«Im Wahljahr laufen alle schneller»

15'308 Läuferinnen haben sich für den Berner Frauenlauf vom Sonntag angemeldet. Darunter auch solche, die mehr als nur die Zielgerade erreichen wollen.

Stramme Waden für einen guten Zweck: Nationalrätinnen freuen sich auf den Frauenlauf.

Stramme Waden für einen guten Zweck: Nationalrätinnen freuen sich auf den Frauenlauf. Bild: Adrian Moser

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Einen Teilnehmerrekord verzeichnet die 29. Ausgabe des Berner Frauenlaufs. Was als Trotzreaktion auf fehlende Akzeptanz von Frauen im Sport begann, hat sich zum grössten Frauensportanlass der Schweiz entwickelt. Am Sonntag werden so viele Läuferinnen wie nie zuvor erwartet. Darunter gibt es viele, denen es nicht nur um das Laufvergnügen geht, sondern um die mediale Beachtung.

Im Kampf um die Gleichstellung riefen Jacqueline Ryffel und Verena Weibel 1987 den Berner Frauenlauf ins Leben. «Als Frau Sport zu treiben, war vor knapp 30 Jahren alles andere als selbstverständlich», sagt Ryffel. So habe der Murtenlauf damals nur eine Frauenquote von acht Prozent gehabt. Die Erstausgabe des Berner Frauenlaufs wurde von den Läuferinnen buchstäblich überrannt. Seither ist Ryffel – zwischenzeitlich durch das Sportartikelunternehmen ihres Ehegatten Markus Ryffel – mit der Mitorganisation des Traditionsanlasses betraut.

Parlament im Endspurt

«Rennen liegt mir nicht», gesteht Aline Trede. Deshalb habe sie seit ihrer Jugend nie mehr an einem Frauenlauf teilgenommen. Dennoch erwärmte sich die grüne Nationalrätin heuer fürs Mitmachen. Ihr gefällt, dass der Anlass einem guten Zweck dient: dem Spendensammeln für Minenopfer. Diese gute Sache unterstützt auch Margret Kiener-Nellen. Die letzthin oft kritisierte SP-Nationalrätin gehört mit der elften Teilnahme zum Zirkel der routinierten Läuferinnen. Als Präsidentin von Bern Sport habe sie «eine gewisse Vorbildfunktion» und setze sich für Jugend und Sport ein. Ein bisschen Bewegung schade in ihrem Amt sicher nicht: «Parlamentarier sitzen viel.»

Auch Regula Rytz weiss, dass die Session der Fitness schadet. Während ihre Ratskollegen beim Mittagessen über pendente Geschäfte diskutieren, schlüpft die grüne Nationalrätin wenn immer möglich in ihre Laufschuhe. Durch die gemeinsame Teilnahme am Frauenlauf bildeten die Parlamentarierinnen eine Art «überparteiliches Komitee». Eine derartige Zusammenarbeit hatten sie bereits im März beim Equal Pay Day bewiesen.

Weshalb machen beim Lauf nur so wenige bürgerliche Frauen mit? Immerhin haben sich mit Rosmarie Quadranti (BDP) und Ruth Humbel (CVP) zwei Vertreterinnen der sogenannten Mitteparteien angemeldet. «Ich bin nicht sehr sportlich», begründet SVP-Nationalrätin Nadja Pieren ihr Fernbleiben. Fraktionskollegin Andrea Geissbühler, die soeben ein Kind entbunden hat, beurteilt die bürgerlichen Frauen als «nicht gerade die sportlichsten». Ob sportlich oder nicht, laut Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP), der zufällig beim Foto­shooting vorbeispaziert, laufen im Wahljahr ohnehin «alle etwas schneller».

Laufen für Beinprothesen

Ungeachtet der Beweggründe zur Teilnahme dient jeder Lauf dank der Sammelaktion für Minenopfer einem karitativen Zweck. Durch die Mine-Ex-Stiftung lässt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) jeweils einen Franken des Startgeldes Kriegsopfern in Afghanistan und Kambodscha zukommen. Urheber des Hilfsprojekts ist der Rotary-Club. Der Service-Club unterstützt seit zwei Jahren mittels dieser Stiftung Betroffene mit Prothesen und Reintegrationsmassnahmen. «Für 150 Franken kann in den entsprechenden Ländern eine Beinprothese gefertigt werden», sagt Ryffel, die auch als Mine-Ex-Delegierte bei Rotary fungiert. Zusätzlich zum Spendenfranken kann jede Teilnehmerin individuell Beiträge generieren. So kamen laut Ryffel im Vorjahr 67'000 Franken zusammen.

Indes hat ein weiterer Service-Club ein Auge auf den Sportanlass geworfen. Der aus den USA stammende Zonta-Club zielt auf eine gesamtgesellschaftliche Besserstellung der Frauen. Ferner bezweckt er die Förderung sozialer Netzwerke. «Zontanians sind integere und engagierte Berufsfrauen, die über entsprechende Einflussmöglichkeiten verfügen», sagt Helene Goei, Präsidentin des Zonta-Club Bern. Auch die Zonta-Frauen bemühen sich um soziales Engagement. So hoffe man, dereinst die Rotarier in ihrer Funktion als Unterstützer beim Frauenlauf zu ersetzen.

Zwischen 5 und 86 Jahren

Weniger Hintergedanken um Nebeneffekte sportlichen Engagements haben die zahlreichen jungen Frauen und Mädchen. Migros als einer der Haupt­sponsoren will Jugendliche mit dem Projekt «I’m fit» zur Teilnahme an Sportanlässen animieren. Dabei werden die ersten 30 Teams zwischen 5 und 30 Jugendlichen gratis an den Lauf gehen. Das Angebot erfreue sich grosser Beliebtheit, innerhalb von sechs Wochen sei das Anmeldungskontingent ausgeschöpft worden, sagt Jennifer Steiner, Medienverantwortliche des Frauenlaufs. Der Lauf steht weiblichen Teilnehmerinnen zwischen 5 und 86 Jahren offen.

Es kann gewählt werden zwischen Laufstrecken von fünf oder zehn Kilometern. Zwei kurze Strecken gibt es für Mädchen unter 12 Jahren und zwei weitere für die Walking-Kategorien. Sechs sehbinderte Frauen laufen mit Begleitung über zwei Kilometer. Das Startgeld bewegt sich, abhängig von Wohnort und Kategorie, zwischen 13 und 64 Franken. Als Favoritin am Sonntag gilt die Ukrainerin Viktorija Pogorielska. (Der Bund)

Erstellt: 12.06.2015, 11:25 Uhr

29. Frauenlauf: Verkehrsbehinderungen

Wegen des 29. Frauenlaufs vom Sonntag kommt es in der Stadt Bern zu zahlreichen Verkehrsbehinderungen. Mehrere Strassen und Plätze sind am Wochenende ganz oder teilweise für den Verkehr gesperrt. Die Polizei rät Sportlerinnen und Besuchern, mit dem öffentlichen Verkehr anzureisen. Sperrungen und Halteverbote gibt es am Sonntag auf der Strecke Monbijoustrasse, Eigerstrasse, Monbijoubrücke und im Kirchenfeldquartier. Betroffen sind auch Casinoplatz, Bundesplatz und Umgebung. Das Casinoparking und das Hotel Bellevue-Palace sind via Matte und Münzrain erreichbar.
Bereits ab Samstag früh gibt es Sperrungen auf Waisenhausplatz, Bärenplatz und Bundesplatz. Am Sonntag sind Schauplatz und Gurtengasse, Sulgeneckstrasse und Helvetiaplatz gesperrt.

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