«Jetzt haben wir entschieden, dass wir zusammen sein wollen»

Die Bulgarin Galia Yoncheva ist eine von vielen Pflegekräften aus Osteuropa, die in der Schweiz den Mangel an Gesundheitspersonal kompensieren. Mit ihrer Familie hofft sie auf eine glückliche Zukunft in Bern.

In Bulgarien reichte ihr Lohn nicht zum Leben – die Pflegefachfrau Galia Yoncheva arbeitet und lebt mit ihrer Familie nun in Bern.

In Bulgarien reichte ihr Lohn nicht zum Leben – die Pflegefachfrau Galia Yoncheva arbeitet und lebt mit ihrer Familie nun in Bern. Bild: Franziska Scheidegger

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«Was willst du in der Schweiz?» Ihre Mutter ist die Einzige, die den Entscheid von Galia Yoncheva nicht verstehen kann. Obwohl die Tochter seit zehn Jahren immer wieder als Pflegerin im Ausland arbeitete und in Bulgarien damit keine Ausnahme ist. «Es ist ganz normal, dass die Frauen ins Ausland gehen», sagt sie. Galia Yoncheva sitzt am Küchentisch einer Wohnung, die sie sich mit drei Pflegefachfrauen teilt, welche aus Osteuropa nach Bern kamen. Es ist Mai. Seit einem Monat arbeitet sie als Pflegerin in einem Altersheim. Die zwei Kinder und ihr Mann sind in Bulgarien. Sobald Galia Yoncheva eine eigene Wohnung gefunden hat, will sie die Familie holen.

Sie ist eine der vielen, die im reichen Westen, der nicht mehr genug Gesundheitspersonal ausbildet, den Pflegebetrieb am Laufen hält. Auch in der Schweiz wird der Gesundheitspersonalmangel mit ausländischen Arbeitskräften kompensiert. Gemäss Schweizerischem Gesundheitsobservatorium (Obsan) hat sich die Zahl der angestellten Pflegefachkräfte von 48 000 im Jahr 2002 auf 54 000 im Jahr 2008 erhöht. 55 Prozent der 6000 zusätzlichen Angestellten sind Ausländer.

Die Kehrseite der Migration

«Es ist gut, dass ausländisches Personal kommt, da der Pflegebereich von der internationalen Rekrutierung abhängig ist», sagt Martin Leschhorn, Mitglied der Geschäftsleitung von Medicus Mundi Schweiz. Das Netzwerk ist ein Zusammenschluss von 45 in der Gesundheitszusammenarbeit tätigen Organisationen.

Doch all die Galias, Vanjas und Elenas zeigen auch die Kehrseite der Personenfreizügigkeit. Arbeiten sie hier, verschärft sich in ihrem Heimatland der Pflegekräftemangel. Ebenso sieht es Leschhorn: «Auch die Schweiz, die es verpasst hat, genügend Personal auszubilden und attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen, fördert diese Art der Migration.» Die Rekrutierung im Ausland stelle keine Lösung dar, um dem eigenen Mangel an Gesundheitspersonal zu begegnen.

In Bulgarien etwa arbeiten heute noch halb so viele Pflegefachleute wie vor 20 Jahren, schreibt Christine Rutschmann, osteuropakundige Expertin des Schweizerischen Roten Kreuzes, in einem kürzlich publizierten Artikel im Bulletin von Medicus Mundi Schweiz. Gemäss bulgarischem Pflegeverband kommen in Bulgarien 425 Krankenschwestern auf 100 000 Einwohner. In Westeuropa sind es 750 pro 100 000 Einwohner.

Zu tiefe Löhne zum Leben

Hauptgründe für die hohe Migration seien die tiefen Löhne – Pflegefachfrauen verdienen zwischen 200 bis 500 Franken im Monat – sowie die veraltete medizinische Infrastruktur wie auch fehlende Möglichkeiten der beruflichen Weiterentwicklung. «Insbesondere in Osteuropa und den europäischen Krisenländern, in welchen das Gesundheitssystem auseinanderbricht, ist die Situation zunehmend schwierig», sagt Leschhorn.

«Mit dem Lohn in Bulgarien kann ich nicht leben», bestätigt Galia Yoncheva. Das räumen letztlich sogar die bulgarischen Behörden ein: Die von ihnen fixierten Mindestlöhne liegen deutlich unter den minimalen Lebenshaltungskosten. Deshalb ist Yoncheva seit zehn Jahren oft unterwegs – als Pflegerin in Deutschland oder der Schweiz verdient sie bis zu zwanzig Mal so viel wie in Bulgarien. War sie zwischendurch daheim, ging ihr Mann ins Ausland – meist als Hilfskoch nach Deutschland. Die Kinder blieben jeweils in Bulgarien.

