Landwirtschaft als pädagogisches Konzept
Von Anita Bachmann. Aktualisiert am 16.11.2011 1 Kommentar
Odenwaldschule: Missbrauchsfälle
Die Odenwaldschule liegt abgelegen bei Heppenheim (D). Das Landerziehungsheim nahm in der Zeit, als der sexuelle Missbrauch geschah, Kinder und Jugendliche reicher Eltern, aber auch solche aus zerrütteten Familien auf. Die Kinder lebten in familienähnlichen Strukturen mit Lehrern und Mitschülern und besuchten die heiminterne Schule.
Unter anderen der Schulleiter missbrauchte während Jahren Schüler. Ein Opfer beschreibt im diesen Herbst erschienenen Buch «Wie laut soll ich denn noch schreien?», dass der sexuelle Missbrauch ein offenes Geheimnis war. Täter, Mittäter und Mitwisser hätten ein System gebildet – deshalb seien die Missbräuche während Jahrzehnten nicht aufgedeckt worden.
Selbstversorgung ist auf dem Berghof Stärenegg grossgeschrieben. Äpfel stehen vor dem Bauernhaus bereit zum Mosten, Zwiebelzöpfe schmücken die Laube, und auf dem Herd steht Brotteig und geht auf. Das Holz, mit dem die Schulstuben geheizt werden, fällen und hacken die Kinder und Jugendlichen zusammen mit dem Lehrer. Heute ist die kleine Schulstube im Nebengebäude des Haupthofs oberhalb von Trubschachen allerdings ungeheizt und leer. «Der Lehrer ist krank», sagt Michel Seiler.
Zusammen mit seiner Frau fing er 1970 an, auf dem Stärenegg-Hof ein Heim für Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen aufzubauen. Gleichzeitig wurden die ersten Kinder aufgenommen und von Anfang an auf dem Hof unterrichtet. Heute bilden sechs kleine und mittlere Höfe im Oberen Emmental mit 120 Hektaren Land und Wald den Kern. 30 weitere Höfe in der Schweiz und in acht europäischen Ländern arbeiten mit dem Berghof Stärenegg zusammen, insgesamt werden 50 Kinder und Jugendliche betreut.
Michel Seiler ist einer der Söhne von Ruth Seiler-Schwab und Robert Seiler, den Gründern der bekannten Heimschule Schlössli Ins. «Ein Paradiesvogel», sagt Ueli Affolter, Geschäftsführer des Heimverbands Bern, dessen Arbeit aber geschätzt wird. So etwa von der UPD-Kinder- und Jugendpsychiatrie. «Die Institution ist sehr tragfähig», sagt deren Direktor Wilhelm Felder. Die Stärenegg sei in der Lage, auch Kinder und Jugendliche mit sehr schwierigem psychosozialem Hintergrund aufzunehmen, und dies in der Regel für eine lange Zeit.
Kein Interesse der Wissenschaft
Szenenwechsel. In der Zeit von 1965 bis 1991 wurden an der deutschen Odenwaldschule über hundert Schüler und Schülerinnen sexuell missbraucht (siehe Box oben links). Elf Opfer nahmen sich später das Leben, viele der Traumatisierten flüchteten in die Alkohol- und Drogensucht. Als die ersten Fälle 1999 publik wurden, reagierte niemand darauf. Erst als im vergangenen Jahr das ganze Ausmass erkannt wurde, rüttelte der Fall auf. Bis dahin galt die Odenwaldschule als Vorzeigeinstitut der Reformpädagogik, wie sie in den deutschen Landerziehungsheimen zum Tragen kam.
Auch der Zürcher Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers befasste sich mit der Odenwaldschule, schrieb ein Buch über die dunklen Seiten der Reformpädagogik und äusserte sich unlängst im «Bund». «Diese ländliche Erziehungsidylle, die Familienstrukturen, die Schule als Wohnstube, die fehlende Distanz – das musste ja schiefgehen», sagte er. Das kann Michel Seiler nicht so stehen lassen – er, der sagt, dass es auf den abgelegenen Höfen für Kinder in schwierigsten Situationen mehr pädagogische Möglichkeiten gibt als im Dorf oder in der Stadt, der eine Institution leitet, wo Betreuer und Kinder zusammen auf Höfen leben und die Schule Teil des Ganzen ist. Ausgerechnet von einem Wissenschaftler aus dem Labor müsse er hören, dass man den Hinweisen auf Missbrauch an der Odenwaldschule vor zehn Jahren nicht nachgegangen sei. Aber gerade vonseiten der Wissenschaft erfahre er bis heute kein Interesse, sagt Seiler. «Es fragt nie jemand, wie es kommt, dass ein Jugendlicher nach zwölf verschiedenen Heimaufenthalten innerhalb von zwei Jahren auf einen Stärenegg-Hof kam und es seither schon mehrere Jahre gut geht», sagt Seiler.
