Licht ins Dunkel des Inforama-Streits
Von Marc Lettau. Aktualisiert am 25.08.2011 5 Kommentare
Inforama im Wandel
Vordergründig geht es bei den Diskussionen ums Inforama um dessen Neuorganisation. Eine anfänglich geprüfte Aufteilung des Beratungs- und des Bildungsbereichs in zwei unabhängige Einheiten hat die Volks-wirtschaftsdirektion aber nach heftiger Kritik aus bäuerlichen Kreisen fallen gelassen. Die zwei derzeit gesuchten Führungskräfte für die beiden Bereiche sollen dem Inforama künftig als Co-Leiter vorstehen. Zwei bisherige und als Co-Leiter designierte Inforama-Kaderleute gaben im Frühsommer dieses Jahres ihren Verzicht bekannt. (mul)
In einem Biobetrieb werden Kartoff eln aussortiert: Auch die Frage, ob es mehr oder weniger Bio braucht, widerspiegelt sich im Disput ums Inforama. (Bild: Keystone)
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All die vielen Bernerinnen und Berner, die selber weder Äcker pflügen noch Kühe halten, wundern sich. Rund ums kantonale Bildungs- und Beratungszentrum Inforama herrscht eine schier hysterische Aufregung. Vordergründig gehts um den Führungsstil des Vorstehers des Lanat, des Amtes für Landwirtschaft und Natur. Worum sich der Konflikt aber im Kern dreht, blieb schwer fassbar.
Einfach ausblenden lassen sich die Querelen rund um die staatlich finanzierte Bildungs- und Beratungsstätte nicht, denn es gärt weiter und die Hemdsärmligkeit, die man dem Stand der Bauern zuzubilligen geneigt ist, kippt zeitweise in einen sehr rohen Schlagabtausch. Nach dem offenen Brief ehemaliger Landwirtschaftsschüler, die den Rücktritt des Lanat-Chefs fordern, gingen einem Lanat-Stabsmitarbeiter die Nerven durch. Er liess einen breiten Empfängerkreis schriftlich wissen, der Brief der Kritiker sei nur «persönliche Wadenbeisserei», «billige Stimmungsmache» und voller «katzfalscher und bewusst verunglimpfender, ehrverletzender Aussagen». Inzwischen ist der Brief schier Allgemeingut, weil er von Angegriffenen breit gestreut wird. Auch sonst sinkt das Niveau der Wortschlacht weiter.
In einem anonymen Schreiben erhebt jetzt eine orthografisch unsichere «Gruppe besorgter landwirtschaftlicher Vertreter» gröbste Vorwürfe. Die Anonymität rechtfertigt keine inhaltliche Würdigung des Papiers. Aber es illustriert die Enthemmtheit der Streitenden: Gezielt wird nicht mehr nur auf einzelne Amtsträger, die «ins Irrenhaus» gehörten, sondern auch auf deren familiäres Umfeld. Die jüngste Entwicklung trägt auch zum Eindruck bei, rund ums Lanat und ums Inforama intrigierten schier alle gegen alle. Was steigt, ist zunächst das Mass allgemeiner Konfusion. Selbst Insider der Volkswirtschaftsdirektion, bernische Agrarlobbyisten und Vertreter der landwirtschaftsnahen SVP geben «off record» als Erstes zu Protokoll, sie wüssten auch nicht so genau, worin der eigentliche Kern des Konflikts liege: «Wenn Sie es herausfinden, dann lassen Sie es uns bitte auch wissen», sagt ein Angefragter lakonisch.
Wehmut, weil Einfluss schwindet
Vergangene Woche erklärte Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher die Angelegenheit zur Chefsache und sprach von «einem Mosaik von Gründen». Ein Mosaikstein ist gesetzt: Wie alles in der Landwirtschaft ist auch die landwirtschaftliche Bildung grossen Veränderungen unterworfen. Das verunsichert. Viele Landwirtschaftsvertreter reagierten deshalb völlig erschüttert auf die vom Lanat veranlasste Prüfung, ob das Inforama nicht in einen Bildungs- und einen Beratungsbereich aufgeteilt werden müsste.
Allein schon in der Fragestellung sah die bäuerliche Lobby einen Übergriff. Rickenbacher entschied sich gegen die Trennung. Doch das Misstrauen an der Basis bleibt, sagt der Kandersteger Grossrat Hans Rösti (SVP): «Wir wissen jetzt nicht, obs längerfristig nicht doch auf die Trennung der beiden Bereiche hinauslaufen soll.» Dies wäre «ein Drama». Nur «Bildung und Beratung aus einer Hand» garantiere die unabdingbare Nähe der Ausbildung zur Praxis. Das von Rösti erwähnte Misstrauen erklärt aber das Mass an ausgetauschten Unfreundlichkeiten erst ungenügend.
Wer nachbohrt, wird auf ein tief sitzendes Verlustgefühl hingewiesen. Wehmütig sehe die bernische Landwirtschaft ihren politischen Einfluss schwinden. Früher sei es für die Bauern und ihre Organe leicht gewesen, von der Volkswirtschaftsdirektion Entscheide in ihrem Sinne einzufordern. In dieser Aussage sehe er «schon ein Kernchen Wahrheit», räumt Walter Balmer ein, der Präsident der Lobag, der wichtigsten bäuerlichen Interessenorganisation. Balmer lobt zwar ausdrücklich den guten, offenen Dialog zu Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher. Aber zu Zeiten, als die Volkswirtschaftsdirektion in den Händen der SVP war, hatten die bäuerlichen Interessenvertreter nicht nur einen guten, sondern einen direkten, parteiinternen Draht: «Es war sehr viel einfacher, bäuerliche Anliegen zu deponieren.»
