«Lerne die Sprache! Integriere dich!»
Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 22.07.2011 2 Kommentare
1. August in Bern
Die 1.-August-Rede auf dem Münsterplatz hält heuer nicht die Stadtratspräsidentin als höchste Bernerin, sondern Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (BDP). «Ich werde den Anlass nur moderieren», sagt Ratspräsidentin Vania Kohli (BDP) auf Anfrage.
Von 17 bis 24 Uhr wird auf dem Münsterplatz eine Festwirtschaft betrieben. Ab 18.45 Uhr spielen Bands. Der Lampionumzug startet um 21 Uhr beim Bärenpark und um 21.30 Uhr auf dem Münsterplatz. Auf dem Bundesplatz organisiert Procap, die Selbsthilfeorganisation von Menschen mit Behinderung, ein Lichtermeer. Die Lichter kosten fünf Franken und können ab 20 Uhr aufgestellt werden. Im Bundeshaus und im Zytglogge finden tagsüber Führungen statt.
Spezialbrillen mit Herzeffekt
Um 22.30 Uhr wird auf dem Gurten das Feuerwerk gezündet. Die sieben Bilder erhellen während 30 Minuten den Nachthimmel. Das Feuerwerk wird von privater Seite gesponsert. Der Berner Drogist Wilfred Burri («Knallfred») hat das Eröffnungsbild vorfinanziert und mit Kosovare Rustemi und der «Könizer Zeitung» die Benefi zaktion «Gurtenfeuerwerk fürs Herz» lanciert. Mit dem Kauf eines Zertifikates unterstützt man Terre des Hommes und erwirbt gleichzeitig zwei Herzbrillen. Wer diese während des Feuerwerks aufsetzt, sieht Herzen am Himmel lodern. Zertifikate und Brillen können unter anderem bei der Drogerie Burri am Waisenhausplatz 14 in Bern erworben werden.
Am 1.-August-Feuerwerk auf dem Gurten wird heuer nicht nur Geld vernichtet. Wer etwas Gutes tun will, kann für das Eröff nungsbild ein Zertifi kat im Wert von 50 Franken erwerben (siehe Text links). Die Hälfte dieses Betrages geht an Terre des Hommes Bern für das Projekt «Eine lebensrettende Reise». Im Rahmen dieses Projektes werden Kinder, die zu Hause nicht operiert werden können, für einen chirurgischen Eingriff in die Schweiz überwiesen.
Die in Bern lebende Kosovare Rustemi hat massgeblich dazu beigetragen, dass das traditionsreiche Gurtenfeuerwerk heuer erstmals mit einer Benefizaktion verknüpft wird. Die Kundenbetreuerin in der Druckerei Rubmedia investiert ihre ganze Freizeit in die Kinderhilfe. Durch ihr Engagement als Präsidentin der Berner Freiwilligengruppe von Terre des Hommes straft sie die gängigen Negativ-Klischees über die Kosovaren in der Schweiz Lügen. Neulich hat ihr sogar der Botschafter ihres Herkunftslandes zu ihrem Engagement gratuliert und dabei betont, dass sich dieses nicht von selber verstehe. «Ich habe als Kind den Krieg erlebt. Im Krieg sind Kinder die Hauptleidtragenden. Für mich ist mein Engagement selbstverständlich», sagt die junge Frau, die von ihrem Umfeld «Kosa» genannt wird. Der auff allende Vorname erklärt sich aus der Zeit ihrer Geburt, die in eine Periode grösserer politischer Unruhen fiel.
«Ich habe meine Chefs angefleht»
Als 16-jährige Praktikantin hat Rustemi damit begonnen, notleidende Kinder aus ihrem Heimatdorf zu unterstützen. «Ich habe 500 Franken verdient. 200 davon brauchte ich für mich. Den Rest schickte ich nach Kosovo.» Bald aber musste sie realisieren, dass ihre Wirkung als Einzelperson beschränkt ist. Gegenüber Hilfswerken war sie zunächst aber skeptisch. Würde das Geld tatsächlich denjenigen zugutekommen, die es nötig haben? Rustemi hat schliesslich alle Terre-des-Hommes-Projekte in ihrem Heimatland besucht, um sich ein Bild zu machen. Dabei sei sie zur Überzeugung gelangt, beim Kinderhilfswerk mitzumachen. Das Geld komme Kindern mit schulischen oder psychischen Problemen zugute. Trotz des Lobes, das sie bis anhin für ihr Engagement einheimsen konnte, versteht sich Rustemi aber nicht als «Vorzeige-Migrantin». An ihrem Arbeitsplatz im Verlag gelte sie zwar mittlerweile als «Perle» des Betriebes. «Ich bin aber keine Perle. Ich habe meine Fehler wie andere Leute auch.»
