Bern

«Mein Kind hat mich weitergebracht»

Von Matthias Raaflaub. Aktualisiert am 09.05.2011 1 Kommentar

Ein Kind und keine Lehre: Die 21-jährige Mutter Cornelia Sauterel arbeitet in Bern an ihrer finanziellen Unabhängigkeit.

Den Geburtstag ihres Sohnes liess sich Sauterel als Tattoo stechen. (Valérie Chételat)

Ausbildung statt Sozialhilfe

Die Zahl der jungen Mütter, welche beim Sozialdienst der Stadt Bern Sozialhilfe beziehen, steigt. 66 waren es im Jahre 2010. Den jungen Frauen fehlt meist eine abgeschlossene Ausbildung. Sie nachzuholen, ist jedoch kaum möglich: «Wenn sie sich daneben um ein Kind kümmern muss, findet die junge Mutter kaum eine Lehrstelle», sagt Mario Patocchi vom Kompetenzzentrum Arbeit der Stadt Bern. Um diesem Missstand entgegenzutreten, hat der Sozialdienst in Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum Arbeit, Wirtschaftsvereinen und diversen Beratungsstellen ein flexibles Angebot für Mütter im Alter von 16 bis 25 Jahren geschaffen. Angelehnt an das Angebot für sogenannte Motivationssemester der Arbeitslosenversicherung, wird ihnen die Möglichkeit geboten, Schulkurse zu besuchen, Arbeitseinsätze zu leisten und von einer Laufbahnberatung zu profitieren. Ziel ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt. Anders als im Motivationssemester ist das Angebot für Mütter bei Erfolg zeitlich nicht begrenzt und kann individuell angepasst werden. Die Programme sind jedoch verbindlich. Das Pilotprojekt bis 2013 wird städtisch finanziert.

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Ihre Augen leuchten, wenn Cornelia Sauterel von ihrem Sohn spricht. Justin wird im August zweijährig. «Er fängt jetzt an zu sprechen», erzählt die Mutter. «Und je älter er wird, desto interessanter wird er.» Vier Tage pro Woche verbringt der Kleine in der Kita, weil Sauterel derzeit beruflich aufholen will. Die 21-Jährige sucht am Kompetenzzentrum Arbeit an der Lorrainestrasse in Bern eine Stelle, um ihre Berufslehre im Gastrobereich abschliessen zu können. «Ich habe natürlich diese Büchlein übers Muttersein gelesen», sagt sie. Dort habe sich alles so anstrengend angehört. Doch mit ihrem Knaben sei es bislang ganz anders. «Vielleicht habe ich schlicht ein einfaches Kind», sagt sie und lacht.

Noch im ersten Lehrjahr hatte Sauterel die Ausbildung demotiviert hingeschmissen. «Ich hatte nur Probleme», sagt sie. Doch so würde sie es nicht mehr machen. Nüchtern sagt sie über diesen jugendlichen Kurzschluss: «Ich war jung und dumm.»

Schwanger wurde Sauterel etwas später, mit 19 Jahren – es passierte ungeplant, wenn auch in einer festen Beziehung. «Ich war richtig perplex», erinnert sie sich an den Moment der Bestätigung. Bald aber stand gemeinsam mit dem Freund der Entschluss fest, das Kind zu behalten. Sauterels Schwester und ihr Vater hatten zur Abtreibung geraten. Ihre Mutter habe den Wunsch der Tochter akzeptiert, aber gesagt: «Du musst einfach wissen, was das heisst.»


Als Sauterels Beziehung zerbrach, stand die junge Frau plötzlich vor einem unüberwindbaren Problem. Wie sollte sie Geld verdienen und sich gleichzeitig um das Kind kümmern? «Ich habe mir stets gesagt: Auf dem Amt lande ich nicht.» Aber nach der Trennung sei ihr nichts anderes mehr übrig geblieben.

Der Gang zum Sozialdienst fiel ihr nicht leicht. Es habe sehr viel Überwindung gebraucht, denn ohne zu arbeiten könne sie kein Geld annehmen. Erst eine langjährige Freundin, ebenfalls eine junge Mutter, machte sie auf das Angebot des Kompetenzzentrums Arbeit der Stadt aufmerksam. Heute arbeiten sie beide einige Tage dort, neben sieben weiteren Frauen. Sie frischen die Schulbildung auf, schreiben Bewerbungen und nähen in der hausinternen Werkstatt. «Es ist gut für mich», sagt Sauterel. Neben dem Kind habe sie kaum Zeit, sich mit Freunden zu treffen, unter die Leute zu kommen. Hier habe sie es mit den Arbeitskolleginnen gut und nie «Theater». «So habe ich das noch nie erlebt.»

Ja, es gebe Vorurteile, sagt Sauterel. Viele glaubten, dass junge Mütter naiv seien und «keine Ahnung von nichts» hätten. Heute höre sie bei solchen Aussagen nicht mehr hin. Denn es stimme nicht. Junge Mütter übernähmen sehr früh viel Verantwortung. Sauterel hat sich nach der Geburt den Tatsachen gestellt. «Mein Kind hat mich weitergebracht», sagt sie selbstbewusst. In den Jahren nach der Geburt habe sie ihren Freundeskreis gewechselt und einen Wandel im Leben vollzogen. Sie nahm ihre Zukunft selbst in die Hand und liess das Nichtstun und Nichtswollen zurück.
Am Kompetenzzentrum Arbeit ist Sauterel mit der Berufsberaterin zusammengesessen. Rasch habe sie feststellen müssen: Die Laufbahnplanung hat als Mutter ohne Ausbildung enge Grenzen. «Ich habe einmal noch davon gesprochen, mit einer Detailhandelslehre anzufangen.» Es sei klar geworden, dass eine neue Lehre unrealistisch sei. Arbeitgeber, welche eine Mutter in Teilzeit ausbilden wollen, gebe es nicht. Die Nachholbildung sei darum die beste Option. So kann sie die schon gesammelte Arbeitserfahrung nach zusätzlichen Schul- und Arbeitsstunden in einen Berufsabschluss ummünzen.
Hat sie für das Kind nicht Träume und Lebenspläne geopfert? Dem nachzutrauern, wäre nicht Sauterels Art. «Natürlich, man ist eingeschränkt», sagt sie. «Aber das habe ich schon in der Schwangerschaft gewusst. Darauf habe ich mich eingelassen.» Sie mache die Nachholbildung auch für ihren Sohn, sagt sie. «Nicht allein, dass ich finanziell für ihn sorgen kann. Ich möchte auch Vorbild sein.» Dafür lohnten sich die paar Jahre bis zur Unabhängigkeit. «Es ist nicht zu spät», sagt sie. (Der Bund)

Erstellt: 09.05.2011, 07:44 Uhr

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1 Kommentar

Joel Meister

09.05.2011, 10:24 Uhr
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Ich frage mich manchmal schon, ob einfach jede Behörde für sich im eigenen Kämmerchen arbeitet ohne mal aus dem Fenster ins Nachbarbüro zu schauen: Oder weshalb muss die junge Mutter von einer Freundin auf das Angebot Kompetenzzentrum Arbeit der Stadt hingewiesen werden? Meines Erachtens sollte doch die Sozialbehörde davon wissen und je nach Fall darauf hinweisen? Antworten



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