Bern

Luginbühl im unausweichlichen Sog des zweiten Wahlgangs

Von Marc Lettau. Aktualisiert am 26.10.2011 4 Kommentare

Die Wählenden werden es merken: Auch bei nur drei Kandidaten stellen sich viele Fragen. Und Werner Luginbühl hat beste Chancen.

1/5 Für Rechtsbürgerliche: Die klare bürgerliche Standesstimme - oder das strategische Wählen für Amstutz.

   

Stimmen addieren bringt hier nichts

Der Grüne Alec von Graffenried tritt nicht wieder an. Fehlschluss Nr. 1: Alle grünen Stimmen gehen nun im zweiten Wahlgang an Hans Stöckli. Eine Fehlüberlegung ist dies, weil schon im ersten Wahlgang viele für das Ticket Stöckli/von Graffenried gestimmt haben dürften. Von Graffenrieds Stimmen mit jenen von Stöckli zu addieren, führt somit zu groben Fehlschlüssen. Gleich verhält es sich mit den Stimmen der anderen Kandidaten, die nicht wieder antreten: Selbstverständlich dürften Bürgerliche, die im ersten Wahlgang Christian Wasserfallen wählten, im zweiten Wahlgang auf Werner Luginbühl oder Adrian Amstutz setzen. Aber viele haben dies auch schon im ersten Wahlgang getan.

Der Wahlzettel hat zwei Linien. Fehlschluss Nr. 2: Alle Wählenden füllen diese zwei Linien aus; strategische Wähler, die eine Linie leer lassen, gibts nur in der Theorie. Falsch. Im ersten Wahlgang hat jeder und jede Fünfte eine Linie leer gelassen. Sie stärkten einen einzelnen Kandidaten auf Kosten der anderen. 70'746 Stimmberechtigte setzten nur einen Namen auf den Stimmzettel. 288'851 Stimmberechtigte füllten beide Linien aus. (db/mul)

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Ein Wahlzettel, zwei Linien, drei Namen: Das Wahlmaterial für den zweiten Wahlgang vom 20. November wird von knappem Umfang sein. Trotz der überblickbaren Ausgangslage stellen sich für die Wählenden aber knifflige Fragen. Die wichtigste: Wie können sie angesichts der beschränkten Kombinationsmöglichkeiten ihren politischen Willen am besten zum Ausdruck bringen?

A., typisch rechtsbürgerlich

Blicken wir dem Wähler A. über die Schulter. Der rechtsbürgerliche A. will den Staat Bern von zwei Bürgerlichen vertreten wissen. Also setzt er Adrian Amstutz auf die erste Linie und Werner Luginbühl auf die zweite. Voilà: Ein klares Votum für die sogenannte «ungeteilte, bürgerliche Standesstimme».

Allerdings: Auch A. weiss, dass Luginbühls BDP zum Kern der neuen politischen Mitte zählt, die sich in vielen Fragen auf Kollisionskurs mit der SVP befindet. Warum also Luginbühl unterstützen? Muss der etwas verunsicherte rechtsbürgerliche Wähler Luginbühl wählen, um den Sozialdemokraten Stöckli zu verhindern? Schwierige Fragen. Auf dem bürgerlichsten aller bürgerlichen Wahlzettel bleibt aber eine Linie leer: Adrian Amstutz – und sonst nichts.

Des Wählers Überlegung: So vergrössert sich der Abstand zwischen Amstutz und Luginbühl. Recht viele Wähler überlegen derart strategisch. Bereits im ersten Wahlgang stand auf jedem fünften Wahlzettel nur ein Name (siehe Kasten).

B., typisch rot-grün

Für die typisch rot-grüne Wählerin B. präsentiert sich die Ausgangslage ganz ähnlich. Weil sie nach Simonetta Sommaruga wieder eine rot-grüne Kraft im Ständerat haben will, setzt sie Hans Stöckli auf die erste Linie. Auswahl gibts keine. Zweifel auch nicht. Aber Bern hat Anspruch auf zwei Sitze. Also fügt B. Werner Luginbühl dazu. Luginbühl ist nicht der linke Wunschkandidat. Aber der rot-grüne Abwehrreflex gegen die SVP zwingt dazu, auf ihn zu setzen: Man muss Luginbühl wählen, um ihn vor Amstutz zu wissen. Dem Stöckli Hans schadet solches Wahlverhalten nicht.

