Bern

Kann es in der Stromdrehscheibe eine «Stromlücke» geben?

Von Simon Thönen, Hans Galli. Aktualisiert am 06.01.2011 4 Kommentare

Die Schweiz sei als Stromdrehscheibe in Europa in einer komfortablen Position, sagen AKW-Kritiker. Engpässe drohen dennoch, sagen die Stromkonzerne.

Die Schweiz ist das Gegenteil einer Strominsel. (Keystone)

Die Schweiz ist das Gegenteil einer Strominsel. (Keystone)

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Kann es überhaupt eine «Stromlücke» geben? Physikalisch ist die Sache klar: Es muss immer so viel Elektrizität ins Netz eingespeist werden, wie verbraucht wird – sonst bricht die Versorgung zusammen. Gehen also die Lichter aus, wenn nicht mehr genügend Kraftwerke in der Schweiz produzieren?

Dies muss keineswegs so sein. Denn die Schweiz ist das Gegenteil einer Strominsel: Sie importiert und exportiert beinahe so viel Strom, wie im Inland verbraucht wird, wie die unten stehende Grafik zeigt. 2009 führte sie 52 Terawattstunden (TWh) Strom ein und 54 TWh aus. Zum Vergleich: Der Endverbrauch im Inland betrug 57 TWh.

«Die Schweiz hat als eigentliche Stromdrehscheibe in Europa kein Versorgungsproblem», sagt Jürg Buri, Geschäftsleiter der AKW-kritischen Schweizerischen Energie-Stiftung (SES). Die Stromleitungen in die Schweiz seien derart gut ausgebaut, dass auch an kalten Wintertagen jederzeit Strom im Umfang der Produktion von mehreren Atomkraftwerken importiert werden könne.

Dank den grossen Wasserspeicher- und Pumpspeicherkraftwerken ist die Schweizer Elektrizitätswirtschaft flexibel und kann relativ viel Strom dann exportieren, wenn die Nachfrage und die Preise in Europa hoch sind – auch im Winter. 2009 erwirtschaftete die Schweizer Elektrizitätswirtschaft netto anderthalb Milliarden Franken im Handelsgeschäft mit den Nachbarländern.

Dass die Stromkonzerne das Auslaufen der Beteiligungen an französischen AKW zur «Stromlücke» hinzurechnen, lässt die SES nicht gelten. Diese habe sie durch neue Investitionen in ausländische Kraftwerke bereits ersetzt – oft handelt es sich dabei übrigens um Gas-, teilweise auch um Kohlekraftwerke, die CO2 ausstossen.

Ob es in der Schweiz eine «Stromlücke» gibt oder nicht, ist letztlich eine Definitionsfrage. Für Swisselectric, den Verband der Überlandwerke, ist die «Stromlücke» da, sobald die Schweiz netto Strom importieren muss. Die wirtschaftsliberale Denkfabrik Avenir Suisse warnt allerdings im soeben erschienenen Buch «Energiesicherheit ohne Autarkie» vor der Illusion, die Schweiz könne ihren Strommarkt durch den Bau neuer AKW autonom gestalten. Buchautor Urs Meister fordert vielmehr, die Schweiz müsse sich gerade wegen der geplanten neuen AKW stärker in den europäischen Strommarkt integrieren. Die vorgesehenen Reaktoren erbringen mit je 1600 Megawatt mehr als die vierfache Leistung des alten AKW in Mühleberg. Entsprechend anspruchsvoller wird die Reservehaltung: Sobald einer dieser Kolosse abgeschaltet wird, sei es wegen einer Störung oder der Revision, muss blitzartig die gleiche Strommenge aus einer andern Quelle zur Verfügung stehen. Da die Schweiz nicht zu jedem neuen AKW noch ein Reservekraftwerk gleicher Grösse bauen kann, muss die Reservehaltung laut Avenir Suisse gemeinsam mit ausländischen Kraftwerkbetreibern geregelt werden.

Die Auslandinvestitionen der Schweizer Stromproduzenten beurteilt die Denkfabrik skeptisch. Im Gegensatz zu den heutigen Verträgen mit französischen AKW seien die Netzkapazitäten künftig nicht mehr gesichert. Die Gefahr sei gross, dass der Strom aus den ausländischen Beteiligungen gar nicht in die Schweiz fliessen werde. Das Ziel der Stromfirmen sei wohl eher, im Ausland damit Geld zu verdienen. Generell allerdings «stärkt es die Schweiz im europäischen Kontext», falls die Stromversorgung nicht nur auf den Inlandbedarf, sondern auch auf den Stromhandel ausgerichtet bleibe, findet Avenir Suisse: «Das garantiert zwar keine Energieunabhängigkeit, erhöht aber die Sicherheit der Versorgung.» (Der Bund)

Erstellt: 06.01.2011, 08:19 Uhr

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4 Kommentare

Benedikt Jorns

06.01.2011, 18:29 Uhr
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Österreich und Italien haben keine KKW und können ihren Strombedarf bei weitem nicht selbst abdecken. Frankreich kann mit seinen KKW im Sommer Strom exportieren, im Winter leidet es unter Stromengpässen. Deutschland exportiert nach Österreich Strom aus KKW und Kohlekraftwerken. Unsere Regierung will weiterhin eine Stromproduktion, welche eine ausgeglichene Strombilanz mit dem Ausland ermöglicht. Antworten


thomas schneeberger

07.01.2011, 21:15 Uhr
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Sogar Avenir Suisse zeigt hier indirekt die Gefahr der gigantischen Zentralisierung der Stromversorgung auf. Die Lösung wäre ökologischer und vielleicht sogar noch sicherer mit einer Dezentralisierung, wie sie auch die erneuerbaren Energien ermöglichen. Heute wird durch die Stromschieberei die Leistung eines mittleren AKWs nutzlos auf den Leitungen verbraten! Antworten



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