Bern

Holcim im Kunstmuseum: Doch ein PR-Auftrag

Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 24.04.2012 3 Kommentare

Die Kritik an der Holcim-Ausstellung «Industrious» im Berner Kunstmuseum reisst nicht ab. Wovon aber bisher keiner sprach: Das umstrittene Fotoprojekt hat sich eine Werbeagentur für den Konzern ausgedacht.

Wie viel PR verträgt die Kunst? Die Bilder von Hiepler/Brunier (Mitte) und Grob im Museumssaal.

Wie viel PR verträgt die Kunst? Die Bilder von Hiepler/Brunier (Mitte) und Grob im Museumssaal.
Bild: Daniel Horn für Hiepler/Brunier (zvg)

Ohne Holcim-Kritiker

Die Ausstellung wird noch bis 6. Mai gezeigt. Am 2. Mai um 19 Uhr veranstaltet das Kunstmuseum eine Diskussion über Kultursponsoring. Auf dem Podium werden keine Holcim-Kritiker sitzen, und auch bei den Bildern von «Industrious» sieht Matthias Frehner nach wie vor keinen Diskussionsbedarf: Das Künstlerische sei «Sache der Direktion».

Weitere Informationen: www.kunstmuseumbern.ch

Bildstrecke

Planet Zement

Planet Zement
Im Wunderland der Schwerindustrie: Die neue Ausstellung im Kunstmuseum zeigt den Holcim-Konzern von Innen.

Stichworte

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Mehr als ein Dutzend Demonstranten waren es nicht, die vorletztes Wochenende ihre Kartonschilder vor dem Kunstmuseum aufstellten. Die Vorwürfe aber hatten es in sich: «öffentlich subventionierte Gratiswerbung für einen milliardenschweren Konzern», «Vereinnahmung der Kunst». Den Fotoplakaten zur Ausstellung «Industrious» stellten sie das Bild eines Inders hinter Gittern entgegen: ein Aktivist, der wegen seines Einsatzes gegen die Ausbeutung der dortigen Holcim-Arbeiter «kriminalisiert und eingesperrt» worden sei.

Könnte Kunst Reklame sein?

Vor der Tür wollten die Kritiker allerdings nicht bleiben. Die Menschenrechtsorganisation Multiwatch verlangte «Raum, um die Realität hinter der schönfärberischen Darstellung zu zeigen», und schlug dem Direktor unter anderem vor, parallel zum Kunstprojekt von Holcim jene Bilder auszustellen, mit denen eine indische Gewerkschafterin von den «Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen durch Holcim» in ihrem Land berichtet.

Das Echo aus dem Museum: kein Bedarf. «Auf Ihre Kritik an Holcim können und wollen wir nicht eingehen und lehnen es deshalb ab, auf Ihre Forderungen und Anliegen einzutreten», schreibt Direktor Matthias Frehner in seiner Antwort an die Menschenrechtler. Die Begründung ist dieselbe, mit der man der Kritik an «Industrious» seit der Eröffnung vor zwei Monaten begegnet: «Es handelt sich um ein künstlerisches Projekt.» Die Künstler seien in ihrer Arbeit frei gewesen; so frei wie das Museum bei seiner Auswahl aus den Bildern, die Holcim zum Jubiläum in Auftrag gegeben hat.

Kunst, keine Reklame - in der Logik des Museums schliesst das eine das andere aus. «Niemand wird sagen», so Frehner schon früher im «Bund», «dass das Werbeaufnahmen für Holcim seien.» Charles Blunier sagt allerdings fast genau das. Er ist «Creative Director» bei KSB, und KSB ist Krieg Schlupp Bürge: eine grosse Zürcher Werbeagentur. Fünfzig Angestellte, ein erwartetes Auftragsvolumen von zehn Millionen Franken in diesem Jahr, Kunden wie Coop, UBS, die Eidgenossenschaft, AXA Winterthur und VW. Und Holcim. Schon kurz vor der Eröffnung der Ausstellung berichtete Blunier in «Persoenlich.com», einem Branchenmagazin der Kommunikationswirtschaft, ausführlich über den Auftrag des Zementkonzerns: das Jubiläumsprojekt zu Holcims Hundertstem.

Klare Image-Ziele

Die Angestellten und die Fabriken weltweit zu zeigen, zumal sie es seien, die «Holcim ausmachen» und «die Werte der Unternehmung tragen» - das war die Idee, die KSB geliefert hat. Umgesetzt haben sie der Schweizer Porträtist Marco Grob sowie das Berliner Architekturfotografenduo David Hiepler und Fritz Brunier. «Wir sind mit ihnen rund um den Globus gereist», berichtet Blunier; die Agentur führte Regie während der Realisierung und gestaltete auch das Buch, das die Aufnahmen versammelt und als Geschenk an alle Angestellten geht. Ein «abenteuerliches Projekt», so Blunier - und eines mit klaren Image-Zielen: Die Fotos sollen Holcim als Firma zeigen, die «Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern» aufbringt. Und genug «Mut und Selbstbewusstsein» hat, um einen «solch intimen Einblick» zu bieten.

