Bern

Manchmal fragt sie sich: Wo leben wir hier eigentlich?

Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 13.07.2011 14 Kommentare

Am Sonntag wird Ursula Baour gereizt sein. Sie lebt mit ihrer Familie im Spiegel. Während des Gurtenfestivals hat sie keine ruhige Nacht.

Ursula Baour war auch schon am Gurtenfestival. Meist kriegt sie aber nur die negativen Begleiterscheinungen des Events zu spüren, vor allem nachts. (Manuel Zingg)

Ursula Baour war auch schon am Gurtenfestival. Meist kriegt sie aber nur die negativen Begleiterscheinungen des Events zu spüren, vor allem nachts. (Manuel Zingg)

Alles zum Gurtenfestival

Das Haus steht am Hang. So weit oben, dass sich vor Ursula Baour, wenn sie auf ihrem Balkon steht, nicht nur die ganze Stadt Bern ausbreitet: Rechts, fast auf Augenhöhe, sieht sie die Spitze des Bantigers, links in der Tiefe ragen die Wohntürme von Bümpliz wie Spargeln aus dem Boden, und geradeaus wölbt sich blass der Chasseral in den Himmel. Es ist ein schöner Ausblick.

Steht Ursula Baour hingegen in ihrer Küche, sieht sie nur den liebevoll gebastelten Meerschweinchenstall, einige Meter Rasen und dahinter eine mächtige Hecke. Diese war schon hier, als die Elektroingenieurin, ihr Mann und die vier Kinder vor zwölf Jahren dieses Einfamilienhaus im Spiegelquartier bezogen haben. Die Hecke gefällt Ursula Baour eigentlich nicht. Und doch ist sie froh darum. Denn hinter der Hecke, da liegt die Jurablickstrasse, und die ist stark befahren. Sehr stark sogar, bedenkt man, wie weit entfernt die Hauptverkehrsachsen der Stadt liegen.

Schuld am Verkehr sind nicht Nachbarn mit Autos und auch nicht Ausflügler aus der Region. Schuld sind die modernen Navigationsgeräte. Sie lotsen ortsunkundige Autofahrer, die auf den Gurten wollen, an Ursula Baours Garten vorbei und dann geradewegs in die Sackgasse beim Grünenbodenweg. Erst wenn die Fahrer auf den Feldwegen ankommen, beginnen sie an den Anweisungen ihrer Navis zu zweifeln. Dann fragen sie nach dem Weg und erfahren, dass sie sich verfahren haben. Die richtige Strasse führt östlich der Gurtenbahn hinauf, weit entfernt von Ursula Baours Garten. Wenn die Leute wüssten, wo der richtige Weg liegt, könnte Ursula Baour ihre Hecke entfernen. Aber die Leute wissen es nicht. Auch, weil die Gemeinde Köniz nirgends ein Signal angebracht hat, das auf den Irrweg hinweist.

Lärm, Abfall und ein kaputtes Seil

Ähnlich ist es beim Gurtenfestival. Nur dass es die Leute hier eigentlich schon wissen, dass sie nicht mit dem Motorrad, dem Moped oder dem Auto bis zur Mittelstation der Gurtenbahn fahren sollten, dass es dort keine Parkplätze gibt, dass die Spiegel-Bewohner belästigt werden. Sie wissen auch, dass sie spätnachts nicht johlen sollten, oder Abfälle liegen lassen, wenn sie durchs Wohnquartier nach Hause gehen. Aber sie tun es doch.

