«Ich habe abgetrieben»

Eine Initiative will, dass Frauen ihre Abtreibung selber bezahlen müssen. Ein Komitee von Frauen, die öffentlich zu ihrer Abtreibung stehen, wehrt sich gegen das Volksbegehren. Eine von ihnen ist die Berner SP-Stadträtin Lea Kusano.

Abtreibung: Lea Kusano hat ihre Entscheidung von damals nie bereut.

Abtreibung: Lea Kusano hat ihre Entscheidung von damals nie bereut. Bild: Adrian Moser

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«Ich habe abgetrieben.» Der Satz kommt ihr ganz selbstverständlich über die Lippen. Das Erlebnis gehört genauso zu ihrer Biografie wie die politische Karriere. Es war mit 15 Jahren, als die SP-Stadträtin Lea Kusano von einem Klassenkameraden schwanger wurde. Nicht von Anfang an sei für sie klar gewesen, dass sie abtreiben will, sagt die 32-Jährige. Dies, obwohl sie weder eine abgeschlossene Ausbildung noch Geld hatte.

Auch der Kindsvater wollte das Kind nicht haben. Ausschlaggebend für den Entscheid zum Schwangerschaftsabbruch waren jedoch vor allem die Reaktionen der Schulkollegen. Kusano: «Die Mädchen haben nicht mehr mit mir geredet, und Hallo sagte auch niemand mehr.» Sie zieht kurz an ihrer Zigarette. Die Situation an der Schule wurde für sie so unerträglich, dass sie nach der Abtreibung die letzten drei Monate des neunten Schuljahres in einem Sprachaufenthalt verbrachte.

Öffentliche Bekenntnis

Lea Kusano will mit ihrem Bekenntnis an die von Alice Schwarzer initiierte «Stern»-Kampagne von 1971 anknüpfen. «Wir haben abgetrieben», bekannten damals 374 Frauen – darunter Romy Schneider – in dieser Zeitschrift. Damit sprachen die Frauen erstmals das Tabuthema Abtreibung an. 41 Jahre später hat sich auf gesetzlicher Ebene zwar einiges getan. Seit die Schweizer Stimmbürger am 2. Juni 2002 die Fristenregelung mit 72,2 Prozent angenommen haben, dürfen Frauen bis in die zwölfte Schwangerschaftswoche legal abtreiben.

Die Vorlage enthielt auch die Zahlungspflicht der Krankenkassen. Trotzdem ist Abtreibung noch immer kein Thema, über das man in der Öffentlichkeit spricht. Ausser Lea Kusano und ein paar Frauen, die das kollektive Schweigen erneut brechen.

Ihre Emotionen von damals hat sie in der Vergangenheit deponiert, jetzt geht es ihr um die Zukunft des Selbstbestimmungsrecht der Frauen. Dieses sieht sie in Gefahr – durch die Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache». Das Volksbegehren ist auch der Auslöser für Kusanos öffentliches Bekenntnis. Es fordert zwar nicht ein Verbot von Abtreibung. Stattdessen verlangt es, dass Frauen ihre Abtreibung selber bezahlen müssen.

Abtreibung immer noch tabu

Als Reaktion darauf lanciert Lea Kusano zusammen mit Claudine Esseiva, der Generalsekretärin der FDP-Frauen, eine Art Relaunch der «Stern»-Kampagne. So haben sich in der letzten Ausgabe des «SonntagsBlicks» neben Kusano noch sechs andere Frauen geoutet. «Es braucht einen Weckruf», sagt Kusano zu ihrer Motivation. Viele Leute wüssten gar nicht, dass es die Initiative überhaupt gibt. Man dürfe die Macht dieses Volksbegehrens nicht unterschätzen, warnt Kusano. «Wird sie nicht ernst genommen, könnte es wie bei der Minarett-Verbot-Initiative enden», befürchtet sie. Die Initianten würden sicher stark mobilisieren – insbesondere auch in christlich-fundamentalen Kreisen.

Gleichzeitig will Kusano mit ihrem Bekenntnis einen Beitrag zur weiteren Enttabuisierung von Abtreibung leisten. Auf individueller Ebene sei seit Einführung der Fristenlösung schon einiges passiert, glaubt sie. Junge Paare würden sich selbstsicherer für eine Abtreibung entscheiden als früher. «Aber auf gesellschaftlicher Ebene ist es nach wie vor ein Tabu.»

Solidaritätsprinzip schützen

Nicht zuletzt will Kusano aufzeigen, dass es den Initianten mehr um eine moralische denn um eine finanzielle Frage gehe. «Das Kostenargument ist fadenscheinig», sagt sie. Denn die Kosten beliefen sich nur gerade auf 0,02 Prozent der gesamten Gesundheitskosten. Die Kosten für Geburten oder von Folgeschäden bei verpfuschten Abbrüchen wären weitaus höher, legt sie dar.

Das Hauptargument der Initianten, dass niemand gezwungen werden soll, mit seinen Prämien die Abtreibung anderer zu finanzieren, bringt Kusano in Rage. «Krankenversicherung funktioniert nach dem Solidaritätsprinzip», sagt sie. Andere selbsverschuldete Leiden wie Lungenkrebs würde sie mit ihrer Krankenkassenprämie auch mitfinanzieren. Zudem sieht sie die Initiative als Angriff auf die Solidarität zwischen Mann und Frau. Zum Kindermachen gehören immer zwei. «Es kann nicht sein, dass sich Männer plötzlich nicht mehr an den Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch beteiligen müssen», sagt Kusano.

Hat sie die Abtreibung nie bereut? «Nein, ich habe den Entscheid nie bereut», sagt sie. Längst nicht alle Frauen haben nach einer Abtreibung ein emotionales Problem, sagt Kusano und macht sich schnellen Schrittes los. «Damit es in Sachen Abtreibung zu keinem Rückschritt kommt», ruft sie lachend und verschwindet hinter der Ecke des Hauses. (Der Bund)

(Erstellt: 30.05.2012, 06:55 Uhr)

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Anlass

Am Samstag findet in Bern eine Veranstaltung zum 10. Jahrestag der Fristenregelung statt. Infos: www.svss-uspda.ch

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