Bern

Jungfrau als Werbefläche für Pharmamulti «missbraucht»

Von Simon Wälti. Aktualisiert am 19.01.2012 2 Kommentare

Bei der Lichtaktion der Jungfraubahnen wurde nicht nur das Schweizer Kreuz in Szene gesetzt, sondern auch diverse Firmenlogos. Für Kritiker ist diese Werbung ein Missbrauch der Alpenwelt.

Und jetzt ein Alka Seltzer: Die Lichtinstallation an der Jungfrau wurde vom Pharmamulti finanziell unterstützt.

Und jetzt ein Alka Seltzer: Die Lichtinstallation an der Jungfrau wurde vom Pharmamulti finanziell unterstützt.
Bild: Kaspar Ruoff

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Lichtinstallation an der Jungfrau

Lichtinstallation an der Jungfrau
Zum 100-jährigen Jubiläum der Jungfraubahn: Lichtkünstler Gerry Hofstetter beleuchtet die Jungfrau in der ersten Januarwoche 2012.

Kommentar

Wer eine Zeitung liest, der weiss, dass er ohne Inserate darauf verzichten müsste. Wer kulturelle Veranstaltungen geniesst, der schätzt es, dass ihm Sponsoren dies ermöglichen. Wer ein SCB-Heimspiel besucht, pilgert nicht mehr ins Eisstadion Allmend, sondern in die Postfinance-Arena. Wer sich für die Resultate der einstigen Fussball-Nationalliga A interessiert, muss sich heute nach der Axpo Super League erkundigen. Oder wer sich irgendwo auf ein Ruhebänkli setzt, stellt fest: Auch dieses ist oft schon mit Sponsoringhinweisen auf die Dorfmetzgerei oder die nahe Landbeiz besetzt.

All das scheint man mittlerweile in Kauf zu nehmen. Werbung gehört zum Alltag. Ohne Sponsoring wäre, gerade im Sport- und Kulturbereich, vieles nicht mehr möglich, das uns lieb und teuer ist. Doch: Gibt es da Grenzen des Vertretbaren und Zumutbaren? Allerspätestens nach der effektvollen und auch höchst effekthascherisch inszenierten Aktion des Lichtkünstlers Gerry Hofstetter im Unesco-Welterbegebiet Jungfrau-Aletsch heisst die Antwort: Ja – es gibt Grenzen. Auch Grenzen des guten Geschmacks.

Wenn «Light Artist» Hofstetter zum 100-Jahr-Jubiläum der Jungfraubahnen das Schweizer Kreuz oder den Bahnpionier Adolf Guyer-Zeller an den Berg projiziert, mag das als temporärer Gag zu bestaunen oder zumindest zu goutieren sein. Doch wenn er die Berge grossflächig missbraucht, um auch seine Sponsoren zu weit herum sichtbaren Sujets seiner Projektionen zu machen, seien Vorbehalte erlaubt. Die stolze Jungfrau hat es nicht verdient, dass sie als billige Werbefläche für Bayer, Tissot oder Mammut dient. (Walter Däpp)

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Zum Auftakt des 100-Jahr-Jubiläums wollten die Jungfraubahnen dem Pioniergeist der Bahnbauer ein Denkmal aus Licht setzen. Die Nordflanke der Jungfrau wurde von Lichtkünstler Gerry Hofstetter an sechs Abenden mit dem Schweizer Kreuz, dem Bahnbegründer Adolf Guyer-Zeller und weiteren Motiven verziert. Die letzte Projektion fand am letzten Samstag, am Abend nach der Lauberhorn-Abfahrt statt.

Unter den weiteren Motiven befand sich das Logo der Jungfraubahnen, aber auch das Logo des deutschen Pharma- und Chemiekonzerns Bayer, der die Aktion unterstützte. Auch die Sujets der Uhrenfirma Tissot und des Bekleidungsunternehmens Mammut leuchteten kurz auf. Dies wirft die Frage auf, ob die Alpenkette überhaupt als Werbefläche benutzt werden darf. Das Gebiet Jungfrau-Aletsch ist ein Unesco-Welterbe und steht auf der Liste der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN).

Der Berg als Werbefläche

Der Fotograf Kaspar Ruoff schaute letzte Woche verwundert in den Nachthimmel über Wengen. «Berge sind erhaben und gehören sich selber und sollten nicht auf diese Weise in Besitz genommen werden», kritisiert er. Es sei problematisch, die Berge als Werbeoberfläche einzuspannen. Zudem seien die wechselnden Bilder am 12. Januar bis weit nach Mitternacht in die Wand projiziert worden. Im Camp der Lichtkünstler wurde an jenem Abend ein Feuerwerk abgebrannt.