Bringt es B. nicht übers Herz, einen gemässigten Bürgerlichen zu wählen, dann macht auch sie, was jeder Fünfte bereits im ersten Wahlgang tat: Sie schreibt nur einen Namen auf den Wahlzettel. Mag sein, sie tut dies auch, weil sie Stöcklis Chancen steigern will. Sie verweigert beiden Konkurrenten die Stimme.

C., typisch neue Mitte

An den politischen Polen beschränkt sich also der Entscheidfindungsprozess darauf, den Wunschkandidaten plus Luginbühl auf den Wahlzettel zu setzen – oder den Wunschkandidaten ohne Luginbühl. Für die Neue-Mitte-Wählerin C. hingegen ist der Wahltag variantenreicher. Wir wissen von ihr nicht, ob sie im ersten Umgang Marianne Streiff (EVP)eine Stimmen gegeben hatte. Oder dem Grünen Alec von Graffenried. Oder gar beiden. Oder ob sie zu jenen gehörte, die Luginbühls Resultat aufpolierten. Wir wissen lediglich, dass sie jetzt nur noch einen Bewerber mit dem Etikett «Mitte» sieht: Werner Luginbühl. Ihn setzt sie auf die erste Linie. Und auf die zweite setzt sie – Hans Stöckli, denn der neuen Mitte anzugehören, heisst auch für C., sich von der SVP abzugrenzen.

Die Mitte ist facettenreich. Aber auch wirtschaftsfreundliche Freisinnige können aufs gleiche Ticket setzen, denn Amstutz gilt als harscher Kritiker der bilateralen Verträge. Stöckli ist dies nicht.

D. blickt von der Mitte nach rechts

Den Wähler D., der im ersten Wahlgang auf Wasserfallen und Luginbühl setzte, ziehts im Zweifelsfall eher nach rechts:Der Neue-Mitte-Wählerin C. und dem Mitte-rechts-Wähler D. bliebe als Alternative nur noch die Wahl, sich ganz von den Polen abzugrenzen und ausschliesslich auf den einzigen Mitte-Kandidaten zu setzen, auf Werner Luginbühl.

Waren das alle Kombinationsmöglichkeiten? Freie Wahlen erlauben auch gewöhnungsbedürftige Wahlzettel. Wer wählt so? Die winzige Minderheit der Bieler mit Zweitwohnsitz in Sigriswil. Und die etwas grössere Minderheit jener, die sich die zwei kantigsten Köpfe im Stöckli wünschen.

Fazit: Die Wahlchancen Luginbühls sind allein schon deshalb sehr gross, weil ihn sowohl Links-grüne-, Mitte-links- und Mitte-rechts-Wählerinnen und -Wähler in grosser Zahl auf den Stimmzettel setzen müssen. Um Stimmen kämpfen müssen hingegen Amstutz und Stöckli. (Der Bund)

Erstellt: 26.10.2011, 09:57 Uhr

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4 Kommentare

Armin Arnold

26.10.2011, 10:23 Uhr
Melden 14 Empfehlung

Hoffentlich wird das Stimmvolk bald zur Erkenntnis gelangen, dass Hans Stöckli SP und Werer Luginbühl BDP die besten Trümpfe für den Ständerat sein werden Antworten


Ralf Bachmann

26.10.2011, 12:02 Uhr
Melden 9 Empfehlung

Urban links und ländlich rechts, damit wäre der Kanton ausgeglichen repräsentiert. - Hans Stöckli und Werner Luginbühl - Eine faire Wahl.
@Stähli: Im Gegensatz zu Amstutz sind Luginbühl und Stöckli Pragmatiker, die zu tragfähigen Lösungen fähig sind. Das ist beim Polemiker Amstutz nicht gegeben, ich erinnere an die Motorsäge. Ausserdem sind Amstutz und Luginbühl alles andere als Kollegen.
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