Höhn: «Die Atomkraft ist gefährlich»
Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 05.02.2011 7 Kommentare
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Frau Höhn, reden Sie von Kernenergie oder Atomenergie?
Wir sagen Atomenergie, aber ich will es nicht am Begriff festmachen, ich diskutiere mit vielen Kernkraft-Befürwortern.
Gegner reden gerne von Atomenergie, weil es gefährlicher tönt.
Die Atomkraft ist ja auch sehr gefährlich, das sollte man nicht herunterspielen. Aus meiner Sicht gibt es nur zwei Risiken, bei denen man extrem vorsichtig sein muss, weil Fehler nicht wiedergutzumachen sind: Atomkraft und Gentechnik.
Es gibt Strategien, um mit den Gefahren der Kernkraft umzugehen. In Deutschland und der Schweiz hat das bisher geklappt.
Es war in meiner Zeit als Ministerin in Nordrhein-Westfalen, dass man die Wildschweine aus einem Naturschutzgebiet nicht vermarkten konnte, weil sie vom GAU in Tschernobyl her zu hohe Cäsium-Belastungen hatten. Tschernobyl ist 2000 Kilometer weit weg. Und im Umweltausschuss im Bundestag haben wir analysiert, was beim Beinahe-GAU 2006 im AKW Forsmark passiert ist. Da denkt man: Schweden hat die sichersten Autos der Welt, wo, wenn nicht in Schweden, sind AKW sicher? Die sind aber nur um 20 Minuten an einem GAU wie in Tschernobyl vorbeigeschrammt.
Tschernobyl kann im Westen nicht passieren, der Reaktortyp wurde nicht verwendet.
Mittlerweile gibt es neue Risiken, seit dem 11. September das Risiko des Terrorismus. Kein deutsches Atomkraftwerk ist gegen grosse Flugzeuge abgesichert, alte AKW sogar gegen kleine Flugzeuge nicht. Jede Rakete, die Sie auf der Schulter tragen und auf ein AKW abschiessen können, kann einen GAU auslösen.
Mühleberg ist nachträglich gegen Flugzeugabstürze gesichert worden.
Da bin ich aber gespannt, in Deutschland hat man das nicht geschafft. Es gibt weitere Gefahren: Wenn die Industrieländer nicht aus der Atomkraft aussteigen, wird es immer mehr Entwicklungsländer geben, die wie Nordkorea und der Iran mit der Atomkraft in den Besitz der Bombe kommen wollen, um so mehr Gewicht in der Weltgemeinschaft zu erhalten.
Ist das zu verhindern, wenn Industrieländer keine KKW mehr bauen?
Ich glaube schon. Wir Industrieländer müssen zeigen, dass wir ohne Atomkraft auskommen. Wir brauchen sie ja nicht. Weltweit liefern Atomkraftwerke nur gerade 14 Prozent des Strombedarfs.
In der Schweiz liefern sie 40 Prozent des Stroms, in Deutschland 23 Prozent. So einfach wird es nicht sein, auf AKW zu verzichten.
Wir sehen ja, wie problematisch es mit dem Endlager für Atommüll ist. Uns ist gesagt worden, das Lager in Asse sei 500'000 Jahre dicht. Jetzt stellen wir fest, dass schon nach 20 Jahren die Gefahr besteht, dass das Grundwasser in der Umgebung radioaktiv verseucht wird.
Man hat den Eindruck, dass sich KKW-Gegner gegen Endlager-Lösungen wehren, um ein Pfand gegen neue KKW in der Hand zu haben.
Falsch. Unter der rot-grünen Regierung haben wir das Szenario einer ergebnisoffenen Suche auf den Weg gebracht. Die Schweiz wendet jetzt genau dieses Verfahren an, mit viel Bürgerbeteiligung und Untersuchungen verschiedener Wirtsgesteine. Bei uns haben die Konservativen das verhindert, weil sie sich auf Gorleben festgelegt haben.
Gorleben ist doch kein Endlager.
Die jetzige Regierung will keine Alternativstandorte suchen. So läuft es auf ein Endlager Gorleben hinaus.
Falls es doch eine andere Lösung als Gorleben gibt: Dann organisieren die Grünen keine Proteste, sondern helfen mit, damit der Atommüll dort gelagert werden kann?
Ja. Wir haben den Weg beschrieben, wie man den bestmöglichen Standort finden kann, und werden uns daran halten, wenn wir ab 2013 Mitverantwortung übernehmen. Wir können den Atommüll ja nicht irgendwo am Ural lagern.
