Bern

«Ich kam vermutlich unter falschen Voraussetzungen nach Bern»

Von Brigitta Niederhauser und Daniel Di Falco. Aktualisiert am 17.09.2010 3 Kommentare

Marc Adam, Intendant am Stadttheater, hält Rückschau auf turbulente Monate und verrät die Pläne für seine verbleibende Zeit in Bern. Für den Chefposten der neuen Organisation will er sich nicht bewerben.

Marc Adam: «Ich beklage mich nicht übers Publikum, aber die Zahl der Neugierigen ist zu niedrig»

Marc Adam: «Ich beklage mich nicht übers Publikum, aber die Zahl der Neugierigen ist zu niedrig»

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«Wut» ist das Thema der laufenden Biennale Bern. Sie haben es vorgeschlagen – was hat Sie in Bern wütend gemacht?

Mich hat nichts wütend gemacht. Das Thema wurde 2008 bestimmt, als die Finanzkrise in vollem Gang war, es herrschte ganz allgemein Wut. Mit Scartazzinis Oper «Wut» als Schweizer Erstaufführung konnte man dies inhaltlich gut verbinden.

Sie könnten ja auch wütend über sich selbst sein. Letzte Woche wurde die vierte Saison unter Ihrer Intendanz eröffnet – Sie haben wiederholt in Aussicht gestellt, dass sie in der dritten Saison den Turnaround schaffen und den Sinkflug der Zuschauerzahlen stoppen werden.

Der Turnaround ist geschafft. Wir haben in der letzten Saison mehr Publikum gehabt als 2008/09. Genaue Zahlen werden erst an der Generalversammlung im Dezember veröffentlicht. So viel kann ich verraten: Zugelegt haben Schauspiel und Tanz, das Musiktheater konnte nicht zulegen.

Warum läuft es im Musiktheater nicht?

Das Musiktheater funktioniert. Wir bieten künstlerisch gute Produktionen an. Es dauert offensichtlich länger, bis die Neuausrichtung beim Publikum ankommt und der ästhetische Prozess etabliert ist.

Was für ein Prozess?

Musiktheater ist mehr als ein kulinarisches Event, mehr als ein netter Abend, den man goutiert und konsumiert. Seit Erfindung der Oper nehmen Komponisten und Librettisten gesellschaftlich relevante Themen auf; diese inszenieren wir. Da kann man spannende Entdeckungen machen. Die Hemmschwelle zum Stadttheater muss man weiter abbauen, so wie es uns in den Vidmarhallen gelungen ist.

Liegt es an der bernischen Behäbigkeit, dass dieser Prozess so harzig läuft?

Nein. Andererseits habe ich mit mehr Unterstützung der Presse gerechnet, und vielleicht liegt es auch an der Grösse der Stadt. Ich beklage mich nicht über die Zuschauer; die, die kommen, kommen wieder. Nur die Zahl der Neugierigen ist noch zu niedrig. Wenn einer eine «Tosca» oder einen «Tartuffe» toll findet, sollte er mehr wollen, wie zum Beispiel die zeitgenössische Oper «Wut» oder Prokofjews «Die Liebe zu den drei Orangen». Wenn wir diese Neugier wecken können, gibt auch das kulinarische Moment nicht mehr den ganzen Ausschlag.

Das kulinarische Moment hat in der Vergangenheit stets für volle Kassen gesorgt.

Ja, und hier liegt genau das strukturelle Defizit, unter dem unser Haus seit Jahrzehnten leidet. Zu lange war die Oper die Milchkuh, die Schauspiel und Ballett aufgrund der hohen Eintrittspreise mitfinanzieren sollte. Das Musiktheater kann sich dabei keinen Flop leisten: Er wirkt sich massiv aufs Gesamtbudget aus.

Das bedeutet, dass diese Sparte günstiger produzieren muss?

Wir produzieren schon sehr günstig in allen drei Sparten.

Es gibt den Vorwurf, Sie engagierten überzahlte Gaststars.

Nein, wir kaufen nicht teuer ein. Unser Ensemble ist extrem gut aufgestellt. Doch manchmal braucht es für besondere Rollen Gäste.

In der aktuellen Spielzeit inszenieren Sie zum ersten Mal selber. Warum erst jetzt?

Ich habe bereits «Wozzeck» in meiner ersten Spielzeit inszeniert (Übernahme einer Inszenierung aus Lübeck, wo Marc Adam vorher tätig war. Anm. der Red.). Vielleicht hätte ich nicht so lange warten sollen. Zum einen ist es innerbetrieblich nicht gut, wenn man an der täglichen künstlerischen Arbeit nicht teilnimmt, zum andern sollte man den Intendanten auch als Regisseur identifizieren können. Ich freue mich sehr in dieser Spielzeit auf die Arbeit mit meinem Ensemble an Prokofjews «L’Amour des trois oranges».

