Bern

«In Bern ist das Graben besonders spannend»

Von Simon Wälti. Aktualisiert am 02.11.2010 1 Kommentar

Der 57-jährige Daniel Gutscher ist der neue Kantonsarchäologe des Kantons Bern. Er führte den Dienst bereits interimistisch seit Februar 2010. Die intensive Bautätigkeit führt dazu, dass auch viele archäologische Funde ans Tageslicht gefördert werden.

Manchmal fehlt dem Kantonsarchäologen Daniel Gutscher fast die Zeit, die vielen Funde auszuwerten. (Valérie Chételat)

Manchmal fehlt dem Kantonsarchäologen Daniel Gutscher fast die Zeit, die vielen Funde auszuwerten. (Valérie Chételat)

Daniel Gutscher

Der neue Kantonsarchäologe war von 1984 bis 2006 Abteilungsleiter Mittelalter und Neuzeit. Seit 1986 ist er stellvertretender Kantonsarchäologe, interimistisch führt er den Dienst bereits seit Februar. Er übernimmt nun die Leitung von Cynthia Dunning, die den Dienst im gegenseitigen Einvernehmen verlassen hat, wie der Regierungsrat mitteilte. Daniel Gutscher setzte sich im Bewerbungsverfahren gegen mehrere externe und interne Konkurrenten durch.

Herr Gutscher, Sie sind seit 1984 beim Archäologischen Dienst. Was ist eigentlich so spannend daran, im Boden herumzugraben?

Wenn man tief genug gräbt, findet man immer etwas Positives, sagte einmal ein Politiker. Im Kanton Bern ist das Graben besonders spannend, weil der Kanton immer eine Brückenfunktion zwischen verschiedenen Kulturen ausübte. In nachrömischer Zeit war Bern die Verbindung zwischen der stark römisch geprägten Westschweiz, der Romandie und den alemannischen Gebieten. Im Mittelalter kamen im Kanton Bern vier verschiedene Bistümer miteinander in Berührung: Sitten, Lausanne, Konstanz und Basel. Die Altstadt gehörte zum Bistum Lausanne, der heutige Bärenpark dagegen hätte zu Konstanz gehört.

Wenn Sie einen Anruf über einen neuen Fund erhalten, freuen Sie sich da oder sagen Sie: Nicht schon wieder?

Als Wissenschaftler freue ich mich natürlich. Andererseits sind meine materiellen und personellen Ressourcen als Kantonsarchäologe beschränkt. Da derzeit im Kanton Bern viel gebaut wird, wird auch viel gefunden. In vielen Fällen gelingt es uns, die archäologischen Funde bereits vor den eigentlichen Bauarbeiten zu dokumentieren, da wir in die Baubewilligungsverfahren eingebunden sind. Selten kann es aber auch böses Blut geben, wenn die Grabungen die Bauarbeiten verzögern.

Wie würden Sie die Entwicklung von Bern durch die Jahrhunderte beschreiben?

In der Römerzeit war Bern ein relativ bedeutendes regionales Zentrum mit Verbindungen zu Avenches, der damaligen «Hauptstadt». Die Siedlungen befanden sich auf der Engehalbinsel. Dafür war im Gebiet der heutigen Altstadt tote Hose. Im Frühmittelalter bestand in Bümpliz um das alte Schloss ein burgundisches Zentrum. Ab 1200 begann mit der Gründung der Stadt die Bautätigkeit im Gebiet der Altstadt. Ende 16. Jahrhundert wurde Bern zur grössten Stadtrepublik nördlich der Alpen.

Welches sind die bedeutendsten Funde im Kanton Bern in den letzten Jahren?

International betrachtet sind es sicherlich die Funde auf dem Schnidejoch. Schon damals existierte ein reger Kontakt zwischen Bern und dem Wallis. Österreich hat den Ötzi, wir haben den Schnidi. Allerdings wurde zwar die Ausrüstung von Schnidi, nicht aber seine Leiche gefunden. Viele bedeutende Funde haben wir aus der Römerzeit: in Kallnach wurde ein römischer Gutshof mit Thermenanlagen entdeckt, in Studen die Überreste einer Römerbrücke und einer Hafenanlage. Fürs Mittelalter wären vielleicht die burgartigen Steinbauten in Saanen zu nennen und für die frühe Neuzeit der Berner Galgen. Wir eilen fast von einer hervorragenden Grabung zur nächsten.

Gibt es im Kanton Bern fast zu viele Fundstätten?

Im Kanton haben wir rund 3500 bekannte Fundstätten. Am liebsten wäre es mir manchmal, es würde ein Jahr lang nichts gefunden. Dann hätten wir Zeit, die Funde vergangener Jahre auszuwerten. Falls es gelingt, die archäologischen Reste vor Ort zu schützen, ist die beste Grabung tatsächlich diejenige, die gar nicht stattfindet.

Nerven Sie sich über Hobby-Archäologen, die sich auf eigene Faust auf die Suche machen?

Wir pflegen eine hervorragende Zusammenarbeit mit vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern, die für uns in den fast 400 Gemeinden des Kantons die Augen und Ohren offen halten. Das ist eine grosse Hilfe. Daneben gibt es auch einige schwarze Schafe, die illegal graben.

Das Problem dürfte aber in anderen Ländern grösser sein als in der Schweiz.

In einigen Ländern, zum Beispiel im Orient, ist es schwierig zu verhindern, dass manches Raubgräbern in die Hände fällt, welche die Fundstücke dann als Antiquitäten verkaufen. Plünderungen sind ein grosses Problem. Wenn nichts dokumentiert wird, kann das die Erinnerung eines Volkes zerstören. (Der Bund)

Erstellt: 02.11.2010, 07:55 Uhr

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1 Kommentar

ben gfeller

03.11.2010, 00:54 Uhr
Melden

"Am liebsten wäre es mir manchmal, es würde ein Jahr lang nichts gefunden. Dann hätten wir Zeit, die Funde vergangener Jahre auszuwerten." mir nicht, ich möchte da mitarbeiten! Antworten



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