Eineinhalb Jahre alt war der Sohn, als sie das erste Mal ging. «Ich habe jeden Tag geweint», erinnert sie sich. Doch mit der Zeit habe sich die Familie an dieses Leben gewöhnt. Obwohl sie mit dem im Ausland verdienten Geld in Bulgarien ein gutes Leben führen konnten – glücklich war Galia Yoncheva mit der Situation nie. Irgendwann kam der Entschluss, mit der Familie ins Ausland zu gehen. Nicht nur wegen des Geldes, wie sie sagt. Sondern auch, damit sie zusammen sein können, und «für die Zukunft der Kinder».

Das Geschäft mit Vermittlungen

Die Stelle hat sie über das Berner Personalvermittlungsbüro Hospijob gefunden. Sie hat von einer Kollegin davon gehört und sogleich Kontakt aufgenommen. Das war im Dezember 2012. Am 1. April hat sie ihre neue Stelle in einem Altersheim von Domicil angetreten. Esther Oppliger, die Geschäftsinhaberin von Hospijob, hat ihr beim Schweizerischen Anerkennungsverfahren sowie bei der Stellen- und Wohnungssuche geholfen. Esther Oppliger ist ein Profi im Rekrutieren von Personal aus Ostländern. Für 97 Frauen und 6 Männer hat sie seit Beginn ihrer Tätigkeit im Jahr 2009 eine Stelle gefunden. Täglich kommen rund drei neue Anfragen dazu.

Dass sie mehrheitlich Frauen vermittelt, erklärt sie damit, dass der Pflegebereich nach wie vor eine weibliche Branche sei, dass Frauen zudem oft besser ausgebildet seien als Männer und daher schneller bereit seien, im Ausland zu arbeiten. Für eine erfolgreiche Vermittlung bekommt sie von der Institution einmalig zwischen 6 bis 8 Prozent des Jahresgehalts der Pflegerin. Im Kanton Bern beträgt ein durchschnittliches Jahresgehalt einer ausländischen Pflegerin rund 70 000 Franken.

Martin Leschhorn von Medicus Mundi steht Vermittlungsbüros kritisch gegenüber. «Diese Agenturen bewegen sich – mal milde ausgedrückt – im Graubereich», sagt er. Er fordert, dass es einerseits eine Registrierungspflicht für Agenturen brauche. Andererseits müssten sie sich an den WHO-Kodex zur Rekrutierung von Gesundheitspersonal halten.

Das Glück und die Zweifel

Diesen entwickelte die WHO im Jahr 2010, um ärmere Länder vor unkontrolliertem Personalabzug zu schützen. So wird darin unter anderem jedes Land aufgefordert, ausreichend eigenes Personal auszubilden oder den Migrantinnen faire Arbeitsbedingungen zu garantieren. «Die Schweizer Bundesbehörden nehmen den Kodex sehr ernst, doch die Arbeitgeber oder die rekrutierenden Agenturen foutieren sich weitgehend darum», sagt Leschhorn.

Diese Tendenz bestätigt Esther Oppliger. «Trotz des Kodexes ist es üblich, ausländisches Personal zu vermitteln.» Die Schweiz unternehme zu wenig, um die Pflegeberufe attraktiv zu gestalten und somit genügend Personen auszubilden, sagt Oppliger. Dass sie mit ihrem Geschäft die Abwanderung von bulgarischem Pflegepersonal unterstützt, ist sie sich bewusst. Doch sie betont, dass die Löhne in Bulgarien dermassen tief seien, dass es zum Leben nicht reiche. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass von den Frauen, die hier arbeiten, sehr viel Geld zurück ins Land fliesse – etwa für die Ausbildung der Kinder oder an die Eltern. In der Tat gelten solche «Rücküberweisungen» als wichtiger Entwicklungsmotor für Transitionsländer.

Galia Yoncheva hat ihr Ziel vorerst erreicht. Seit Juli lebt sie mit ihrer Familie in einer Wohnung in der Länggasse. «Jetzt haben wir entschieden, dass wir zusammen sein wollen», sagt sie. Sie war es auch, die das Glück der Familie unbedingt in der Schweiz versuchen wollte. Ihr Mann ist skeptischer. Der ganze Papierkrieg mit den Behörden und seine bislang erfolglose Stellensuche bringen ihn zum Zweifeln: «Wir wissen nicht, ob das unsere Zukunft ist.» Galia Yoncheva beruhigt. «Wir lassen uns Zeit.» In den nächsten Wochen möchte sie – zumindest für ein paar Monate – auch ihre Mutter in die Schweiz holen. (Der Bund)

Erstellt: 09.09.2013, 14:24 Uhr

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