Bern

Loeb will keine Konkurrenz in den eigenen vier Wänden

Von Nicole Tesar. Aktualisiert am 01.05.2012

Die im Berner Loeb eingemietete Buchhandlung Thalia musste Spielwaren wie Lego, Playmobil und Barbie aus den Regalen räumen, weil die Warenhauskette intervenierte.

Lego-Spielsachen: Seit Herbst bei zahlreichen Thalia-Buchhandlungen im Sortiment.

Lego-Spielsachen: Seit Herbst bei zahlreichen Thalia-Buchhandlungen im Sortiment.
Bild: Keystone

Stauffacher bleibt

Im Jahr 2000 vollzog der deutsche Thalia-Konzern den Schweizer Markteintritt. Er übernahm das Berner Buchgeschäft Stauffacher und die Basler Jäggi-Buchhandlungen. Im Berner Bahnhof heisst die frühere Buchhandlung Stauffacher seit Ende März Thalia. Im Bahnhof Freiburg ging die Umbenennung des Buchladens zum gleichen Zeitpunkt über die Bühne. Übrig bleibt heute nur noch das Stauffacher-Haupthaus an der Neuengasse. «An der Marke Stauffacher an der Neuengasse wird in keiner Weise gerüttelt», sagt Antje Deichsel, Sprecherin der Thalia Bücher AG in Basel. Das Haus und die Marke Stauffacher hätten dort eine langjährige Geschichte und Tradition, die tief verwurzelt seien. Die Umbenennung des Buchladens im Loeb von Jäggi zu Thalia erfolgte 2005.

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Vor Weihnachten stach dem Besucher im zweiten Untergeschoss der Thalia-Buchhandlung im Berner Loeb-Haus das neue Spielwarenangebot ins Auge – insbesondere das breite Lego-Sortiment. Wer heute die Buchhandlung besucht, staunt: Die gesamten Lego-Spielsachen sind verschwunden – auch Produkte von Playmobil, Barbie oder Fisher-Price sind nicht mehr in den Regalen. Übrig geblieben ist ein stark reduziertes Angebot an Spielsachen wie Puzzles, Plüschtieren oder Haba-Spielen.

Wer sich bei einer Kundenberaterin nach Lego und Playmobil-Artikeln erkundigt, erfährt nur: «Diese Produkte haben wir nicht mehr im Sortiment. Da müssen sie in der Loeb-Spielartikelabteilung im dritten Stock nachschauen.»

Anders die Situation im Stauffacher an der Neuengasse. Diese Buchhandlung gehört ebenfalls zur Thalia Bücher AG mit Sitz in Basel. Seit Herbst findet der Kunde im Stauffacher Spielwaren: Lego-Spielkästen, Playmobil, Puppen, Lotto oder Fisher-Price-Spielzeug.

Loeb bestätigt Intervention

Die Loeb-Leitung bestätigt, dass Thalia aufgrund ihrer Intervention die Spielwaren wieder entfernt habe. «Wir wollen nicht, dass unsere Kernsortimente von Mietpartnern geführt werden», sagt Heinz Baum, Chef der Loeb AG. «Thalia und Loeb bestimmen die Preise der Produkte selber. Identische Waren sollen im gleichen Warenhaus nicht zu unterschiedlichen Preisen angeboten werden.»

Die Aussagen von Heinz Baum will die Thalia Bücher AG nicht kommentieren, wie Pressesprecherin Antje Deichsel auf Anfrage sagt. Die Begründung, weshalb man die Spielwaren nach Weihnachten wieder aus dem Sortiment genommen hat, zielt in eine andere Richtung: «Vor Weihnachten ist es im Detailhandel und in der Branche normal, dass das Angebot bestimmter Warengruppen höher ist», so Deichsel. Danach werde dieses Angebot wieder angepasst.

Mietvertrag als Grundlage

Laut Baum diente Loeb der Mietvertrag als Grundlage für die Intervention. Darin regeln die Parteien, welche Produkte die Mietpartner im Sortiment führen können. Spielwaren sind bei Thalia nicht enthalten. Dass Loeb die Spielwaren-Abteilung über die Festtage gewähren liess, habe organisatorische Gründe gehabt, sagt Baum: «Wir wollten keine Baustelle über die Feiertage.»

Es ist kein Zufall, dass bei den beiden Buchhandlungen Thalia und Stauffacher fast gleichzeitig neu Spielwaren ins Sortiment aufgenommen wurden. «Die Umsätze im klassischen stationären Buchverkauf sind rückläufig», bestätigt Deichsel. Es handle sich um eine strukturelle und nicht um eine zyklische Herausforderung. «Lesen steht klar in Konkurrenz zu anderen Unterhaltungsmedien.» Dem wollen die Thalia Bücher AG und ihr Mutterkonzern in Deutschland mit einem erweiterten Angebot Gegensteuer geben. Nach und nach sollen in den Buchhandlungen neue Sortimentsbereiche aufgebaut werden, darunter Spielsachen, Papierwaren, Spiele, DVDs und Zusatzprodukte wie Trendartikel.

«Ansprechen will Thalia verstärkt den Ad-hoc-Kunden, der nicht mit einem festen Wunsch in den Laden kommt», schrieb vergangenen Herbst die deutsche Tageszeitung FAZ. «Vor allem versprechen wir uns durch den neuen Sortimentsmix Impulskäufe», sagte damals Michael Busch gegenüber der FAZ. Busch ist Geschäftsführer der deutschen Douglas Holding AG, zu welcher der Thalia-Konzern gehört.

Der deutsche Buchhandelskonzern Thalia ist mit knapp 300 Filialen und fast einer Milliarde Euro Umsatz in Deutschland, der Schweiz und in Österreich gemäss eigenen Angaben die Nummer eins im deutschsprachigen Sortimentsverkauf. In der Schweiz betreibt die Thalia Bücher AG insgesamt 24 Filialen und beschäftigt über 650 Mitarbeitende.Neben den beiden grossen Berner Filialen Thalia und Stauffacher nahmen auch die Thalia-Filialen in Schönbühl (Shoppyland), Spreitenbach, Emmenbrücke und St. Gallen im Herbst Spielwaren ins Sortiment auf, wie eine Umfrage bei den jeweiligen Filialen zeigt.

Internet: Ein Viertel vom Umsatz

Thalia setzt parallel auf den elektronischen Handel und das digitale Lesen. «Gegenwärtig erzielen wir in der Schweiz bereits 23 Prozent des Gesamtumsatzes über den Onlinehandel», sagt Mediensprecherin Deichsel. Bei den elektronischen Büchern bewege sich der Umsatzanteil im tiefen einstelligen Prozentbereich. Sie rechne bis in drei Jahren mit einem Anteil von 15 bis 20 Prozent. Das Multichannel-Geschäftsmodell sei unerlässlich, um langfristig eine nachhaltige Kundenbindung zu erreichen. (Der Bund)

Erstellt: 01.05.2012, 06:39 Uhr

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