Bern
Im Profil: Familien-historie inspiriert
Von Felicie Notter. Aktualisiert am 11.05.2010
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«Die Briefe hat mein Onkel auf dem Estrich gefunden, als wir die Wohnung meiner Grosseltern räumen mussten. Die Verlobte meines Urgrossvaters, der Oberleutnant war, lebte in Deutschland. Also schrieben sich die beiden Briefe – dreihundert in einem halben Jahr. Und da war plötzlich die Rede von einer Mobilmachung gegen Italien. Die Schweiz am Rande eines Krieges zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts – davon hatte ich ja noch nie etwas gehört. Also ging ich der Sache in meiner Maturaarbeit nach. Meine Lehrerin hatte die Idee, mich zum Historia-Geschichtswettbewerb anzumelden. Als ich dort einen ersten Preis gewann, ging meine Arbeit automatisch weiter an Schweizer Jugend forscht (SJF), wo sie mit dem Prädikat ,hervorragend’ ausgezeichnet wurde.»
«Ich durchforstete verschiedene Archive und merkte bald, dass die Kriegsgefahr doch nicht so real gewesen war, wie von meiner Urgrossmutter befürchtet. Aber es bestand ein diplomatischer Konflikt zwischen der Schweiz und Italien, das noch Königreich war. Die Spannungen rührten unter anderem daher, dass in der Schweiz viele italienische Revolutionäre Zuflucht fanden. Die Krise gipfelte im April 1902 in dem Abbruch der Diplomatischen Beziehungen zwischen den Ländern. Giulio Silvestrelli war der italienische Botschafter in Bern, darum spricht man heute von der Silvestrelli-Affäre. Für SJF habe ich die Studie nochmals überarbeitet und die Hintergründe tiefer analysiert. Dabei ist mir klar geworden, wie sehr der Bundesrat damals taktierte: Es gelang ihm, Silvestrellis diplomatisches Ungeschick als Affront darzustellen. Die Landesregierung lenkte damit von den grundlegenden Fragen ab. Denn die italienischen Druckversuche gegen die liberale Anarchistenpolitik der Schweiz tangierten die schweizerische Souveränität.»
«An den Wettbewerben waren die Preise das Beste, etwa die Teilnahme an einem einwöchigen historischen Jugendseminar in Berlin mit 30 anderen Preisträgern aus ganz Europa – das war super. Wenn jetzt zum Beispiel in der Ukraine etwas passiert, schreibe ich schnell ein Mail und frage meine Freundin vor Ort, wie sie die Situation erlebt und einordnet. So habe ich quasi mein persönliches Korrespondentennetz.»
«Geschichte interessiert mich, seit ich denken kann – mein Vater ist Geschichtslehrer. Jetzt studiere ich Physik. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber ich bin zufrieden mit der Wahl, denn so bleibe ich vielseitiger – der Geschichte kann ich ja immer noch in meiner Freizeit nachgehen.» (Der Bund)
Erstellt: 11.05.2010, 09:35 Uhr
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