Ihre Macht als Intendant wurde im Mai beschnitten: Schauspielchef Erich Sidler fühlte sich von Ihnen hintergangen und warf das Handtuch; darauf entschied der Verwaltungsrat, dass Sie Entscheide nicht mehr allein fällen können, sondern nur noch gemeinsam mit dem Technischen und dem Kaufmännischen Direktor. Wie gehen Sie mit dieser Disziplinierung um?

In der Tat hat der Verwaltungsrat im letzten Mai einen stärkeren gemeinsamen Entscheidungsprozess in Sachen Disposition und Finanzen verlangt. Wohlbemerkt sieht schon das Organisationsreglement des Theaters von 2007 eine Dreiergeschäftsleitung vor, die nach dem Mehrheitsprinzip entscheidet.

Der Verwaltungsrat sah das offenbar anders.

Das müssen Sie mit dem Verwaltungsrat diskutieren.

Was der Verwaltungsrat nach dem Eklat in einer ausserordentlichen Sitzung entschieden hat, hat also für Sie gar keine Bedeutung?

Nochmals: Es steht nirgends geschrieben, dass der Intendant das alleinige Entscheidungsrecht hat, sondern dass in der Dreiergeschäftsführung gemeinsam entschieden wird. Mit Anton Stocker und Gino Fornasa arbeite ich sehr gut zusammen.

Die Frage, wer letztlich entscheidet, war ja schon wichtig: Anton Stocker und Gino Fornasa, Ihre Partner in der Geschäftsleitung, haben mit Zugeständnissen erreicht, dass Sidler seine Kündigung zurückzog.

Ich habe ihn selber gefragt, ob er nicht die fünfte Spielzeit doch machen wolle. Ich war keine Sekunde dagegen, dass er seine Kündigung zurücknimmt.

Sie haben sich gefreut, dass er nun in Bern bleibt?

Ich habe ihn ja seinerzeit nach Bern geholt, um mit mir zusammen das Theater neu auszurichten: Wir wollen ein Schauspiel, das auf neue Autoren setzt, vor allem auch aus der Schweiz. Das funktioniert, und es wäre schade gewesen, diesen Prozess abzubrechen.

Dann war der Eklat also nicht so gross, dass er eine weitere Zusammenarbeit unmöglich gemacht hätte?

Nein, noch am selben Tag haben wir uns zusammengesetzt. Ich schätze Erich Sidler als Regisseur sehr.

Sie reden wieder miteinander?

Wir haben immer miteinander geredet.

Ist es für Sie als Chef kein Problem, vor der Presse von einem leitenden Angestellten desavouiert zu werden?

Natürlich ist das ein Problem.

Eine alte Geschichte interessiert uns noch. Ihr Verhältnis zu Chefdirigent Srboljub Dinic – hat sich das auch wieder eingerenkt? Sie wollten ihn ja entlassen, was der Verwaltungsrat dann verhinderte.

Meinungsunterschiede im künstlerischen Schaffensprozess gehören zur täglichen Arbeit, aber nicht öffentlich ausgetragen. Ja, es hat sich eingerenkt. Dinic erfüllt seinen Vertrag, er wird diese Saison drei Produktionen dirigieren, und wir haben gemeinsam festgestellt, dass wir mit guten Voraussetzungen in die neue Spielzeit starten können.

Was sagen Sie zum Vorwurf aus dem Theater, Sie seien zu wenig präsent?

Ich kenne den Vorwurf und weise ihn zurück.

Die Stimmung im Theater ist also gut, was Ihre Person betrifft?

Was die tägliche Arbeit angeht, herrscht keine schlechte Stimmung. Tatsache ist, dass die Diskussionen über die Fusion von Stadttheater und Symphonieorchester zu Unsicherheit führten. Die Zusammenarbeit mit dem Orchester stimmte nicht ganz, auch nicht in der Verteilung der finanziellen Mittel. Ich habe immer wieder auf dieses Missverhältnis aufmerksam gemacht, und zwar schon bei meiner Bewerbung. Damit habe ich dazu beigetragen, dass die seit Jahren schwelenden Probleme auf den Tisch kamen und die Politik einen Schritt in die Richtung einer neuen Zusammenarbeit getan hat. Zugleich hat diese Diskussion die Wahrnehmung des Stadttheaters, aber auch die meiner Person belastet.

Was halten Sie vom Modell für die neue Organisation?

Zusammen sind das Musiktheater und das Orchester gegenüber der Politik sicher stärker. Ich kann aber noch keine fertige Analyse liefern; die Kernfragen rund um Disposition und Planung, welche die ganze Diskussion verursacht haben, sind noch nicht geregelt. Schon heute kann man allerdings sagen, dass es mit der personellen Aufstockung einen Gewinn fürs Schauspiel gibt. Zudem wurde das Ballett nicht abgeschafft wie zuerst geplant.

Das Modell soll schon ab Mitte 2011 umgesetzt werden. Wie wirkt sich das auf die tägliche Arbeit aus?