Was Balmer nicht sagt: Der bäuerlichen Lobby fehlt inzwischen das Druckmittel. Mit dem Entzug bäuerlicher Stimmen bei den nächsten Wahlen zu drohen, nützt ihr rein gar nichts mehr: SP-Mann Rickenbacher dürfte auf derartige Drohungen durch SVP-nahe Lobbyisten recht gelassen reagieren.
Zu viel Öko, zu viel Bio
Die parteipolitische Konstellation bildet also ein weiteres Mosaiksteinchen. Ein viel kantigeres Steinchen sind wohl Rickenbachers Visionen: Etliche der Kritiker prügeln zwar den Lanat-Amtsvorsteher, meinen aber offensichtlich die agrarpolitischen Ansichten Rickenbachers. Rickenbacher stehe für «zu viel Öko und zu viel Bio».
Wers so sieht, sieht auch in der Neubesetzung der Inforama-Leitung ein Politikum: Zieht «der Chef» den Wagen noch mehr in Richtung Bio und Öko, verlieren alte Seilschaften im landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungswesen weiter an Gewicht. Für Rickenbacher sind Landwirtschaft und Umweltschutz in der Tat keine sich ausschliessenden, «sondern sich gegenseitig bedingende» Themen. Die hiesige Landwirtschaft werde nie in der Lage sein, sehr kostengünstig zu produzieren. Also müsse sie zwingend auf Qualität setzen. Unter Qualität stellten sich Konsumentinnen und Konsumenten «gesunde, ökologisch wertvolle Produkte vor, bei deren Herstellung zu Umwelt und Tierwohl Sorge getragen wird».
Aus dem Munde des Regierungsrats nehmen dies viele Bauern gelassen entgegen. Sagt aber der Lanat-Amtsvorsteher vor Emmentalern Bauern genau das Gleiche und sagt er, sie müssten halt mit «etwas mehr Bio» auf die Absatzkrise beim Emmentaler Käse reagieren, dann kocht der Saal.
Lobag will produzieren
Walter Balmer findet, man habe die Bauern «zum Teil gegen ihren Willen», aber dennoch «richtigerweise» näher an die ökologische Landwirtschaft herangeführt. Heute gelte es aber, die Produktivität wieder stärker zu betonen. «Klimaveränderung und Bevölkerungswachstum sind gute Gründe, die produzierende Landwirtschaft zu fördern», sagt Balmer. Und: «Bauern wollen produzieren und nicht ‹blüemele›.» Für die Lobag selber seien die agrarpolitischen Differenzen kein Problem: «Es ist logisch, dass wir einiges anders sehen als der Volkswirtschaftsdirektor, der das Ganze im Auge haben muss.» Er könne sich aber vorstellen, dass sich der eine oder andere Bauer heftig über den Bio- und Öko-Kurs Rickenbachers aufregt: «Es ist einfach eine weitere Facette des Konflikts.»
Aber die unterschiedlichen agrarpolitischen Vorstellungen seien nicht der Hauptgrund für die Zerwürfnisse. Seitens der Lobag wird stattdessen betont, die Art und Weise, wie das Lanat die organisatorischen Veränderungen im Inforama angepackt, abgeklärt und kommuniziert habe, sei doch wesentlich mitverantwortlich für die zahlreichen verbalen Entgleisungen der letzten Wochen: «Und ganz ausgestanden ist die Sache noch nicht», sagt Balmer.
Ausbildungskanton Bern
Die Konsumenten und Konsumentinnen betrifft der Disput ums Inforama zumindest indirekt. Rund ein Viertel aller landwirtschaftlichen Ausbildungsbetriebe der Schweiz befinden sich im Agrarkanton Bern. Das sind viele. Wie die von Strukturreformen geplagte Landwirtschaft auf die Zukunft ausgerichtet und welche Rolle sie künftig für den heimischen Markt einnehmen wird, prägen also die künftigen Berner Bauern und das Inforama ganz wesentlich mit. (Der Bund)
Erstellt: 25.08.2011, 08:02 Uhr
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5 Kommentare
Als Bürger und Steuerzahler (im Kanton Bern mit Betonung auf letzteres...) finde ich es eigentlich nicht zuviel verlangt, wenn Institutionen wie das Inforama schlicht nach neusten wissenschaftlichen und pädagogischen Kriterien ihren Bildungsauftrag wahrnehmen sollen. Vertretern der Agrarlobby ist deshalb entschieden die Tür zu weisen - es geht einzig um die Grundlagen nachhaltiger Landwirtschaft. Antworten
Im Lanat arbeiten über 400 Personen. Der grösste Teil dieser Mitarbeitenden hat längst erkannt, dass Urs Zaugg der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Es bleibt zu hoffen, dass diese schweigende Mehrheit die Aufwiegler endlich dazu bringt, die fälligen Anpassungen zu akzeptieren und zum Tagesgeschäft überzugehen - zum Wohl der Bernischen Landwirtschaft. Antworten
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