Bern

Masse oder Klasse in den Kitas?

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 28.10.2011 1 Kommentar

Geht der Weg in Richtung Billig-Krippen à la Otto Ineichen, oder soll die Professionalisierung weitergehen?

Die Anforderungen und Erwartungen an Kindertagesstätten steigen stetig: Aufnhame aus der Kita Altenberg.

Die Anforderungen und Erwartungen an Kindertagesstätten steigen stetig: Aufnhame aus der Kita Altenberg.
Bild: Valérie Chételat

Eigentlich ist es nur eine neue Ausbildung – eine unter vielen, die in letzter Zeit nach neuer Bildungssystematik geschaffen wurden. Doch das neue Studium Kindererziehung an Höheren Fachschulen wirft gesellschaftliche und politische Grundsatzfragen auf.

Seit letztem Jahr bietet die Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule Bern (BFF) im Auftrag der Erziehungsdirektion den Ausbildungsgang «dipl. Kindererzieher(in) HF» an. Er ist auf der Tertiärstufe angesiedelt und gilt somit als höhere Berufsbildung, die in der Regel an eine Lehre oder einen Fachmittelschulabschluss anschliesst. Kindererzieherinnen und -erzieher HF werden künftig vor allem in Kindertagesstätten und Tagesschulen arbeiten und dort anspruchsvolle Aufgaben wie die Erarbeitung und die Umsetzung von pädagogischen Konzepten oder die Teamleitung übernehmen. Bern ist derzeit neben Zug der einzige Standort in der Deutschschweiz, der diese neuartige Ausbildung anbietet.Kindertagesstätten sind eine Boombranche. Bis jetzt liegt der Fokus jedoch immer noch auf dem quantitativen Ausbau des Angebots. Die neue Ausbildung für hoch qualifizierte Fachleute für familien- und schulergänzende Kinderbetreuung ist nun aber ein Schritt in Richtung Qualitätssteigerung und Professionalisierung. Nicht ohne Grund: An vorschulische Betreuungseinrichtungen wird verstärkt der Anspruch gestellt, dass sie die Kinder nicht nur betreuen, sondern auch erziehen und auf Kindergarten und Schule vorbereiten. Bei der Integration von Ausländern spielen sie zudem eine wichtige Rolle.

Westschweiz ist weiter

In der Deutschschweiz arbeiten in Krippen – abgesehen von den Leiterinnen und Leitern – fast ausschliesslich Personen, die lediglich eine berufliche Grundbildung zur Fachperson Betreuung oder zur Kleinkinderzieherin oder über gar keine Fachausbildung verfügen. In der Westschweiz hingegen ist längst eine Ausbildung auf Stufe Höhere Fachschule Standard. Während nun das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie sowie Branchenorganisationen Anstalten machen, auch in der Deutschschweiz höher qualifiziertes Personal in die Krippen zu bringen, sorgen gegenläufige Tendenzen für Schlagzeilen. «Ich sehe nicht ein, warum eine Bauernfrau, die sieben Kinder aufgezogen hat, nicht fähig sein soll, auf ihrem Hof eine Krippe zu leiten. Dazu braucht es Herzblut und kein Unidiplom», liess sich FDP-Nationalrat Otto Ineichen kürzlich zitieren. Er will mit Vorschriften und Minimalstandards für Kitas aufräumen und schnell viele günstige Plätze schaffen.

Innerhalb der Branche herrscht Verunsicherung, was auch die BFF Bern zu spüren bekommt. Weder letztes noch dieses Jahr kam eine Klasse für die neue berufsbegleitende Ausbildung für Kindererziehung HF zustande. Der Grund: viel zu wenige Anmeldungen. Lediglich das Vollzeitangebot für Quereinsteigerinnen stösst auf Anklang. Dabei wurde das Angebot vor allem als Anschluss an die Grundbildung zur Fachperson Betreuung (Fabe) geschaffen. «Die Forschung fordert schon lange eine solche Ausbildung», sagt Thomas Roth, Abteilungsleiter der BFF Bern, «das Berufsfeld ist aber extrem zurückhaltend.» Bei den Arbeitnehmern sei es vor allem die Unsicherheit, ob es überhaupt passende Stellen für solche Fachleute gebe und ob die Ausbildung zu einem höheren Einkommen führe. Auf Arbeitgeberseite sei es die Angst, dass sie sich solch hoch qualifizierte Fachleute gar nicht leisten könnten, sagt Roth.

