Bern

Laut Experten ist der Bärenpark zu steil

Von Patricia Götti. Aktualisiert am 25.10.2010 3 Kommentare

Fachleute lassen kein gutes Haar an Berns Bärenpark: Zu steil sei das Gelände, zu exponiert die Bären darauf, monieren sie etwa – und finden den Park gar nicht so viel besser als den alten Graben. Selbstredend weist Tierpark-Direktor Schildger die Kritik zurück.

So klein der Bär unten, so gross das Interesse oben. Aber ist das alles tiergerecht? (Valérie Chételat)

So klein der Bär unten, so gross das Interesse oben. Aber ist das alles tiergerecht? (Valérie Chételat)

Der Zoo-Fachmann Felix Weber hat eine dezidierte Meinung: «Bei der Planung und der Umsetzung des Bärenparks stehen einem die Haare zu Berge», sagt der langjährige Präsident von Zoo Schweiz, der auch bis zur Pensionierung im letzten Jahr Direktor des Natur- und Tierparks Goldau war. Von Anfang an sei der Park in Bern falsch angegangen worden. Nicht die Natur und die Gegebenheiten vor Ort hätten die Umsetzung bestimmt, sondern von aussen gesetzte Vorgaben.

Augenfälligstes Beispiel: Von Anfang an sei bestimmt gewesen, dass die Bären in der Aare fischen und baden sollten, sagt Weber. «Dabei liegt das Gelände an der Aussenkurve des Flusses – wo es wegen der Strömung keinem Bären in den Sinn käme, ins Wasser zu gehen.» Wer solches konzipiere, verstehe schlicht nichts von Bären. Zudem habe man wegen der Gefahr bei Hochwasser schliesslich ein von der Aare abgetrenntes Bassin bauen und dafür Erdmassen vom
Aarehang abtragen müssen – wodurch das Gelände noch steiler geworden sei.

Zu steil, zu eng – und ungeschützt

Und dass dieses für Bären viel zu steil ist, davon ist Weber überzeugt: «Das sind schliesslich keine hochalpinen Tiere.» Dass die Fläche der Gehege gross wirke, sei wegen des stark abschüssigen Geländes «eine optische Täuschung». In Tat und Wahrheit hätten sie zu wenig Platz. Denn die Bären nutzen mehrheitlich die – wenigen – ebenen Stellen im Gehege. Weber stellt überdies fest: Die Besucher blickten auf der Hälfte des Park-Rundgangs von oben auf die Tiere hinab – wie früher, im alten Bärengraben. Dies stört auch den Zoologen Thomas Althaus. Er war bis zur Pensionierung 2006 beim Bundesamt für Veterinärwesen unter anderem für Wildtierhaltung zuständig und wird in tierhalterischen Fragen auch heute noch als Berater beigezogen. Eines der Hauptargumente für einen Neubau der Bärenanlage sei gewesen, dass es ethisch unverantwortlich und demütigend für die Bären sei, unten im Graben zu sein, während die Besucher von oben herabstarrten. Daran habe sich nichts geändert. Zwar glaubt er nicht, dass dies die Bären störe – «denen ist es wohl wurst» –, aber: Punkto Haltung den Tieren gegenüber sei ein schlechtes Zeichen gesetzt.

Althaus gehört zu den Kritikern der ersten Stunde des alten Bärengrabens und war vor fast 20 Jahren in einem Artikel im «Bund» wohl der Erste, der die Idee einer Bärenanlage am Aarehang ins Spiel brachte. Er stand beim Projektwettbewerb einem Berner Architekturbüro beratend zur Seite, das mit seinem Projekt schliesslich auf dem vierten Platz landete. Dieses Projekt rechnete von Beginn an mit rund 32 Millionen Franken Kosten – also mit wesentlich mehr als das Siegerprojekt – und sah vor, dass die Besucher die Bären nur auf gleicher Augenhöhe oder von unten nach oben hätten betrachten können. Auch hätte sich diese Anlage mit drei etwa gleich grossen Gehegen weiter aareaufwärts erstreckt. «So hätte man mehr Bären halten und flexibler auf Nachwuchs reagieren können, und Bärenvater Finn müsste heute nicht fast zwei Jahre lang in einem Mini-Gehege leben, weil er von den Jungbären getrennt werden muss.»

Zoo-Experte Weber weist auch auf die fehlenden Rückzugsmöglichkeiten für die Bären im Park in Bern hin. Das sei in Goldau anders: Dort gebe es «Inseln», wo die Bären geschützt vor den Blicken seien. Auch die Bärenanlagen im Zoo Zürich und im Zürcher Wildnispark Langenberg beispielsweise seien nicht von allen Seiten einsehbar. «Völlig unverständlich» ist es für Weber, dass der Park nicht von Anfang an behindertengerecht gestaltet wurde und dass die Gefahr von Unfällen wegen des leichten Zugangs der Besucher zur Aare nicht bedacht wurde. Und schliesslich öffne die Lage Tür und Tor für Vandalismus, wie zum Beispiel, Abfall von der Nydeggbrücke ins Gehege zu werfen. Dies ist laut Althaus besonders problematisch, weil die Bären auch nachts draussen sind. Im Vergleich zum heutigen Park sehen beide Experten gar Pluspunkte beim alten Bärengraben: «Im grossen Graben hatte ein Bär mehr Rückzugsmöglichkeit als heute im Park», sagt Althaus. Und Weber zieht das Fazit: «Tiergartenbiologisch ist der Bärenpark komplett den Hang hinuntergerutscht.»

Tierpark weist Kritik zurück

Nach Ansicht von Tierpark-Direktor Bernd Schildger entbehrt die Kritik «jeder Sachkenntnis». Bären seien steiles Gelände gewohnt; in die Schweiz eingewanderte Tiere etwa hielten sich auf gebirgigen Steilhängen auf, sagt er. Ausserdem blieben die Bären so körperlich fit. «Die grosse Anpassungsfähigkeit von Bären darf nicht unterschätzt werden.» Die Exponiertheit scheine den Tieren nichts auszumachen: Sie hätten sich nicht in die Stallungen zurückgezogen, als diese probeweise offen standen. Die Besucher verhielten sich trotz grossen Andrangs respektvoll. Im Notfall stehe ein drittes Gehege zu Verfügung: der alte grosse Bärengraben. (Der Bund)

Erstellt: 25.10.2010, 06:55 Uhr

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3 Kommentare

christian meyer

25.10.2010, 10:31 Uhr
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Wer das Gefühl hat, dass "Tierparks" und Zoos überhaupt je "tiergerecht" sein können, der hat was nicht verstanden. WO hält sich ein Bär normalerweise auf? Genau, in der freien Wildnis, und sicher nicht in einem Gehege. Den Bärengraben kann man noch 100x umbauen und erweitern, "tiergerecht" wird er sicher nie und nimmer sein. Antworten


Nicole Philipp

25.10.2010, 15:48 Uhr
Melden

Ich kann mich Herrn Meyers Aussage nur anschliessen. Richtig machen kann man es nur, wenn Tiere dort leben dürfen, wo sie hingehören: in der Natur! Antworten



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