Bern

Im schwarzen Loch daheim

Von Patricia Götti. Aktualisiert am 09.07.2010

Adolf Wölfli blieb bis zu seinem Tod – heute aber ist die psychiatrische Klinik der UPD in der Waldau auch für betagte, meist demenzkranke Menschen nur Zwischenstation. Ein Augenschein.

«Möglichst viel Individualität»: Aufenthaltsraum in der alterspsychiatrischen Station Beyeler der UPD auf dem Waldau-Areal. (Adrian Moser)

«Möglichst viel Individualität»: Aufenthaltsraum in der alterspsychiatrischen Station Beyeler der UPD auf dem Waldau-Areal. (Adrian Moser)

In der Luft hängen Anspannung und Konzentration. «Ich weiss noch etwas, ich weiss noch etwas . . .», ruft eine der alten Frauen in die Runde. «Sie waren aber schon einmal dran, Frau Maurer* – warten Sie, bis auch die anderen eine Sehenswürdigkeit genannt haben», entgegnet Corinne Wüst. Die Pflegefachfrau ist ausgebildete Gedächtnistrainerin in der alterspsychiatrischen Tagesklinik der Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) auf dem Waldau-Areal an Berns nordöstlichem Stadtrand, und sie leitet heute das Merk- und Wortfindungstraining. Schweizer Sehenswürdigkeiten sollen die zwölf Betagten, die im Kreis um Wüst herumsitzen, aufzählen, sich merken und – nach einer auflockernden Pause mit Volksmusik – wiedergeben.

Möglichst viel Individualität

Die Patienten, die in die Tagesklinik kommen, leiden an einer Form von Demenz (siehe Artikel rechts), können aber meist noch betreut zu Hause wohnen. Die zwei stationären Altersabteilungen der UPD befinden sich im Zentralbau, ein idyllischer Weg durch den Park führt dorthin. Hier hat bis zur Hälfte der Patienten eine demenzielle Erkrankung.

In der Station Beyeler sitzt Herr Widmer im Aufenthaltsraum ganz für sich allein an einem runden Tisch vor einem Tablett mit Brötchen und Milchkaffee und schweigt. Er sitzt immer hier, wenn er sein Zimmer zum Essen verlässt. Wer hier sonst einmal Platz nimmt, steht auf, sobald Herr Widmer den Raum betritt. Regelmässige Abläufe, erklärt Pflegefachfrau Teresa Dos Santos, gäben den Bewohnern Halt. Deshalb würden sie auch geweckt, wenn sie zu lange in den Morgen hinein schliefen. «Aber sonst versuchen wir, ihnen möglichst viel von ihrer Individualität zu lassen», sagt die 38-jährige Portugiesin. Herr Widmer darf frühstücken, wann er will.

Der berühmteste Bewohner der Waldau, der Künstler Adolf Wölfli, lebte 35 Jahre hier, bis zu seinem Tod 1930. Heute bedeutet «stationär» längst nicht mehr, dass, wer einmal hierhin kommt, für immer bleibt: Die Patienten seien nur durchschnittlich drei bis acht Wochen in der Klinik, sagt Alterspsychiater Urs Mosimann. Ihre Krankheit und ihre begleitenden körperlichen Erkrankungen werden in den UPD diagnostiziert und nach Möglichkeit therapiert. Etwa die Hälfte der Patienten kann danach wieder nach Hause, allenfalls mit ambulanten Pflegeleistungen wie der Spitex. Wenn bei einem Patienten aufgrund des gesundheitlichen Zustands eine Entlassung nicht zu verantworten ist, unterstützen die UPD die Angehörigen in der Suche nach einem passenden Pflegeheim. Dies ist aber oft schwierig, wie Pflegefachfrau Dos Santos sagt: Die Wartelisten der Institutionen seien lang, gerade wenn es sich um geschlossene Heime handle. So kommt es vereinzelt vor, dass Patienten jahrelang in der Waldau wohnen, bis für sie eine Lösung gefunden ist. Plötzlich schellt ein durchdringender Alarmton durch die Gänge. Ein Arzt rennt mit wehendem Kittel vorbei. Irgendwo gebe es offenbar «ein Aggressionsereignis», sagt Dos Santos. Da seien jeder Pflegende und jeder Arzt zur Unterstützung gefragt. Oft wirke es schon beruhigend auf einen ausfälligen Patienten, wenn jemand anders mit ihm spreche. Der Auslöser für seine Aggression seien einfach Verwirrung und Angst, sagt Dos Santos. Wenn sich ein Patient nicht beruhigt, wird er in seinem Zimmer von der Reizüberflutung abgeschirmt, und eine Pflegeperson bleibt bei ihm. In speziell dafür vorgesehenen Zimmern kann die Tür auch verschlossen werden. Meist daure eine Reizabschirmung nur eine oder zwei Stunden, sagt Dos Santos, selten müsse ein Patient «fixiert» werden – am Bett festgemacht. Sie selbst ist klein und zierlich – doch Angst scheinen ihr ihre Schützlinge nie einzujagen. «Stellen Sie sich vor, Sie wüssten nicht mehr, wo Sie sind, und seien umgeben von fremden Menschen – das würde Sie auch verängstigen und wütend machen», sagt sie. Die quirlige Pflegerin versteht es auch, wenn ein Patient sie wegen ihrer Körpergrösse für ein Kind hält und unwirsch wegschickt. Dann übernehme eben jemand sonst aus dem Team seine Pflege.

Weil die Patienten meist gleichzeitig an vielen verschiedenen Krankheiten leiden, hält Dos Santos die Alterspsychiatrie für den komplexesten Bereich der Psychiatrie. Eines dürfe man bei der Pflege hier nie vergessen: «Die Patienten vergessen zwar vieles – aber ihr Gedächtnis für Emotionen ist intakt.»

Loch statt Erinnerung

In der Tagesklinik drüben wendet sich Pflegerin Wüst endlich Frau Maurer zu: «Was für eine Sehenswürdigkeit wollten Sie denn noch nennen?» Frau Maurer runzelt die Stirn, überlegt . . . – aber: In ihrem Kopf ist ein schwarzes Loch.

* Die Namen der Patienten wurden von der Redaktion geändert. (Der Bund)

Erstellt: 09.07.2010, 08:49 Uhr

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