Dann schreckt Ursula Baour zehn, fünfzehn Mal pro Nacht auf. Dann muss sie morgens ihren Garten säubern von Bierflaschen, Dosen und anderem Unrat, den die Festivalgänger nachts über ihre Hecke geworfen haben. Letztes Jahr haben Vandalen das Kletterseil zerschnitten, mit dem Ursula Baour die Garageneinfahrt absperrte. Nun hat sie Eisenstangen in ihre Einfahrt einbetonieren lassen und ein Stahlseil gekauft, das sie zwischen die Stangen spannt. Man brauchte schweres Werkzeug, um es zu zerschneiden. «Anders geht es nicht», sagt Ursula Baour. Es kommt während des Festivals oft vor, dass sie sich fragt: Wo leben wir hier eigentlich? Sie selbst war auch schon oben. Einmal Anfang der Neunzigerjahre und nochmals 2006. Beim ersten Mal sass sie mit ihrem Ehemann auf einer Filzdecke vor der Hauptbühne und verfolgte die Konzerte. Es war sehr gemütlich. Vor fünf Jahren hat es ihr nicht mehr richtig gefallen. «Wenn man auf vier Kinder aufpassen muss, ist es ein bisschen stressig.»

Seit Lothar ist es lauter

«Das Problem ist nicht die Musik», sagt Ursula Baour, auch wenn man sie im Quartier besser höre seit 1998, seit dem Sturm Lothar. «Das Dröhnen der Lautsprecher ist konstant, das stört uns nicht beim Schlafen.» Es sind die Festivalbesucher, die sie wach halten. «Nach vier Tagen ist man gereizt und übermüdet», sagt Ursula Baour.

Jetzt setzt sie die Teetasse ab und huscht hinüber ins Wohnzimmer. Dort steht der Altpapierstapel und irgendwo da drin liegt der Artikel aus dem «Anzeiger», der sie wütend gemacht hat. Da wird die Bevölkerung von Köniz um Verständnis gebeten für den zusätzlichen Verkehr, für den Lärm und die übrigen Begleiterscheinungen des Gurtenfestivals. «Verständnis fordern, darin sind sie gut. Aber etwas unternehmen, um die Probleme im Spiegel zu mildern, das will niemand.»

Das Festival auf der Allmend?

Kleine Massnahmen könnten schon sehr viel bewirken, glaubt Ursula Baour. Sie denkt etwa an eine Sperrung der Zufahrtsstrasse ins Quartier. Auch könnten widerrechtlich parkierte Fahrzeuge abgeschleppt statt nur gebüsst werden. Beide Ideen seien bereits diskutiert worden, mit der Polizei und mit den Organisatoren des Festivals. Aber passiert sei nichts. «Ich finde, dass sich die Veranstalter zu wenig um die Anwohner des Gurtens kümmern.» Auch deshalb frage sie sich bisweilen, warum das Gurtenfestival nicht einfach auf die Allmend verlegt werde, wo es Parkplätze gibt, einen guten ÖV-Anschluss und weniger Anwohner. Viele Leute im Quartier würden das begrüssen. «Der Unmut ist verbreitet», sagt Ursula Baour und fügt an: «Aber ich weiss, dass das nicht sehr realistisch ist.»

Nun hofft sie, dass ihre Vorschläge dieses Mal Gehör finden: «Wenn sich die Belästigung durch Verkehr, Lärm und Vandalismus verringert, kann ich gut mit dem Gurtenfestival leben.» (Der Bund)

Erstellt: 13.07.2011, 10:55 Uhr

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14 Kommentare

Thomas Pfister

13.07.2011, 11:13 Uhr
Melden 47 Empfehlung

Ja, das Leben ist hart, und einge trifft es härter als die anderen. Die ärmste Frau Baour, es ist ihr von Herzen zu wünschen, dass sie nicht für immer auf der Schattenseite des Lebens stehen wird. Antworten


Jan Holler

13.07.2011, 12:17 Uhr
Melden 34 Empfehlung

Ach, die gute Frau hat 3 Tage Lärm pro Jahr(!) in der Nacht? Soll doch mal an die Viktoriastrasse oder an den Eigerplatz ziehen, dort sind es 7 Nächte das ganze Jahr, offene Fenster sind nie möglich. - Ich denke, die Frau jammert auf hohem Niveau. Soll sie doch während der Zeit Nachts die Fenster schliessen! Das ist zumutbar. Antworten



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