Bern

Lehrer fordern zusätzliches Schuljahr bis zur Matur

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 18.01.2012 3 Kommentare

Gymnasiallehrkräfte glauben, die Lösung für eine der umstrittensten Bildungsfragen gefunden zu haben: Alle künftigen Maturanden sollen erst nach 9 Jahren Volksschule ans Gymnasium wechseln.

Die Hälfte der bernischen Maturandinnen und Maturanden verbringt nur drei Jahre am Gymnasium.

Die Hälfte der bernischen Maturandinnen und Maturanden verbringt nur drei Jahre am Gymnasium.
Bild: Valérie Chételat (Archiv)

Der bernische Sonderfall

Über Generationen dauerte die Primarschule 4 Jahre. Danach besuchten die Schülerinnen und Schüler mit Ziel Maturität entweder 2 Jahre die Sek und 2 Jahre ein Untergymer oder 5 Jahre die Sek, bevor sie ans viereinhalbjährige Gymnasium wechselten.

Ende der Achtzigerjahre legte der Grosse Rat dann die Anzahl Schuljahre bis zur Matura auf 13 fest. Die künftigen Maturanden besuchten nach 6 Jahren Primarschule entweder 2 oder 3 Jahre die Sek und danach 5 oder 4 Jahre das Gymnasium. Bereits 4 Jahre später verkürzte der Kanton die Dauer auf 12 Jahre. Umgesetzt wurde der Entscheid jedoch erst 1997. Seither wechselt etwa die Hälfte bereits nach der 8. Klasse in die Quarta ans Gymnasium. Die andere Hälfte besucht den Gymnasialen Unterricht (GU 9) an einer Oberstufe und erst ab der Tertia die Mittelschule.

Die Berner Lösung ist in der Schweiz ziemlich einzigartig. In fast allen Kantonen verbringen die Schüler mindestens 4 Jahre am Gymnasium. In Zürich und in der Zentralschweiz sind Langzeitgymnasien verbreitet, bei denen die Selektion bereits nach der Primarschule stattfindet. In den meisten Kantonen dauert die Ausbildung bis zur Matura wie in Bern 12 Jahre. Ein Jahr länger dauert sie in den Kantonen Aargau, Wallis, Freiburg, Genf und Tessin. Zudem stellen beide Basel auf 13 Jahre um.

Dieser Tage werden alle rund 1000 bernischen Gymnasiallehrerinnen und -lehrer eingeladen, eine Petition für das sogenannte Modell 9/4 zu unterschreiben. Der Berufsverband Lehrerinnen und Lehrer Bern (Lebe) fordert darin die Erziehungsdirektion und den Grossen Rat auf, die Schulzeit bis zur Matura von 12 auf 13 Jahre zu verlängern. Künftig sollen alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam 9 Jahre in der Volksschule verbringen. Künftige Maturanden könnten erst danach ins vierjährige Gymnasium wechseln.

«Damit wollen wir aus der Zwickmühle herauskommen», sagt Adrian Blaser, Vorstandsmitglied der Gymnasiallehrerfraktion von Lebe und Prorektor des Kirchenfeld-Gymnasiums. Die Gymnasien wollen seit langem alle Schüler bereits in der Quarta bei sich haben. Heute besucht im Kanton Bern aber noch immer knapp die Hälfte den gymnasialen Unterricht der 9. Klasse (G U 9) in den Oberstufenschulen der Gemeinden und wechselt erst für die Tertia ans Gymnasium. Darunter leide die Qualität der Matura, sind die Gymnasiallehrer überzeugt. Die Resultate der Evaluation der Schweizer Maturitätsreform stützen diese These. Gemeinden und Seklehrer, die ihre GU-9-Schüler nicht hergeben wollen, verhinderten jedoch bisher die sogenannte Quarta-Lösung. Diese sähe vor, dass alle künftigen Maturanden nach der 8. Klasse für 4 Jahre ans Gymnasium wechseln.

Mit dem Modell 9/4 könnten nun die Gemeinden ihren GU-9-Unterricht behalten und auch die Seklehrer hätten nichts zu befürchten. Gymnasiallehrer Blaser bestreitet denn auch nicht, dass auch taktische Gründe für die Petition sprechen. Dringend nötig sei das zusätzliche Schuljahr für die Maturanden nicht. Man suche aber einen Weg, um «endlich» einen Kompromiss für die Lösung der «Quarta-Frage» zu finden. Blaser ist sich auch bewusst, dass die Forderung zu einem heiklen Zeitpunkt kommt. Erst im November hatte der Grosse Rat aus Spargründen Lektionen in der Volksschule gestrichen.

Pulver fällt Vorentscheid

Dennoch ist der Zeitpunkt für die Petition mit Bedacht gewählt. Bis Mitte Jahr will Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) einen Vorentscheid fällen. Im letzten Jahr hatte er in zahlreichen Diskussionsrunden den Puls der Betroffenen gefühlt und sucht jetzt nach einer mehrheitsfähigen Lösung für das heiss umstrittene Problem. «In der Evaluation hat das Modell 9/4 am meisten Zuspruch erhalten», sagt Pulver. Persönlich unterstütze er den Grundansatz des Modells, den Kindern etwas mehr Zeit zum Lernen zu geben. Welche Lösung er vorschlagen werde, sei aber noch offen.

Zum Knackpunkt dürften die Kosten werden. Laut ersten Berechnungen im Mittelschulbericht 2009 würde das Modell 9/4 zusätzlich 20 Millionen Franken pro Jahr kosten. Heute geht Pulver jedoch davon aus, dass es auch günstiger umsetzbar wäre. Dennoch lassen die Kosten sogar Politiker vor dem Kompromiss zurückschrecken, die sonst für den Ausbau des Bildungssystems kämpfen. «Finanzpolitisch steht der Vorschlag völlig quer in der Landschaft», sagt SP-Präsident Roland Näf. «Alle haben Angst, sich die Finger zu verbrennen», so Näf. Die Quadratur des Zirkels sei jedoch nicht möglich: «Das Problem lässt sich nicht lösen, ohne jemandem wehzutun.» (Der Bund)

Erstellt: 18.01.2012, 06:36 Uhr

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3 Kommentare

Herrmannn Meier

18.01.2012, 07:18 Uhr
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Seit einigen Jahren nehmen die Gymnasien jedes Kindauf, das nicht bei drei auf den Bäumen ist, um so die Maturandenquote zu erhöhen, weil dies scheints in den umliegenden Ländern Mode ist. Dass damit das Niveau sinkt, wird erstaunt zur Kenntnis genommen und nun soll mit einem zusätzlichen Jahr die Sache wieder etwas ausgeglichen werden. Antworten


Christoph Zürcher

18.01.2012, 18:56 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Schülerinnen und Schüler sind für Sek.- und Gym.lehrkräfte einfach die Manöveriermasse, um Arbeitsplätze zu sichern. Berner Maturanden sind nicht dümmer als dijenigen anderer Kantone. Ein zusätzliches Gym.jahr ist absolut überflüssig, kostet den Steuerzahler pro Jahr 20 Mio und den Opfern ein Studienjahr. Gewerkschaftskämpfe zu Lasten von Schülern und Eltern austragen ist verantwortungslos. Antworten



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