Die heutige Wertschätzung, die Rustemi widerfährt, kontrastiert scharf mit den Diskriminierungen, die sie etwa bei der Lehrstellensuche erleben musste. Nach der Schule hat sie drei Jahre lang in einer Verpackungsfi rma am Fliessband gearbeitet. «Ich habe meine Chefs angefleht, mir eine Chance für eine KV-Lehre zu geben.» Sie habe mehrfach darauf hingewiesen, dass der Betrieb nichts zu verlieren habe, wenn man ihr eine Chance gebe. Irgendwann sei es ihr gelungen, das Eis zu brechen. «Am Schluss waren sie alle stolz auf mich. Ich war die erste Kosovo-Albanerin des Betriebes, die einen KV-Abschluss geschafft hat.»
«Es gibt nur Schwarz oder Weiss»
Ihr Werdegang hat Rustemi gezeigt, dass es für Migranten aus ihrem Land keine Normalität in der Schweiz gibt. «Es gibt immer nur Schwarz oder Weiss.» Als die Elfährige und ihr ein Jahr älterer Bruder den Eltern in die Schweiz nachzogen, wäre sie am liebsten gleich wieder nach Hause zurückgekehrt. «Ich konnte kein Wort Deutsch. Ich war hier verloren.» Ihr Vater sei aber darauf bedacht gewesen, dass seine Kinder rasch Deutsch lernten, und habe ihnen Privatunterricht bezahlt. In der Schule habe sie später trotzdem immer wieder hören müssen, dass sie nicht einmal richtig Deutsch sprechen könne. Zu Hause habe sie sich jeweils über solche Sprüche beklagt. Ihr Vater habe daraufhin geantwortet: «Wenn du nicht mehr verspottet werden willst, musst du etwas aus dir machen.» Kosovare Rustemis Vater hat in der Schweiz 35 Jahre auf dem Bau gearbeitet. «Er wollte, dass seine Kinder etwas aus ihrem Leben machen.»
«Hast du noch alle Organe?»
Für eine junge Kosovarin, die heute in die Schweiz migriert, habe sie daher einen Rat: «Lerne die Sprache! Integriere dich! Vergiss, was in Kosovo war.» Es sei schade, wenn ihre Landsleute in der Schweiz ihr Geld für Autos oder aufwendige Heiraten ausgeben würden. «Das Geld sollte in die Ausbildung investiert werden.» Sie sei zwar als gelernte Kauffrau und trotz zahlreicher Weiterbildungen auch bei der Stellensuche noch auf einschlägige Vorurteile gestossen. Seitdem sie bei Rubmedia arbeite und sich als Freiwillige engagiere, habe sie aber kaum mehr derartige Erlebnisse machen müssen.
Trotz dieser erfreulichen Entwicklung ist es aber nach wie vor so, dass sich Rustemi bei Negativ-Schlagzeilen aus Kosovo gegenüber Schweizern rechtfertigen muss. «Hast du noch alle Organe?», habe man sie gefragt, als der Schweizer Europaratsabgeordnete Dick Marty dem kosovarischen Regierungschef in einem Untersuchungsbericht vorwarf, in den Organhandel verstrickt zu sein. Mit dieser Art von «Humor» kann Rustemi nichts anfangen. «Ich will mich für solche Dinge nicht mehr rechtfertigen müssen. » Falls jemand solche Untaten begangen habe, müsse er ungeachtet seiner Nationalität bestraft werden, sagt die junge Frau dezidiert.
Spendenaktion mit Thomas Fuchs
Rustemi selber scheint Vorurteile nicht zu kennen. Für den diesjährigen Frühlings-Orangenverkauf von Terre des Hommes auf dem Bärenplatz ist es ihr gelungen, nebst anderen Politikern auch SVP-Nationalrat Thomas Fuchs einzuspannen. «Ich wollte wissen, ob Fuchs etwas für eine Kosovo-Albanerin macht.» Sie habe auch SVP-Kantonalpräsident Rudolf Joder und den heutigen Ständerat Adrian Amstutz angefragt. Obwohl Amstutz ihr eine Antwort versprochen und Joder sogar ein Engagement zugesagt hatte, habe sie schliesslich nichts mehr von den beiden gehört.
Fuchs jedoch sei gekommen. «Er hat seinen Job gut gemacht.» Er habe zwar weniger Orangen verkauft als Werbung in eigener Sache betrieben. Aber fairerweise müsse man auch erwähnen, dass wohl manch einer der potenziellen Käufer davor zurückgeschreckt sei, ausgerechnet bei einem SVP-Hardliner eine Orange für Terre des Hommes zu kaufen. Natürlich fühle sie sich betroffen vom Bild, das die SVP von Kosovo-Albanern vermittle. «Die SVP ist für mich aber kein Feindbild.» (Der Bund)
Erstellt: 22.07.2011, 09:12 Uhr
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2 Kommentare
Wir haben 3 Stifte in unserem Betrieb, 2 davon mit Wurzeln im Kosovo. Bei den beiden Kosovaren haben die Eltern ebenfalls darauf bestanden, dass Deutsch gelernt werden muss bzw. dass sie anständiges Schweizerdeutsch sprechen. Einer der Stifte hat soeben seinen Abschluss gemacht, der Arbeitgeber hat ihn übernommen und der ex-Stift wird eine weiterführende Hochschule absolvieren. Antworten
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