«Ich bin schon froh, wenn der Wahlkampf vorbei ist»
Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 20.10.2011 3 Kommentare
Der «Bund» twittert von den Wahlen
Am Wahlsonntag twittert der «Bund» von Mittag bis Mitternacht: Das Redaktionsteam bündelt Splitter, Beobachtungen, Neuigkeiten und Stimmungen in 140 Zeichen.
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Momentan klingelt der Wecker morgens um halb sechs. Aline Trede, hoffnungsvolle Nationalratskandidatin der Grünen, führt einen umtriebigen Wahlkampf. In den letzten zwei Wochen war sie jeweils morgens und abends irgendwo auf der Strasse anzutreffen, verteilte Karten, Ballone oder Seifen. Nachts verarbeitet sie ihre Aktionen auf den sozialen Medien. Mehr als fünf Stunden Schlaf liegen da kaum drin.
Privatleben – ein Wort, das in Aline Tredes Leben momentan kaum eine Bedeutung hat. Ihre Anstellung als VCS-Kampagnenleiterin hat sie reduziert, die Freizeit neben dem 60-Prozent-Pensum steckt sie in den Wahlkampf. Gerade Kandidaten wie Trede, die sich – seien es auch nur kleine – Hoffnungen auf einen Sitz oder einen guten Ersatzplatz machen können, legen sich in diesen Tagen besonders ins Zeug.
Gipfeli für Neuwähler
Trede versucht kurz vor dem Wahlsonntag vor allem junge Wähler zu mobilisieren. Am frühen Dienstagmorgen stand sie zum Beispiel mit 500 Gipfeli im Wankdorf, wo die Wirtschaftsmittelschule Bern und die Feusi beherbergt sind. «Bei den Jungen geht es mir kaum um mich, sondern einfach darum, dass sie dieses dicke Couvert zumindest mal öffnen.» Dass sich eine Strassenaktion lohnen kann, davon ist Trede überzeugt. Bei der letzten Nationalratswahl hätten auf der Liste der Grünen 74 Stimmen zwischen Rang vier und fünf entschieden. Eine erfolgreiche Aktion könne daher matchentscheidend sein.
Die 28-jährige Vizepräsidentin der Grünen Schweiz konzentriert sich in ihrem Wahlkampf auf die Städte. «An Tagen, wo ich mich besonders stark fühle, gehe ich aber auch aufs Land», sagt Trede. Zwei Tage habe sie etwa im Oberland verbracht, das sei «tough» gewesen. Die Leute seien zwar mehrheitlich nett gewesen, hätten sie aber fast bemitleidet. Mit den Postkarten hätten sie wenig anzufangen gewusst. «Jemand hat mich gefragt, warum ich nicht bei ‹Pesche› ein Wahlplakat in den Acker stelle, das sei doch bequemer.»
Für Nadja Pieren ist es umgekehrt: Für die Vorzeigefrau auf der SVP-Liste ist die Stadt Bern ein hartes Pflaster. Zusammen mit ihrem Wahlkampf-Partner Albert Rösti hat sie auf dem Berner Kornhausplatz Werbung in eigener Sache gemacht – «das war nicht gerade einfach», räumt sie ein. Sie habe sich die eine oder andere Beleidigung anhören müssen, die unter die Gürtellinie gegangen sei. In ihrer Heimatstadt Burgdorf ist es Pieren wohler, hier hat sie gestern Cervelats verteilt. «Uns sind die Wahlen nicht wurst», stand darauf. Am Dienstag war sie mit dem Pieren-Rösti-«Wahlmobil» unterwegs, am Montag an Märkten in Hünibach und Reichenbach und abends an der Berner Weinmesse.
Die letzte Woche vor den Wahlen hat die Leiterin einer privaten Kindertagesstätte freigenommen – «um nochmals richtig Vollgas zu geben». Begonnen hat sie ihren Wahlkampf im August, seither hat Pieren, die auch eine von fünf Vizepräsidenten der SVP Schweiz ist, kaum noch freie Zeit gehabt. «Ich bin schon froh, wenn es vorbei ist.» Aber Politik sei auch ihr Hobby: «Beim Strassenwahlkampf treffe ich viele Freunde, daher hat das auch etwas Kollegiales.»
Einen engagierten und auffälligen Wahlkampf führt auch SP-Kandidatin Flavia Wasserfallen. Schon im Mai verteilte die Grossrätin und Co-Präsidentin der SP Stadt Bern Kaugummis unter die Leute – zusammen mit dem zur Politik konvertierten TV-Moderator Matthias Aebischer. Mit dem Aufdruck «Früsch» verteilten die beiden ambitionierten Kandidaten Badetücher im Sommer und Regenschirme im Herbst. Zudem servierte Wasserfallen in bernischen Städten frisch gepressten Orangenjus – den sie mit einem «Saftpresse-Velo» strampelnd zubereitete.
Schwanger im Wahlkampf
Wasserfallen hat aber nicht nur eine Stabstelle beim Bundesamt für Energie inne, sie hat auch eine kleine Tochter – und ist im sechsten Monat schwanger. «Zum Glück habe ich eine unkomplizierte Schwangerschaft», sagt sie. Aber trotzdem achte sie – auch im Schlussspurt – darauf, dass sie zum Essen und Schlafen komme. Den Wahlkampf prästiere sie nur dank der Unterstützung des Partners, der Eltern und des Wahlteams.
«Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig» – fast bei allen aktiven Wahlkämpfern kommt diese Begründung, wenn man sie nach dem Grund für ihr Engagement fragt. Kaum ein Kandidat, kaum eine Kandidatin nimmt sich diesen Satz aber so zu Herzen wie Franziska Keller. Die 34-jährige BDP-Parlamentarierin aus Köniz haben die Polit-Propheten zwar kaum auf der Rechnung – aber keine Wahl ohne Überraschungen. Die Politologin, die 90 Prozent beim Seco als stellvertretende Ressortleiterin arbeitet, ist seit Mai im Wahlkampf – oft zu Fuss. Seit dem Frühling hat Keller 16 Wanderungen durch den Kanton Bern absolviert. Wer mitwandern wollte, konnte sich auf ihrer Homepage anmelden. Dort lässt sich auch nachschlagen, dass Keller in letzter Zeit 26 Anlässe besucht hat. Auf Twitter und Facebook dokumentiert sie ihre Aktivitäten feinsäuberlich. «Ich wollte nicht wie ein gestochenes Huhn durch die Gegend rennen, aber die Sache hat eine Eigendynamik entwickelt», sagt Keller. Immer neue Leute hätten sie zum Wandern eingeladen. Manchmal sei noch ein freier Samstagabend für Familie und Freunde geblieben, erzählt Keller.
Intensive Tage durchlebt auch die FDP-Nationalratskandiatin und ehemalige Profi-Skirennfahrerin Corinne Schmidhauser – nicht im Wahlkampf, sondern im Beruf. Schmidhauser ist Leiterin der Sportschulen Feusi, das neue Semester hat soeben begonnen. Ferien wären jetzt ohnehin nicht möglich. «Ich habe momentan schlicht keine Zeit mehr für Wahlkampf.» Schmidhauser ist auch sonst enorm engagiert: Sie ist unter anderem Grossrätin, Gemeinderätin in Bremgarten und Präsidentin von Antidoping Schweiz. Werde sie nicht gewählt, werfe sie sich aber nichts vor: «Ich habe gemacht, was meine berufliche Situation erlaubt hat.» (Der Bund)
Erstellt: 20.10.2011, 08:41 Uhr
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