«In jeden Stall eine Webcam»
Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 10.09.2011 3 Kommentare
Hanno Würbel
Hanno Würbel ist der einzige Tierschutzprofessor der Schweiz. Er hat seine Stelle an der Vetsuisse-Fakultät Bern am 1. August angetreten. Zuvor hatte Würbel in Bern Biologie studiert, sich auf Verhaltensforschung spezialisiert und an der ETH Zürich zu Verhaltensstörungen bei Versuchstieren doktoriert. 2002 wurde er als Professor für Tierschutz und Verhaltensforschung an die Universität Giessen (D) berufen. Dort war er unter anderem Zentraler Tierschutzbeauftragter sowie Mitglied der Tierschutzkommission des Bundesministeriums für Verbraucherschutz. Für seine Forschungsarbeiten zur Verbesserung der Haltungsbedingungen für Versuchstiere und Aussagekraft von Tierversuchen wurde er mit dem Hessischen sowie mit dem Felix-Wankel-Tierschutz-Forschungspreis ausgezeichnet. Der 48-Jährige ist in Langenthal aufgewachsen und wohnt heute mit seiner Familie in Zürich.
Wie gerne muss man Tiere haben, um Tierschutzprofessor zu werden?
Das persönliche Verhältnis zu Tieren ist nicht entscheidend. Meine Aufgabe ist es, wissenschaftliche Grundlagen zum Tierschutz zu schaffen. Da kann eine neutrale Position ein Vorteil sein.
Das Schicksal von Tieren kann Sie aber kaum kaltlassen.
Natürlich nicht. Wenn mich alles kaltliesse, wäre ich sicher fehl am Platz.
Denken Sie an Ihre Arbeit, wenn Sie bei Migros oder Coop einkaufen?
Auf jeden Fall. Dem Wissen über Produktionsbedingungen von Fleisch kann ich mich nicht entziehen.
Können Sie noch Fleisch essen?
Ja, ich achte aber darauf, unter welchen Bedingungen es produziert wurde.
Viele Menschen können sich dem Wissen über die Produktionsbedingungen sehr wohl entziehen und erwarten nach wie vor, dass Pouletfleisch 10 oder 15 Franken pro Kilo kostet. Wie erklären Sie sich das?
Entweder wissen viele Leute nicht, wie Fleisch zu diesen Preisen produziert wird, oder sie wollen es gar nicht so genau wissen. Solange man nicht bereit ist, höhere Preise zu bezahlen, kann man auch nicht jenes Tierwohl garantieren, das die Gesellschaft eigentlich verlangt. Die Empörung der Bevölkerung über Missstände in der Tierhaltung steht oft in keinem Verhältnis zum Konsumverhalten.
Die Fleischindustrie stützt doch diese Ignoranz, indem sie mit glücklichen Hühnern auf dem Bauernhof und nicht mit Masthallen wirbt.
Das fördert natürlich die Entfremdung der Konsumenten von der realen Lebensmittelproduktion. Kompensiert wird dies mit der Übersteigerung gewisser Zoo- oder Haustiere, die total vermenschlicht werden.
Derzeit wird heftig über das Schicksal von Ursina und Berna im Berner Bärenpark diskutiert. Früher hätte man überschüssige Jungtiere einfach eingeschläfert. Warum ist das heute nicht mehr möglich?
Wir sehen Tiere nicht mehr nur als Nutztiere an, sondern auch als Mitgeschöpfe, die nicht ohne triftige Gründe getötet werden können. Bei jungen Zootieren ist die Sensibilität besonders hoch, weil die vor allem zu unserer Unterhaltung gezüchtet werden. Das mag im Vergleich zu Schlachttieren manchmal übertrieben sein, ist aber eben Teil der erwähnten Kompensation.
Auch die entlaufene Kuh Yvonne oder der gestrandete Pinguin Happy Feet haben in den letzten Wochen für Schlagzeilen gesorgt. Was sagen solche Fälle über die Gesellschaft?
