Lektionenabbau in der Schule ist beschlossene Sache
Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 30.11.2011 28 Kommentare
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Eila Pfanner hat vergeblich schöne Schlüsselanhänger gebastelt. Zusammen mit anderen Schülern, Eltern und Lehrkräften der Schule Spiegel protestierte die Neunjährige gestern vor dem Rathaus gegen den Abbau von Werklektionen. «Die Fächer Gestalten sowie Hauswirtschaft vermitteln wichtige Schlüsselkompetenzen», hiess es auf dem Flyer, den sie an ihre Bastelarbeit gehängt hat. Die Grossrätinnen und Grossräte liessen sich jedoch nicht erweichen. Ab kommendem Schuljahr wird auf Eilas Stundenplan eine Lektion weniger Werkunterricht stehen.
Um jährlich zehn Millionen Franken einzusparen, streicht das Kantonsparlament von der 2. bis in die 4. Klasse je eine Wochenlektion Technisches und Textiles Gestalten sowie in der 5. und 6. Klasse eine Stunde Natur-Mensch-Mitwelt (NMM) pro Woche. Damit können über 100 Vollzeitlehrerstellen gestrichen werden. Die Massnahme bedingt aber auch eine Anpassung des Lehrplans. Welche Unterrichtsinhalte wegfallen, steht noch nicht fest. Der Grosse Rat lehnte einen Antrag der SP, auf den Abbau generell zu verzichten, mit 86 zu 47 Stimmen ab. Auch ein Antrag der EVP, vorerst einmal im nächsten Jahr das Angebot aufrechtzuerhalten, fand mit 62 zu 74 Stimmen keine Mehrheit.
«Bankrotterklärung des Kantons Bern»
SP, Grüne, EVP sowie die GLP/CVP-Fraktion hatten gegen den Abbau mobilisiert. «Das ist eine Bankrotterklärung des Kantons Bern», sagte SP-Präsident Roland Näf. Der Kanton gebe die Ziele auf, die er sich in seiner Bildungsstrategie selber gesetzt habe. «Bei den Kindern dürfen wir nicht sparen!», konstatierte Näf. Auch EVP-Grossrat Daniel Steiner sagte: «Auf dem Buckel der Kinder zu sparen, ist unsinnig und unfair.» Die Folgen davon zeigten sich erst nach Jahren in einer sinkenden Wettbewerbsfähigkeit des Kantons Bern.
Zugunsten eines ausgeglichenen Budgets hatte die EVP vorgeschlagen, statt in der Primarschule beim Strassenbau zu sparen. Hier werde zu viel Geld in Luxuslösungen gesteckt. «Wollen wir Bildungslücken oder Schlaglöcher, Teer oder Know-how?», fragte Daniel Steiner. Auf diesen Handel liessen sich die Bürgerlichen jedoch nicht ein.
Für Regierung «vertretbar»
«Ich vertraue dem Erziehungsdirektor, dass er keine dummen Sparvorschläge macht», sagte Heinz Siegenthaler (BDP) zum Sparpaket der Regierung. Für Parteikollege Mathias Tromp ist die Sparmassnahme «vertret- und verantwortbar». Die SVP schliesslich bezeichnete es zwar als «schwer nachvollziehbar», dass direkt bei den Schulstunden gekürzt werde, und verlangte vom Regierungsrat, das nächste Mal in der Bildungsverwaltung zu sparen. Schliesslich stimmte sie der Sparmassnahme aber doch zu.
Finanzdirektorin Beatrice Simon (BDP) vertrat die Sparvorschläge im Namen des Regierungsrats. «Es gibt nur drei Möglichkeiten, bei der Bildung substanziell zu sparen: Löhne senken, Klassen vergrössern oder Lektionen abbauen», sagte sie. Die Anstellungsbedingungen der Lehrkräfte zu verschlechtern, sei nicht infrage gekommen. Hier seien eher Massnahmen in die andere Richtung nötig. Auch bei der Klassengrösse sehe man keinen Spielraum. Nur der Lektionenabbau sei für den Regierungsrat «vertretbar».
Die Anzahl Lektionen im Kanton Bern ist im Vergleich bereits heute unterdurchschnittlich. Nun fallen in der Schulkarriere eines Kindes weitere 190 Stunden weg. Erwartet wird jedoch, dass die Einführung des einheitlichen Lehrplans für die Deutschschweiz im Jahr 2014 für den Kanton Bern eine erneute Erhöhung der Lektionenzahl nach sich ziehen wird. (Der Bund)
Erstellt: 29.11.2011, 18:09 Uhr
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