Sie rechnen also damit, dass Sie bis dann wieder in der Regierung sind?
Momentan liegen wir in den Umfragen bei 20 Prozent, die jetzige Regierung ist weit von einer Mehrheit entfernt.
Werden Sie dann den Beschluss der CDU/CSU/FDP-Regierung rückgängig machen, die Laufzeiten der Kernkraftwerke zu verlängern?
Ja. Wir reichen diesen Monat zusammen mit der SPD eine Klage gegen die Verlängerung ein, die nicht auch von der Länderkammer beschlossen werden soll. Das ist verfassungswidrig.
Die deutsche Energieagentur sagt, ab 2020 sei in Deutschland nicht mehr genug Kraftwerkleistung da, um die Jahreshöchstlast zu decken.
Dieses Gutachten haben die Stromkonzerne RWE und EON bezahlt, und es ist logisch, dass die eine Lücke sehen, weil sie ihre AKW länger laufen lassen wollen. Die vielen Gutachten, die unter der Grossen Koalition CDU/CSU/SPD gemacht wurden, gingen alle davon aus, dass es keine Stromlücke gibt. Momentan exportieren wir ja auch mehr Strom, als wir importieren.
Dank vielen Kohlekraftwerken. Und es gibt Projekte für über 20 neue Kohlekraftwerke in Deutschland.
Es wäre verantwortungslos, diese Kohlekraftwerke zu bauen, sie würden sich auch nicht mehr rechnen: Immer mehr Strom kommt von den erneuerbaren Energien. Wir können und müssen es ohne neue Kohlekraftwerke schaffen.
Wirklich? 6 Prozent des Stroms in Deutschland kommen aus der Windenergie, 1 Prozent aus der Fotovoltaik.Das sind Zahlen von 2009.
2010 hatten wir total 17 Prozent aus erneuerbaren Energien, Wasser, Wind, Fotovoltaik, Biomasse.
Aber aus Kohle wurden etwa 43 Prozent des Stroms produziert, 23 Prozent aus Kernenergie. Wie wollen Sie diese 66 Prozent ersetzen?
Interessanterweise sind das kommunizierende Röhren: In den 90er-Jahren wurden 35 Prozent des Stroms aus Atomkraft hergestellt und nur 3 Prozent aus Erneuerbaren. Jetzt sind wir bei 23 Prozent aus Atomkraft und schon 17 Prozent aus Erneuerbaren. Unser Ziel in 2010, 12 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien, haben wir weit übererfüllt. Spannenderweise ist es so, dass der Windstrom aus Anlagen auf dem Festland unsere Strompreise schon heute deutlich um mehrere Milliarden Euro im Jahr drückt. Siemens-Manager gehen davon aus, dass der Strom aus Windanlagen in Kürze voll konkurrenzfähig sein wird.
Es gibt ja auch schon 22'000 Windanlagen in Deutschland. Sind es bald 100'000, soll ganz Deutschland mit Windturbinen überstellt werden?
Nein. Es gäbe noch viele Standorte, wo man Windturbinen aufstellen könnte, aber wir brauchen nicht mehr so viele. Wir ersetzen alte Anlagen durch neue, die fünf- bis sechsmal so viel Strom liefern.
Es kommt aber vor, dass der Wind nicht bläst und die Sonne nicht scheint, gebraucht wird aber immer eine Grundlast. Woher kommt der Strom dafür ohne Kohle und KKW?
Ich widerspreche: Wir müssen garantieren, dass es in jeder Sekunde ausreichend Strom geben muss. Dafür braucht es nicht automatisch eine Grundlast. Es gibt auch Probleme mit der Grundlast: Atomkraftwerke und Braunkohlekraftwerke liefern immer Strom, ob wir ihn brauchen oder nicht.
Strom wird doch immer gebraucht.
Wieso gibt es so viele Elektroheizungen? Weil die Konzerne in der Nacht nicht wissen, wohin mit ihrem Strom.
In der Schweiz füllt man damit die Speicherkraftwerke.
Trotzdem: In der Nacht gibt es zu viel Strom. Die einen entsorgen ihn mit Elektroheizungen, andere beleuchten damit, wie in Belgien, Autobahnen.
Wenn Sie gar keinen Strom haben, um die Grundlast zu decken, haben Sie auch ein Problem.
