicht nur die Produktionen der grossen Häuser und der Regiestars anschauten, sondern auch der Provinzbühnen. In ihrem ersten Jahr als Leiterin des Treffens wurden aus der Schweiz nicht weniger als drei Produktionen eingeladen. Laufenberg, die in Giessen Angewandte Theaterwissenschaften studiert hatte, war vor ihrer Berliner Zeit als Dramaturgin am Schauspiel Bonn und am Bremer Theater engagiert. Sie gilt als grosse Kennerin der Gegenwartsdramatik und hat gemeinsam mit Tankred Dost auch das Theaterfestival der Bonner Biennale erfolgreich geleitet.
Weder über ihre künstlerischen Pläne für Bern noch über die Zukunft des Ensembles will sich die neue Chefin im Moment äussern. «Da werde ich mir erst noch mehr Aufführungen anschauen und Gespräche führen.» Selber inszenieren wird Iris Laufenberg nicht. Im Vordergrund stehen ganz klar die Neupositionierung des Schauspiels und die Teamarbeit. Wichtig ist für sie aber nicht nur die spartenübergreifende Zusammenarbeit, sie plant auch Kooperationen über das Theater hinaus, wie es ihr mit dem Peter-Weiss-Projekt gelungen ist: In ihrer Würdigung des grossen Schriftstellers wurden nicht nur dessen Texte aufgeführt, sondern auch seine Bilder und Filme gezeigt. «Das hat die Leute interessiert.» Ob es auch zu einer intensiveren Zusammenarbeit mit Berns freier Szene kommt, dazu will die 45-Jährige noch nichts sagen.
Mehr Schauspiel im Grossen Haus
Sowohl für sie als auch für Stephan Märki ist klar, dass vermehrt wieder Schauspielaufführungen im Grossen Haus am Kornhausplatz über die Bühne gehen müssen. «Es ist das Herzstück, ist mitten in der Stadt und ein wunderbares Theater, da wollen wir die Fenster weit aufmachen.» Weiter plant Märki das Schauspiel, dessen Etat in den letzten 15 Jahren empfindlich gekürzt wurde, zu stärken und auszubauen. «Wenn es um die Überlebensfähigkeit eines Mehrspartenhauses geht, spielt das Schauspiel eine zentrale Rolle.» Im Unterschied zu seinem Vorgänger Marc Adam will er zudem bei den Budgets der einzelnen Sparten Transparenz schaffen. «Alle vier Sparten erhalten klare Rahmenbedingungen. Daran arbeiten wir im Moment unter Hochdruck.»
So gross die Euphorie über den Neuanfang ist: Märki und Laufenberg sind sich bewusst, dass eine Herkulesaufgabe auf sie wartet. «Die Zeit ist knapp», sagt Märki. Denn sowohl sein Vertrag als auch jener von Iris Laufenberg sind auf drei Jahre beschränkt und laufen 2015 aus, am Ende der aktuellen Subventionsperiode. «In dieser Zeit muss der Funken zünden.» (Der Bund)
Erstellt: 08.10.2011, 10:52 Uhr
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3 Kommentare
Es hätte durchaus geeignete Schweizer für den Posten des Schauspieldirektors gegeben, die mit den hiesigen Erwartungen vertraut gewesen wären. Verpasste Chance. Wir wollen im Schauspiel endlich wieder Regisseure, die einen Klassiker so inszenieren, wie er geschrieben wurde. Sidlers Regietheater-Manie hat nicht überzeugt. Ob Iris Laufenberg hier die längst überfällige Trendwende bringt? Kaum. Antworten
Caroline Niggli triffts genau. Dass man mit gut inszenierten Stücken nach wie vor das Stadttheater füllen kann, beweist „Altweiberfrühling“. Im Übrigen: Mich interessiert Kleist, nicht Sidler, Shakespeare, nicht wie Erich Sidler „Hamlet“ abändert. Hat wohl seinen Grund, dass man von Shakespeare noch in hundert Jahren spricht, aber von Sidlers Bearbeitung schon nächstes Jahr nicht mehr. Antworten
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