Wir müssen sehr sorgfältig organisieren, damit die Verunsicherung nicht noch grösser wird. Wir bereiten im Moment die Spielzeit 2011/12 vor, die mache ich noch.

Sie werden sich nicht um die neue Stelle des Theaterdirektors bewerben?

Nein.

Weshalb?

Man kann lange diskutieren, ob das vorgesehene Profil eines Managers für ein solches Haus das richtige ist. Arbeitet die Kunst für den Komfort der Verwaltung oder die Verwaltung für die Entfaltung der Kunst? Meine Antwort können Sie sich denken.

Und wenn das Profil eher einen Künstler- als einen Managerposten vorgesehen hätte – hätten Sie sich beworben?

Das sind zu viele Konjunktive. In Frankreich heisst es: Avec des si on pourrait mettre Paris dans une bouteille.

Als sie Ihren Vertrag 2005 unterschrieben haben, wurde Ihnen eine Verlängerung über 2012 hinaus in Aussicht gestellt. Sind Sie frustriert, dass diese Option vom Tisch ist?

Ich bin vermutlich unter falschen Voraussetzungen nach Bern gekommen. Als ich gewählt wurde, wurde gleichzeitig das Projekt «Neues Theater Bern» gestartet, dessen Verlauf niemand voraussehen konnte.

Also doch Wut bei Marc Adam?

Nein, keine Wut. Mich interessiert es, die neue künstlerische Richtung, die wir vor drei Jahren eingeschlagen haben, zusammen mit meiner Mannschaft in den nächsten zwei Jahren weiterzuführen, weil ich überzeugt bin, dass sie richtig ist.

Im Januar nimmt die neue Stiftung ihre Arbeit auf, nächsten Sommer soll der CEO seine Stelle antreten – ein ehrgeiziger Fahrplan. Wäre es nicht besser gewesen, die Totalrenovation des Grossen Hauses, die auf 2013/14 angesetzt ist, ein Jahr vorzuziehen und dann mit frischem Haus und neuem Intendanten den Neustart zu machen?

Zweifellos, denn die Schliessung während des Umbaus führt zu weiterer Verunsicherung, mehr noch beim Theater als beim Orchester.

Was tun Sie dagegen?

Ich animiere die Kollegen, nur beste Arbeit zu leisten, denn nur so hat das Theater eine gute Position für den Neustart.

Und wie genau wollen Sie diese Position verbessern?

Wir setzen weiter auf ein Theater, das sich dem Publikum öffnet und mit ihm den Dialog sucht. Und wir bieten dort, wo die Inszenierungen bereits amortisiert sind, so wie bei der Oper «Hänsel und Gretel», Tickets zum halben Preis an. Eine meiner ersten Entscheidungen war ja, die Preise in den Vidmarhallen zu senken. Im Stadttheater ist das leider selten möglich.

Die einzige ausverkaufte Aufführung dort war ein Tanzabend, an dem auch die Band Kummerbuben aufgetreten ist. Hätten Sie das Potenzial spartenübergreifender Produktionen nicht lieber früher genutzt?

Wir haben auch im Musiktheater mit «La Bohème» und «Sweet Charity» ausverkaufte Vorstellungen gehabt. Ausserdem konnte der Tanzabend zu sagenhaften 20 Franken angeboten werden. Solche Happenings können erst entstehen, wenn die Ensemblemitglieder schon eine Weile in einer Stadt wohnen und andere Künstler kennen gelernt haben. Wir werden Projekte in diesem Stil weiterverfolgen, wie beispielsweise auch die Stärkung des eigenen Ensembles, in dem in dieser Spielzeit Soloabende im Stadttheater mit Robin Adams (Robin and Friends), Fabienne Jost (Edith-Piaf-Abend) und Claude Eichenberger stattfinden. (Der Bund)

Erstellt: 17.09.2010, 09:26 Uhr

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3 Kommentare

Bernard Berner

17.09.2010, 13:42 Uhr
Melden

In einer Zeit, wo das Geld an allen Ecken und Enden fehlt, kann die Prämisse nur lauten, einen Spielplan dermassen auszugestalten, dass während der gesamten Spiel-Saison ein ausverkauftes Haus garantiert ist. Die Steuerzahlenden sind es nämlich leid, einen künstlerisch-intelektuellen und abgehobenen Experimentierbetrieb, der vor leeren Zuschauerrängen abläuft, durchzufüttern! Antworten


Oli Christen

17.09.2010, 15:41 Uhr
Melden

Herr Adam, CHF20 Mal 952 Sitzplätze sind CHF19'040 Kasse. Zzgl. Sponsoring, F&B, Verwertung, Merchandise, und Diverses ergibt sich ein Produktionsbudget, mit dem man so ziemlich alles realisieren kann. Dieser Eintrittspreis ist nicht "sensationell", sondern angemessen. Antworten



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