Kunst hin oder her: Teil dieser Bilder ist auch diese Selbstdarstellung. Der Konzern hat damit Profis betraut, die «sicherstellen» können, «dass die kreativen Ideen präzise dort einschlagen und diejenigen treffen, die wir treffen müssen, um treffliche Resultate zu erzielen». Das ist zwar ihre Eigenwerbung - stellt aber doch die Frage, wie viel Kommunikationsdesign die Kunst verträgt. Zumal man nicht weit suchen muss, um die Werbebotschaft auch in den Bildern selbst zu finden: Sie blenden den Arbeitsalltag systematisch aus; stattdessen beschwören die Fabrikansichten die Wunderwelt der Technik, die Arbeiterporträts den Mythos einer Firmenfamilie. Und welches Unternehmen der Schwerindustrie würde sich nicht freuen, eine Belegschaft mit so kantigen Köpfen vorzeigen zu können, mit so tatkräftigen Händen und so viel herbem Charme? Und das wandfüllend?

Eine «eigene Vision»

Dieser Gaul riecht aus dem Maul. Aber an der Hodlerstrasse hat man nach wie vor nicht die leisesten Zweifel. Die Sache mit dem KSB-Mandat beeindruckt Matthias Frehner nicht. Dass ein Unternehmen für sein Jubiläum PR-Leute engagiere, sei «normal». Auftragskunst, klar - aber aus dem Auftrag sei «gute und unabhängige Kunst» entstanden, eine «eigene Vision»; allein aufgrund des «künstlerischen Resultats» habe sich das Museum fürs Angebot von Holcim entschieden, die Bilder zu zeigen. Und Frehner ist auch sicher: «Im Kontext dieser Ausstellung sind die Fotografien keine Träger von Werbebotschaften.» Weder Arbeiter noch Fabriken würden «verherrlicht» - das sei «eindeutig».

Kann man da noch anderer Meinung sein? Der Direktor empfiehlt seine «kunsthistorischen Argumente» im Ausstellungskatalog. Genau dort (und in der Wegleitung für die Besucher von «Industrious») findet man allerdings all das wieder, was der Werber über seine Mission sagt - auch wenn man sich im Museum gewählter ausdrückt. Es geht durchwegs ums Versprechen eines besonderen Realismus; Blunier spricht von «ehrlichen Bildern» und einem «intimen Einblick» in eine «Welt, die vielen Betrachtern sonst verborgen bleibt» - Frehner von «gesteigerter Wirklichkeitsvergegenwärtigung» und vom «freien Zugang zu allen Steinbrüchen, Zement- und Betonwerken» des Konzerns; «Möglichkeiten, die in unserer Gegenwart kaum mehr vorkommen».

Oberflächlicher Realismus

Wenn man in der Wegleitung zudem liest, die porträtierten Arbeiter seien über «alle Weltregionen» hinweg miteinander «verbunden durch ihre Arbeit» - dann erinnert man sich an Rolf Soiron, den Verwaltungsratspräsidenten von Holcim, der angesichts der Bilder vom «Wunder» schwärmte, dass sein Unternehmen weltweit wie ein einziger «Organismus» funktioniere. Stolz und Selbstbewusstsein schliesslich, die bei KSB definierte Botschaft - beides demonstrieren die Angestellten, die laut Soiron das «Kapital» der Firma sind. Dazu gehören auch die Schweissperlen auf der Stirn, die Furchen in den Händen und alle übrigen detailscharfen Zeichen ehrlicher Arbeit.

Ehrliche Arbeit - ehrliche Produkte, ehrliche Gewinne, eine ehrliche Firma: Am Ende erweist sich gerade der oberflächliche Realismus dieser Bilder, ihre «magische Präzision» (Frehner), als ausgesprochen PR-tauglich. «Strength, performance, passion» - so lautet der Wahlspruch auf dem Briefpapier von Holcim: Stärke, Leistung, Leidenschaft. Die Bilder im Museum passen derart gut dazu, dass man den Slogan problemlos als Untertitel von «Industrious» verwenden könnte.

Mitarbeit: Christoph Lenz (Der Bund)

Erstellt: 24.04.2012, 11:32 Uhr

3

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

3 Kommentare

Hans Ryser

24.04.2012, 14:26 Uhr
Melden 6 Empfehlung 0

Mein lieber Herr di Falco
Sind doch geniale Fotos! Holcim hat diese Ausstellung zum Teil gesponsort. Na und - sonst bleibt's halt am Steuerzahler hängen. Welches ist denn die bessere Kunst? Die aus dem Steuertopf geförderte Kunst - oder die von Mäzenen geförderte Kunst? Könnte es sein, dass ihr Salär auch aus dem Umverteilungs-Steuertopf kommt?
Antworten


Johannes Künzler

24.04.2012, 15:08 Uhr
Melden 5 Empfehlung 0

Mein lieber Herr Ryser - Die Bilder sind doch stinklangweilig: Alles ist aalglatt; auch kommt nie ein/e Arbeiter/in im Zusammenhang mit seinem/ihrem Arbeitsplatz vor. Auch meinte ich: Mäzenatentum und PR-Maschine sind dann doch noch zwei paar Schuhe. Und das Salär des Journalisten hat mit dem Zusammenhang hier überhaupt nichts zu tun. Antworten



Bern

Populär auf Facebook Privatsphäre


Fernstudentin an der FFHS

Award für beeindruckende Weiterbildungsbiografie

Nicht von dieser Welt!

Entdecken Sie die arabische Märchenwelt aus 1001 Nacht!

Jetzt wechseln und sparen

Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Online-Wettbewerb

Wir feiern - Sie profitieren. Einen Tag lang freie Fahrt ab CHF 25.- mit Bahn, Bus und Schiff im gesamten BLS-Gebiet.

Alles für Abonnenten und Abonnentinnen

Laden Sie sich Ihr ePaper auf Ihren Computer und blättern Sie gratis und ab 5 Uhr früh in Ihrem "Bund".

WERBEN SIE ONLINE

Nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Wir beraten Sie gerne.