Hinschauen müsste die Erziehungswissenschaft laut Seiler aber auch bei der steigenden Tendenz, Kindern und Jugendlichen Psychopharmaka zu verabreichen. «33 000 Kinder werden in der Schweiz jährlich wegen psychischer Probleme mit Medikamenten behandelt», sagt er. Auf der Stärenegg leben die Kinder und Jugendlichen in der Regel nach kurzer Zeit ohne Medikamente. «Der Umgang mit den Kindern wird nicht einfacher, wenn etwa Ritalin abgesetzt wird. Dafür können sie nachts wieder durchschlafen», sagt Michel Seiler. Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störungen (ADHS) seien oft sozial isoliert und schwer erreichbar. Mit Psychopharmaka werde der innerste, heilige Kern der sogenannt schwierigsten Kinder immer mehr zugeschüttet. «Man will das Kind so formen, dass es für die Gesellschaft lebenswert ist», sagt Seiler.
Nahe und intensiv
Nähe und Distanz ist auch auf der Stärenegg immer wieder Thema. Man könne niemals sicher sein, dass sexueller Missbrauch nicht vorkomme, sagt Seiler. Er könne sich aber vorstellen, dass auf den Stärenegg-Höfen mit dem nahen Zusammenleben und intensivsten Auseinandersetzungen solche Missstände weniger Chancen hätten. Im 24-Stunden-Betrieb, sieben Tage die Woche erlebten die Kinder und Jugendlichen die Betreuenden als ganze Menschen mit all ihren Fähigkeiten und Unfähigkeiten, mit guter und schlechter Laune, ausgeruht und müde. Es erstaune ihn nicht, dass im Kanton Bern im letzten Jahrzehnt auch in grösseren, stark beaufsichtigten und qualitätsgesicherten Heimen Missbräuche aufgedeckt worden seien und sich die Wissenschaft dafür nicht interessiere. Denn die heutigen Heimstrukturen seien von ebendiesen Leuten geschaffen worden. «Gewissheit über eine gute Heim- und Schularbeit entsteht nicht durch kalte Kontrollen, sondern durch wärmendes Interesse der Beteiligten, der Öffentlichkeit, des Staates und der Wissenschaft», sagt Seiler.
Seiler ist Heimleiter, Vereins- und Stiftungspräsident in einer Person, was Affolter vom Heimverband als schwieriges Konstrukt bezeichnet. Obwohl die Stärenegg nicht subventioniert ist, hat der Kanton die Aufsichtspflicht. Der Schulinspektor besucht den Schulbetrieb, das kantonale Jugendamt nimmt die Aufsichtspflicht über das Heim wahr. Aufsichtsbesuche würden in der Regel einmal im Jahr stattfinden, ebenso wie eine Selbstdeklaration, die die Institution ausfüllen müsse, sagt Andrea Weik, Vorsteherin des kantonalen Jugendamts. «Wir begleiten den Berghof Stärenegg wie auch die übrigen von uns beaufsichtigten Heime relativ nah», sagt sie.
Heile Welt, ganze Welt
Michel Seiler ist nicht nur Heimleiter und Bauer, er ist auch Politiker – Gemeindepräsident von Trubschachen. Als grüner Bildungspolitiker ist er mit Professor Oelkers auch darin nicht einig, dass es in der Schweiz dank staatlichen Schulreformen im Gegensatz zu Deutschland keine Probleme gebe. In der Schweiz gebe es viele sehr engagierte Lehrer, die selber Schule gestalten könnten. «Deshalb brauchen wir keine Reformen von oben wie Harmos», sagt er. Mit solchen Reformen würden Kinder ausgegrenzt. Vielmehr brauche die Schule Freiraum, damit Kreativität mit Begeisterung entstehen könne. Er regt an, jedes Kind solle einen Monat pro Jahr bei einem Bauern verbringen und auf dem Alp- oder Bauernbetrieb mitarbeiten. «Vor 40 Jahren arbeitete noch jedes Kind in den Ferien und in der Freizeit in irgendeiner Form in der Landwirtschaft mit», sagt Seiler. Auf den Verlust dieser Erfahrungen habe noch kein Wissenschaftler hingewiesen. Ein Pilotversuch Schule-Bauernhof läuft seit einem Jahr an der Schule Moritzberg in der Gemeinde Stäfa ZH. Dort verbringen die Schüler jede zweite oder dritte Woche einen Nachmittag auf dem Bauernhof. Inspirieren liess sich die Initiantin vom Berghof Stärenegg. Landwirtschaft in ländlicher Idylle statt Computerunterricht im Schulzimmer? «Die Landwirtschaft spricht viele Sinne an», sagt Seiler. Und die heile Welt oben auf den Hügeln des Emmentals mit seinen abgelegenen Höfen sei eben «ä ganzi Wält». (Der Bund)
Erstellt: 16.11.2011, 08:43 Uhr
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1 Kommentar
Und warum blieben die Missbrauchsfälle in der Odenwaldschule so lange verborgen? Eliteschule versus Berghof Stärenegg! Schulen, Heime sind Hochrisikobereiche. 3 % der Mitarbeiter vergehen sich an Schutzbefohlenen, nicht nur anderswo, auch hier. Es braucht Transparenz, Kompetenz, gesetzlich geregelte Abläufe und Meldepflicht.
Stiftung Linda, Dr. Verena van den Brandt, Präsidentin
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