Das Geld fehlt

Diese Angst scheint berechtigt. «Die Budgets der Kitas sind heute schon sehr knapp», sagt Beat Zobrist, Berner SP-Stadtrat und Geschäftsleiter der Organisation der Arbeitswelt Soziales (OdA Soziales), in der alle betroffenen Seiten vertreten sind. Schon heute reichten die kantonalen Subventionen und die Elternbeiträge kaum zur Deckung der Kosten. Die Stadt Bern zum Beispiel legt heute schon drauf. An sich befürworte man die neue Ausbildung, sagt der Leiter des städtischen Jugendamts, Jürg Haeberli. Es sei aber eine «Gratwanderung», denn um diplomierte Kindererzieherinnen anzustellen, fehle eigentlich das Geld. Für René Baumgartner, der im Verband Kindertagesstätten der Schweiz die Region vertritt und in Muri-Gümligen die öffentliche Kindertagesstätte leitet, ist die Konsequenz klar: «Wenn Kitas nicht nur einen Betreuungs-, sondern auch einen Bildungsauftrag erfüllen sollen, brauchen wir qualifizierte Fachleute. Dann muss die öffentliche Hand aber auch bereit sein, etwas mehr für die Kinderbetreuung zu bezahlen.»

Dass der Kanton die Anstellung von diplomierten Kindererzieherinnen HF und damit eine Qualitätssteigerung in den Kitas über höhere Subventionen mitfinanzieren wird, ist unwahrscheinlich. «Untersuchungen zeigen, dass die Qualität unserer Kitas auch im internationalen Vergleich stimmt», sagt Sabine Schläppi, Abteilungsleiterin in der kantonalen Fachstelle Familie. Eine weitere Qualitätssteigerung dränge sich nicht auf und ginge zulasten des quantitativen Ausbaus. Es bleibt somit die Frage im Raum, warum die Erziehungsdirektion eine neue Ausbildung schafft, die Gesundheitsdirektion den Einsatz der qualifizierten Fachleute aber faktisch verhindert. Die Erziehungsdirektion unterstützt zwar das neue Angebot, sagt Theo Ninck vom Berufsbildungsamt, die Initiative dafür sei aber von der Branche selber und der BFF ausgegangen. Wie bei anderen neuen Berufen gebe es nun eine «Durststrecke», bis sich das Berufsbild durchgesetzt habe.

Fachleute treffen sich heute

An einer Impulstagung heute Nachmittag, mit rund 100 angemeldeten Fachleuten, sollen die offenen Fragen rund um die neue Ausbildung diskutiert werden. Entscheide können jedoch nicht die Ausbildungsstätten oder die Kitas fällen. Vielmehr muss die Politik entscheiden, ob sich die familienergänzende Kinderbetreuung in Richtung «Billig-Krippen» à la Otto Ineichen entwickeln oder eine Professionalisierung stattfinden soll. (Der Bund)

Erstellt: 28.10.2011, 08:39 Uhr

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1 Kommentar

René Kernen

28.10.2011, 14:08 Uhr
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Die Annahme, eine höhere Berufsbildung der Kinderbetreuerinnen führe automatisch zu einer höheren Betreuungsqualität, ist zumindest gewagt. Und was heisst eigentlich "lediglich eine Grundbildung zur Fachperson Betreuung"? Diese dreijährige Lehre bringt hervorragende Berufsleute (v.a. Frauen) hervor, welche mit entsprechender Weiterbildung auch "anspruchsvolle Aufgaben" wahrnehmen können. Antworten



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