Nein. Wir alle, auch die Konservativen, wollen irgendwann 100 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen. Das muss ohne die Grundlast aus Atomenergie und Braunkohle gehen. Wie machen wir das? Wir müssen europaweit die Netze ausbauen. Gucken Sie mal auf die Wetterkarte: Die Tiefs kommen aus Grossbritannien, also nimmt man den Strom vom Wind in Grossbritannien. Dann geht das Tief über Deutschland, man nimmt den Windstrom von dort, dann geht es nach Polen und so weiter.
Dafür müsste das Netz gewaltig ausgebaut werden. Es wird aber jede neue Hochspannungsleitung erbittert bekämpft, auch von Grünen.
Ich erlebe, dass vor allem CDU- und FDP-Bürgermeister die Hochspannungstrassen bekämpfen. Wer, wenn nicht die Grünen, kann einen wirklich fairen Ausgleich mit den Bürgern machen? Dazu gehört auch, in sensiblen Gebieten Erdkabel zu verlegen.
Man kann nicht so richtig glauben, dass die Gegner Ihrer fortschrittlichen Energiepolitik nur aus CDU und FDP kommen. Und man glaubt auch nicht, dass es mit dem Ersatz von Kohle und Atom so schnell geht.
Ich war mal Ministerin für Verbraucherschutz und habe mir den Strommarkt genau angesehen: Es gibt ein Oligopol, grosse Konzerne, die die Bürger mit einem viel zu hohen Energiepreis abzocken. Je mehr die Erneuerbaren in den Markt drängen, desto mehr Wettbewerb von kleinen mittelständischen Unternehmen gibt es. 2002 machten die Konzerne 6 Milliarden Gewinn, im letzten Jahr 25 Milliarden. Warum? Bei der Diskussion um die Laufzeitverlängerung der AKW geht es um das Monopol. Ich finde, es muss gebrochen werden.
Niemand ist gegen erneuerbare Energien. Nur fragt man sich, ob Atomenergie und, im Falle Deutschland, Energie aus Kohle so schnell ersetzt werden können.
Doch, ich glaube, dass die Konzerne versteckt gegen die Erneuerbaren sind. Denn in Deutschland haben erneuerbare Energien Vorrang, und zunehmend kommt es zur Situation, dass sie an immer mehr Tagen im Jahr fast den kompletten Strom liefern.
Wirklich? Windkraft sorgt wie gesagt bloss für 6 Prozent der deutschen Stromproduktion.
Aber die Tage, an denen die Atomkraftwerke ihren Strom kaum noch loswerden, werden immer mehr. Die Wirtschaft der Erneuerbaren sagt: Wir schaffen bis 2020 47 Prozent Strom aus Erneuerbaren. Wir Grünen sagen 40 Prozent, die schwarz-gelbe Bundesregierung 30 Prozent. Bei 30 Prozent werden Konzerne den Atomstrom noch schlechter verkaufen können. Noch etwas: Die Atomkraft hat in Deutschland 35?000 Arbeitsplätze, die Erneuerbaren schon 320'000. Wenn ich für die Erneuerbaren bin, bin ich auch für viele Arbeitsplätze, für Exporte in diesem Bereich. Eigentlich kann ich mich zurücklehnen und sagen: Strengt euch nicht an, liebe Schweizer, wir übernehmen das, wir wollen die Arbeitsplätze.
Wenn das alles so gut klappt mit den Erneuerbaren, wie ist es denn zu erklären, dass über 20 Kohlekraftwerke neu in Planung sind?
Seit etwa einem halben Jahr wird kein neues Kohlekraftwerk mehr gebaut, Planungen werden eingestellt. Einige Kohlekraftwerke sind noch im Bau, aber inzwischen rechnen sie sich nicht mehr. Wir müssen auch weg von Energien, die von aussen kommen, wir müssen unseren Strom selber generieren. Das geht am besten mit erneuerbaren Energien. Wenn wir es schaffen, uns von Energiequellen aus dem Ausland, sei es Uran, Öl oder Gas, zu lösen, profitieren alle.
Die Uranvorräte reichen doch noch für Hunderte von Jahren.
Es gibt zum Teil extrem problematische Abbaugebiete, und momentan kommt ein grosser Teil des Urans aus der Abrüstung der Atomwaffen. Wenn das weg ist, kommt ein Riesendruck auf Uran. Ich sehe die Frage der Atomkraftwerke in der Schweiz so: Will die Bevölkerung Atomkraftwerke subventionieren, ja oder nein? Wenn nein, ist es mit der Atomkraft vorbei, Sie werden keinen Investor finden, der ohne Subventionen in der Lage ist, ein AKW zu bauen.