Das sind Exzesse, die zeigen, dass unser Umgang mit Tieren teilweise sehr irrational ist. Wie die Menschen auf solche Einzelfälle reagieren, steht in keinem Verhältnis zum Umgang mit der grossen Masse der Nutztiere. Unsere widersprüchliche Haltung zeigt sich auch bei vielen Haustieren, die aus vermeintlicher Tierliebe falsch gefüttert oder gehalten werden.
Haben Sie selber Tiere?
Ja, eine Katze. Ich bin aber nicht über meine Beziehung zu Tieren zu meinem Fachgebiet gekommen. Tierschutz ist gesellschaftlich hoch relevant – sei es in Bezug auf Versuchs- oder auf Nutztiere – und wird sehr emotional diskutiert. Mit einem wissenschaftlichen Zugang kann ich neue Lösungen ermöglichen, aber auch zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen, indem ich konkretes Wissen schaffe.
Das tönt sehr abstrakt. Haben Sie ein Beispiel?
Die Gesellschaft will, dass Tiere nicht unnötig leiden. Um das sicherzustellen, entwickeln wir Methoden, um Leiden oder Wohlbefinden beurteilen zu können. Weil das letztlich subjektive Empfindungen sind, ist dies eine grosse wissenschaftliche Herausforderung, der wir uns aber im Hinblick auf den Vollzug des Tierschutzgesetzes stellen müssen.
Sie haben die Entfremdung zwischen Konsumenten und Lebensmittelproduktion angesprochen. Was kann man dagegen tun?
Informieren und aufklären. Das ist aber schwierig, weil das meiste Fleisch nicht mehr auf kleinen Bauernhöfen produziert wird, sondern in industrieähnlichen Tierhaltungsbetrieben, die man aus Hygienegründen nicht einfach besuchen kann. Vermutlich sind wir erst dann am Ziel, wenn sich kein Tierhalter mehr scheut, in seinem Stall eine Webcam zu installieren. Solange man nicht alles zeigen kann, deutet das darauf hin, dass die Realität nicht mit den Erwartungen der Öffentlichkeit übereinstimmt.
Besuchen Sie als Tierschutzprofessor auch Bauernhöfe, oder spielt sich alles im Labor ab?
Die meiste Zeit verbringe ich im Büro oder im Versuchsstall. In der Ausbildung der Studierenden besuchen wir aber auch Höfe – meist Vorzeigebetriebe. An meiner letzten Stelle in Deutschland war ich zudem oft als Gerichtsexperte in Tierschutzfällen unterwegs vor Ort.
Im Kanton Bern haben in den letzten Jahren einige Betriebe für Negativschlagzeilen gesorgt. Steht es so schlecht mit der Tierhaltung?
Kleinere Betriebe stehen heute unter stärkerem wirtschaftlichem Druck, da kann es dem einen oder anderen schon aus dem Ruder laufen. Grundsätzlich hat sich die Lebensqualität der Nutztiere zwar laufend verbessert, die Öffentlichkeit ist aber viel stärker sensibilisiert. Zudem sind die gesetzlichen Anforderungen an die Tierhalter gestiegen. Der grosse Unterschied zu früher ist, dass Tierschutzbestimmungen heute konsequenter durchgesetzt werden.
Vor zwei Jahren sorgte ein Berner Professor für Aufsehen, der sagte, jede Form der Tierhaltung sei unethisch und ausbeuterisch. Was meinen Sie dazu?
Für Ethik gibt es keine absoluten Massstäbe. Jede Tierhaltung ist abhängig von der ethischen Grundhaltung, auf die sich eine Gesellschaft einigt. Wenn alle Tiere die gleichen Rechte wie wir Menschen haben sollten, dürften wir tatsächlich keine Hunde mehr an der Leine führen. Für den grössten Teil der Bevölkerung steht der Mensch aber immer noch über dem Tier, er muss allerdings Rücksicht nehmen. Als Verhaltensforscher bin ich der Überzeugung, dass die allermeisten Tiere ohne zu leiden unter artgerechten Bedingungen gehalten werden könnten.
