Mehr Kunden, weniger Platz

Durch die Speicher- und die Nägeligasse sollen dereinst Trams fahren. Händler und Gastronomen hoffen auf mehr Umsatz – und fürchten sich davor, dass es für sie noch enger wird.

Am Meret-Oppenheim-Brunnen vorbei in die Nägeligasse: Das ist der Pfad der neuen Berner Tramachse.

Am Meret-Oppenheim-Brunnen vorbei in die Nägeligasse: Das ist der Pfad der neuen Berner Tramachse. Bild: Adrian Moser

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Felix Kohli betreibt seine «Läderbutigg» an der Speichergasse seit 26 Jahren. Zu lange, als dass ihn die Aussicht, dass dereinst Trams vor seinem Laden halten könnten, aus der Ruhe brächte. Ob das Tram nun hier durchgeführt werde oder nicht, das sei ihm «eigentlich egal», sagt er. «Ich kann ja sowieso nichts machen.» Komme das Tram, dann komme es, wenn nicht, dann eben nicht. Vielleicht brächte es ihm neue Kunden, sagt er.

Letzten Sommer jedenfalls hätten manche Leute seinen Laden neu entdeckt. Damals machten die Unternehmer bereits erste Erfahrungen mit dem öffentlichen Verkehr: Wegen der Sanierung des Zytglogge-Weichendreiecks fuhren die Busse der Linie 10 und die Busse, welche das Tram Nummer 9 ersetzten, durch die Speicher- und die Nägeligasse. Handkehrum, sagt Felix Kohli, würde es mit einer Tramlinie in der Speichergasse «noch enger». Schon jetzt finde man kaum Parkplätze – die meisten würden von Handwerkern mit Tagesbewilligungen belegt.

Ein paar Meter stadtabwärts sind zwei Polizisten damit beschäftigt, Bussenzettel unter Scheibenwischer zu klemmen. Als Polizist könne er nichts zum Tram sagen, sagt der eine. Aber als Stadtberner sage er: «Das wäre eine gute Lösung.» Auch wenn es für die Handwerker «ein Riesenproblem» wäre, wenn noch mehr Parkraum verloren ginge.

Ein Problem: Die Anlieferung

Die Verantwortlichen haben am Dienstag bei der Vorstellung des Projekts keinen Zweifel daran gelassen, dass das Tram für die Speicher- und die Nägeligasse ein Gewinn wäre. Gemeinderätin Regula Rytz (GB) sagte, das Tram würde die Gassen «aufwerten». Was sie damit meint, erklärt sie auf Anfrage so: «Es wird breitere Trottoirs geben und gut zugängliche Haltestellen.» Sie kündigt aber auch an, dass die «heute oft illegale Parkierung sicher eingeschränkt» werden müsse. «Für Handwerker wird es weiterhin Parkplätze geben, aber mit klareren Regeln als heute», sagt sie. Auch die Anlieferung müsse «auf jeden Fall weiterhin möglich sein».

Schon heute ist die Anlieferung für viele ein Spiessrutenlauf. José Antonio Rivero etwa, der an der Speichergasse 11 Spezialitäten aus seiner spanischen Heimat verkauft, bringt jeden Morgen Ware aus dem Lager in Bümpliz in seinen Laden, stellt das Auto ab, lädt ab und versucht dann, so schnell als möglich wieder wegzufahren. Im Durchschnitt erhalte er pro Woche dennoch etwa eine Busse, sagt er. «Wenn das Tram kommt, wird es wohl noch schlimmer.»

Aber auch er sagt, er habe Neukunden gewonnen, als die Linien 10 und 9 vor seinem Geschäft durchfuhren. «Eine Tramstation in der Nähe könnte schon etwas bringen», glaubt er. Auch Oliver Busato, Direktor des Velogeschäfts City Cycles mit Hauptfiliale an der Nägeligasse, sagt: «Wir hatten während dieser Zeit spürbar mehr Leute in unserem Geschäft.» Er würde das Tram auf jeden Fall begrüssen.

«Quietschen wird es nicht»

Flaviano Medici, Verkaufsleiter beim Geschäft Hajk, das Ausrüstung für Outdoor-Aktivitäten verkauft, wird geradezu euphorisch, als er «Tram» hört. «Von mir aus können sie es morgen bauen. Das bringt mir Geld, und der Lärm stört mich nicht.» Ausserdem sei die Speichergasse schnurgerade, «quietschen werden die Trams also nicht». Salman Küsne, der mit seiner Familie seit letztem Sommer im Boomerang’s Pizzen und Falafel verkauft, befürwortet das Tram und erhofft sich für seinen Imbiss eine «gewisse Steigerung der Kundenfrequenz» – auch wenn man während der langen Bauzeit sicher Einbussen in Kauf nehmen müsste.

Regula Rytz ist der Meinung, dass insbesondere Institutionen wie das Kulturzentrum Progr oder die Privatschule NMS profitieren werden. «Wir wissen von verschiedenen Institutionen im Norden der Stadt, dass sie gerne besser erschlossen wären», sagt sie.

«Für uns wäre es sicher von Vorteil, wenn wir dereinst sagen könnten, das Tram halte direkt vor unserer Haustür», sagt Annette Geissbühler, Direktorin der Privatschule NMS. Zwar dauere es nur rund sieben Minuten, um zu Fuss vom Bahnhof zur Schule zu gelangen, aber: «Es ist ein unangenehmer Weg. Besonders zu Randzeiten und besonders in der Aarbergergasse.» In der Speichergasse würde das Tram sicher eine Aufwertung bewirken, sagt sie.

Mit Tram noch mehr Verkehr?

Geissbühler sieht aber auch Nachteile. «Wir haben mit dem Platz, auf dem der Oppenheim-Brunnen steht, schon heute keinen idealen Pausenplatz», sagt sie. Würde er durch das Tram noch zusätzlich bevölkert, schränke dies die Schüler weiter ein. Ausserdem befürchtet sie, dass der Verkehr durch Speicher- und Nägeligasse noch zunehmen könnte, sollten dereinst neben den Trams gleich viele Autos wie heute durchfahren. Atanasio Canadé, der die Blues Bar und das Restaurant la Nonna an der Speichergasse führt, befürwortet das Tram gar nur dann, wenn der Autoverkehr ganz verbannt wird. «Dann könnten wir rausstuhlen.» Regula Rytz sagt dazu lediglich, das konkrete Verkehrskonzept müsse erst noch ausgearbeitet werden.

Taxifahrer: «Uns fragt niemand»

Zurück am oberen Ende der Speichergasse, vis-à-vis der «Läderbutigg». Hier stehen jene, die den halben Tag auf Parkplätzen verbringen – die Taxis und ihre Fahrer. Am Steuer des vordersten Taxis sitzt Jean-Pierre Seuret, auf dem Beifahrersitz liegt der «Bund». Eben hat Seuret darin gelesen, dass dort, wo er mit seinem Auto jetzt gerade steht, dereinst ein Tram durchfahren soll. Er sei nicht grundsätzlich dagegen, sagt er. «Aber wo sollen wir denn hin?» Schon jetzt hätten sie, die Täxeler, viel zu wenig Platz. Was ihn echauffiert, ist, dass er aus der Zeitung vom Plan erfährt. «Uns fragt wieder einmal niemand.» (Der Bund)

(Erstellt: 03.05.2012, 12:58 Uhr)

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