Andere behaupten das Gegenteil, es sei kein Problem, Investoren für Atomkraftwerke zu finden.
Nehmen Sie das Beispiel des AKW in Finnland: Die Franzosen haben zum Festpreis von 3 Milliarden Euro offeriert. Mittlerweile kostet es über 5 Milliarden. Das heisst, die Franzosen zahlen den Finnen 2 Milliarden Subventionen. Herzlichen Glückwunsch.
In der Schweiz redet man realistischerweise von 8 Milliarden Franken für ein neues KKW.
Die Citibank rät allen ab, in Atomkraftwerke einzusteigen, die Risiken seien zu gross. Moody’s will die Energieversorger in ihrer Kreditwürdigkeit herabstufen, die sich ohne Staatsbürgschaften auf einen Neubau von AKW einlassen.
Moody’s hat sich in der Finanzkrise ziemlich blamiert.
Richtig, aber der US-Bundesrechnungshof rechnet damit, dass die Ausfallswahrscheinlichkeit von Bürgschaften des Staates bei neuen Atomkraftwerken bei ungefähr 50 Prozent liegt.
Wenn das so ist, können die Grünen beruhigt sein. Wenn es nicht rentiert, wird kein AKW gebaut, auch nicht in der Schweiz.
Genau, sie dürfen in der Schweiz nur keine Subventionen, weder direkte noch indirekte, gewähren. George W. Bush sagte einmal, in seiner Amtszeit würden 30 neue Atomkraftwerke entstehen, aber kein einziges ist gebaut worden.
Aber jetzt sind in den USA wieder neue in Planung.
Weil Obama die Republikaner braucht. Er will Bürgschaften von über 54 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Viele Ökonomen erklären, in den letzten Jahren sei kein Atomkraftwerk ohne staatliche Unterstützung gebaut worden.
Es gibt auch Ökonomen, die sagen, alles in allem sei die Kilowattstunde Atomstrom immer noch am billigsten, viel billiger als Solarstrom.
Als wir 2004 angefangen haben, Fotovoltaik zu fördern, war sie mit 56 Cents pro Kilowattstunde sehr teuer. Wir wollten aber die Erneuerbaren fördern, weil die Atomenergie ja auch stark gefördert worden war. In diesem Jahr wird die Fotovoltaik ungefähr bei 25 Cents pro Kilowattstunde sein, und in etwa zwei Jahren wird Strom aus Fotovoltaik nicht mehr teurer sein als der Strom, der aus der Steckdose kommt. Dass das in so kurzer Zeit möglich war, ist unglaublich.
Sie raten den Bernern natürlich, am 13. Februar ein neues KKW in Mühleberg abzulehnen.
Ich sage nur: Stimmt doch darüber ab, dass das Atomkraftwerk nur kommen kann, wenn es weder direkte noch indirekte Subventionen erhält. Ganz ohne Subventionen rechnet sich ein AKW nicht mehr. Am Ende würden die Schweizer dafür die Zeche zahlen müssen, nicht nur, was die Risiken, sondern auch, was die Kosten angeht.
Am 12. März wird in Süddeutschland gegen Atomenergie protestiert. Mit Bärbel Höhn?
Nein. Wir haben am 27. März Landtagswahlen. Ich mache dann Wahlkampf in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. (Der Bund)
Erstellt: 05.02.2011, 10:56 Uhr
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7 Kommentare
Deutschlands Braunkohlekraftwerke sind die schlimmsten CO2-Schleudern Europas. Gleichviel Strom wie bei uns mit Wasserkraft wird mit fossilen Brennstoffen produziert. Anstatt sich in einem ersten Schritt darauf zu konzentrieren, diesen Anteil möglichst rasch zu reduzieren, will Bärbel Höhn gleichzeitig die AKW abstellen. Zwei Schritte auf einmal sind zuviel, ein Stolpern dürfte die Folge sein! Antworten
Es ist dramatisch wie hier von den Gegnern der KKW's mit Falschinfomation und ideologisch verbrämtem Populismus hantiert wird. Wir wissen alle, dass wir mit alternativen Energien unseren Bedarf nicht zuverlässig und in genügendem Masse decken können. Wenn dem so wäre, würde auch eine BKW, AXPO etc nur noch so produzieren... Antworten
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