Auch der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz stösst die Werbung sauer auf. «Es tut weh zu sehen, wie multinationale Konzerne die grandiose Berglandschaft zur Werbeleinwand degradieren», sagt Anita Wyss von der Stiftung. Für die befristete Jubiläumsaktion der Jungfraubahnen habe man Verständnis, denn das Unternehmen sei immerhin lokal verankert, nicht aber für das Bayer-Logo in der Alpenwelt. «Sollte dieser Missbrauch einreissen, so würden wir uns dagegen wehren», erklärt Wyss.

Wir «Haben das dezent gemacht»

Der Künstler Gerry Hofstetter weist die Kritik zurück. «Die Aktion konnte nur finanziert werden, weil Bayer als Kulturpartner auftrat.» Das Bayer-Logo sei sechs Mal für wenige Minuten gezeigt worden. «Ich verstehe jedoch, wenn es Leute gibt, die das nicht schön finden.» Im Fussball oder Eishockey seien Sponsoren und Werbung viel präsenter und aufdringlicher. «Wir haben das dezent gemacht.» Hofstetter betont, dass er für die Lichtaktion der Jungfraubahnen als Ganzes sehr viele positive Reaktionen erhalten habe. «Die Jungfrau mit dem Schweizer Kreuz wurde sogar vom Schwarzwald aus gesehen.»

Ein positives Fazit ziehen auch die Jungfraubahnen. «Die Aktion ist gelungen, wir erhielten sehr viel Aufmerksamkeit auch im Ausland», sagt CEO Urs Kessler. Die Botschaft des Pioniergeistes sei rund um die Welt gegangen. Bayer wurde am Projekt beteiligt, weil das Geld, das die Jungfraubahnen für die Aktion einsetzen wollten, nicht ausgereicht hätte. Über die Kosten wurde Stillschweigen vereinbart. Eine Wiederholung der Lichtaktion ist nicht zu erwarten. «Das war ganz klar eine einmalige Sache», versichert Kessler. «Ein zweites Mal hätte dies auch nicht mehr die gleiche Wirkung.»

«Geschenk an die Schweiz»

Bayer hat als Gegenleistung für die Unterstützung Bilder des projizierten Logos erhalten. «Zu welchem Zweck wir die Fotografien nutzen werden, ist noch offen», sagt Elke Neumann, Sprecherin von Bayer in der Schweiz. Das Unternehmen habe Hofstetter unterstützt, weil dessen Projekte einmalig seien. «Die Lichtkunst an der Jungfrau war zudem auch ein Geschenk an die Schweiz.»

Für die Aktion brauchte es keine Bewilligung. In einer E-Mail der Gemeindeverwaltung Lauterbrunnen vom Juli 2010 heisst es, dass für das temporäre Aufstellen eines Biwaks und der Projektoren keine Bewilligung nötig sei. Die Gemeinde wies in dem Schreiben aber auch darauf hin, dass der Kanton Bern eventuell eine Bewilligung erteilen müsse. Beim Kanton Bern habe er die telefonische Antwort erhalten, es brauche keine Bewilligung, sagt Hofstetter. Da keine fliessenden Gewässer, Wälder oder Tiere betroffen seien, sondern nur ewiges Eis.

Das Regierungsstatthalteramt Interlaken wiederum hat sich nie mit der Lichtinstallation befasst. Es habe sich um eine sehr kurze Aktion im Zusammenhang mit dem Jubiläum für Adolf Guyer-Zeller gehandelt, sagt Regierungsstatthalter Walter Dietrich. «Wegen des grossen Aufwands ist die Gefahr praktisch null, dass sie wiederholt wird.» Für Dietrich ist aber auch klar, dass solche Aktionen in einem Gebiet von nationaler Bedeutung heikler sind «als in normalem Gelände oder in einer Bauzone».

Das Bundesamt für Umwelt Bafu ist der Ansicht, dass Lichtprojektionen so weit wie möglich vermieden werden sollten. Da es sich um eine temporäre Installation für einen besonderen Jubiläumsanlass handle, seien die Auswirkungen aber gering, sagt Mediensprecher Adrian Aeschlimann. (Der Bund)

Erstellt: 19.01.2012, 07:37 Uhr

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2 Kommentare

Sebi Gänger

20.01.2012, 07:17 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Erst fand ich die Aktion wegen dem Schweizerkreuz gut, jetzt ist sie nur noch lächerlich Antworten


michael vogt

20.01.2012, 05:11 Uhr
Melden 2 Empfehlung

mir sagt es mehr, die jungfrau zu sehen, wenn sie vom mond beleuchtet wird Antworten



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