Die Gesellschaft verlangt immer strengere Tierschutzvorschriften. Wird man in 50 oder 100 Jahren kein Fleisch mehr essen dürfen?
Es gibt tatsächlich einen allgemeinen Trend zu mehr Rechten für das Tier. Möglicherweise schaut die Menschheit irgendwann mit Ekel auf eine Zeit zurück, in der Tiere gegessen und für Tierversuche verwendet wurden. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurden Vertreter sogenannter Naturvölker in Zoos zur Schau gestellt. Heute ist das völlig undenkbar.
Sie sind Spezialist für die Haltungsbedingungen von Versuchstieren. Wie stehen Sie grundsätzlich zu Tierversuchen?
Ich bin wie der überwiegende Teil der Bevölkerung der Meinung, dass es vernünftige Gründe für Tierversuche gibt – zum Beispiel um wichtige biologische Erkenntnisse oder Fortschritte in der Medizin zu erzielen. Aber nicht alle Tierversuche erfüllen diesen Anspruch. Es gibt immer noch grosses Einspar- und Verbesserungspotenzial, damit Versuchstiere nicht unnötig verbraucht werden oder leiden.
Mit Ihrer Forschung sorgen Sie dafür, dass auch in Zukunft Tierversuche von der Bevölkerung akzeptiert werden. Wurden Sie schon als Helfershelfer der Pharmaindustrie kritisiert?
Kaum. Natürlich bin ich irgendwie Teil des Systems, erfahre aber eigentlich von allen Seiten grosses Vertrauen. Als Tierschutzprofessor entscheide ich nicht über Gut oder Böse, sondern untersuche, was Tierversuche oder Haltungsbedingungen für die Tiere bedeuten. Nur so können auf objektiver Grundlage Vorschriften erlassen werden.
Einige Tierschützer sind extrem gewaltbereit und schrecken nicht davor zurück, zum Beispiel Novartis-Chef Daniel Vasellas Jagdhaus anzuzünden. Wie ist diese Gewaltbereitschaft zu erklären?
Wenn wir ein Tier anschauen, können wir uns unserem Mitgefühl rein biologisch bedingt gar nicht entziehen. Das ist sicher mit ein Grund, warum viele Menschen bei diesem Thema besonders emotional reagieren.
So emotional, dass die Vernunft ausgeschaltet wird?
Bei militanten Tierschützern geht es nicht nur um den Schutz der Tiere. Dort spielt das Zugehörigkeitsgefühl eine wichtige Rolle. Sie unterscheiden sich diesbezüglich nicht von anderen radikalen Gruppierungen.
Moderatere Tierschützer fordern trotz klarem Volks-Nein weiterhin Tierschutzanwälte. Brauchen die Tiere jemanden, der ihre Rechte vertritt?
Ich habe den Eindruck, dass den Tieren mehr geholfen wäre, wenn mehr Geld in die Tierschutzforschung und in den Vollzug des Tierschutzgesetzes fliessen würde. (Der Bund)
Erstellt: 10.09.2011, 09:56 Uhr
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3 Kommentare
Ein Tierschutzprofessor der in Bezug auf Tiere von "Produktion" + "Verbrauch" redet + Fleisch isst. Das erscheint unglaubwürdig. Man stelle sich vor ein "Kinderschutzprofessor" täte dieses mit Kindern. Das ist etwas anderes? Wirklich? Etwas Empathie wünsche ich mir von Herrn Würbel und den Menschen. Wohin die rein sachliche Betrachtung von Tieren geführt hat, wissen wir spätestens seit Descartes. Antworten
Über 90% der Tiere, die wir essen, kommen aus der Massentierhaltung. Dort werden sie in Käfige gepfercht oder zu Tausenden in Hallen ohne Fenster gesperrt und sie verletzen sich gegenseitig vor Panik. Viele verenden schon vor der Schlachtung. Massentierhaltung ist der pure Horror für Tiere. Antworten
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