Bern

«Hier regiert einzig das Geld»

Von Bernhard Ott, Stefan Wyler. Aktualisiert am 09.08.2010 1 Kommentar

Stefan Blättler, der Kommandant der Kantonspolizei Bern, äussert sich zur Sicherheitslage in der Stadt Bern – und fühlt sich vom Fussballverband im Stich gelassen.

Stefan Blättler.

Stefan Blättler.
Bild: Adrian Moser

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Zur Person

Der 51-jährige Stefan Blättler wuchs als Sohn des Nidwaldner Polizeikommandanten im Kanton Nidwalden auf. Das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Neuenburg schloss er 1987 mit dem Doktortitel ab. Blättler war Assistent am Lehrstuhl für Strafrecht, absolvierte einen Stage bei der UBS und trat 1989 in die Kriminalabteilung der Kantonspolizei ein. 1993 wurde er Chef der Regionalpolizei Seeland/Berner Jura und ab 2000 Chef Planung und Einsatz. Ab 1995 übernahm er zusätzlich die Funktion des Kommandanten-Stellvertreters. Blättler ist seit August 2006 Kommandant der Kantonspolizei Bern. Er wohnt in Köniz, ist verheiratet und hat eine Tochter.

Herr Blättler, das tragische Bootsunglück auf dem Bielersee hat viele Leute bewegt. Die Informationspolitik der Polizei geriet in die Kritik. Zu Recht oder zu Unrecht?

Ich war in dieser Zeit in den Ferien und möchte mich daher nicht im Detail zum Fall äussern. Grundsätzlich kann ich aber Folgendes festhalten: In einem laufenden Strafverfahren liegt die Informationshoheit beim Untersuchungsrichter. Die Polizei darf nur das sagen, was die Justiz erlaubt.

Der «Blick» hatte eine Belohnung von 20 000 Franken für Hinweise zur Ergreifung des Täters ausgesetzt. Hat die Medienaufmerksamkeit die Polizeiarbeit erschwert?

Der Fall bewegte die Leute. Es war ein sehr tragisches Unglück. Für mich ist klar, dass solche Fälle für die Medien von grossem Interesse sind. Dies erleichtert die Ermittlungsarbeiten nicht unbedingt. Der Druck auf unsere Mitarbeitenden ist in einer solchen Situation enorm. Die Aussetzung einer Belohnung von privater Seite kann hilfreich oder hinderlich sein, je nach Situation.

Einmischung hats ja auch von anderer Seite gegeben. So hat sich Regierungsrat Hans Jürg Käser darüber geäussert, welches Strafmass er in diesem Fall für angemessen hält.

Seine Einschätzung kann ich nicht weiter kommentieren.

Themawechsel: In der Stadt Bern ist die Einheitspolizei seit Anfang 2008 Tatsache. Wie hat sich Police Bern bisher bewährt?

Jetzt bereits Bilanz zu ziehen, wäre verfrüht. Eine Evaluation von Police Bern ist fünf Jahre nach der Umsetzung vorgesehen. In einer sehr provisorischen Bilanz kann ich sagen: Wir haben die Erwartungen, die an die Polizei gestellt worden sind, erfüllt. Das heisst aber nicht, dass die betrieblichen Abläufe nicht verbesserungsfähig sind. Die Zusammenführung mehrerer unterschiedlicher Betriebskulturen braucht Zeit.

Wie sicher ist die Stadt Bern?

Bern ist eine sichere Stadt. Aber das Argumentieren mit Statistiken und der Vergleich mit ausländischen Städten nützen bei der Argumentation meist nicht sehr viel. Letztlich ist das Sicherheitsempfinden der Bürgerin und des Bürgers ausschlaggebend. Dieses ist dann gross, wenn sie wissen, dass die Polizei in der Nähe präsent ist.

Gibt es Orte in Bern, wo Sie empfehlen, nicht hinzugehen?

Nein.

Man kann überall hin in der Nacht. Auch auf die Grosse Schanze?

Ich sage nicht: Geht nicht dorthin. Man muss sich aber bewusst sein, wer wann wo hingeht. Es ist ein Unterschied, ob ein 15-jähriges Mädchen allein nachts über die Grosse Schanze heimgeht – das finde ich jetzt weniger schlau – oder ob dies zwei oder drei erwachsene Menschen tun.

Das gilt auch für die anderen Städte: Biel, Thun, Burgdorf?

Grundsätzlich ja. Jede Stadt hat aber eine eigene Sicherheitsarchitektur. Die Stadt Biel etwa hat eine ganz andere Bevölkerungszusammensetzung und weist einen höheren Ausländeranteil auf. Das äussert sich auch in der Kriminalität. Der Drogenhandel etwa ist in Biel zurzeit ein akuteres Problem als in Bern.

Drogenhandel kennt Konjunkturen. Vor einiger Zeit war er in der Stadt Bern noch stärker im Gespräch als heute.

Es gibt in Bern nach wie vor Drogenhandel. Die Polizei hat aber in den letzten Jahren einen guten Job gemacht, indem sie niederschwellig präsent war. Sichtbarer Drogenhandel ist darum in Bern weniger ein Thema, kann aber wieder eines werden. Zurzeit sorgt die Drogenpolitik ja schweizweit wieder für Schlagzeilen.

Sie sprechen von den Ideen einer Arbeitsgruppe des Bundes, sämtlichen Drogenkonsum straflos zu erklären. Was ist denn Ihre Meinung dazu?

Ich möchte in meiner Funktion keine persönliche Stellungnahme abgeben. Wir haben heute ein Gesetz. Dieses sieht die Strafbarkeit nicht nur des Handels, sondern auch des Konsums vor. Meine Feststellung ist: Der Konsum ist nach wie vor strafbar. Es kann aber nicht sein, dass die Polizei Haschkonsumenten jagt. Wir müssen vor allem dort eingreifen, wo Drogenhandel stattfindet und Millionen verdient werden.

Die Polizei fasst Dealer – und nach zwei Tagen stehen diese wieder auf der Gasse. Ist das nicht frustrierend?

Das ist frustrierend. Aber die Dauer der Untersuchungshaft richtet sich nach anderen Kriterien. Frustrierend ist auch, wenn eine Person zwar verurteilt wird, aber nicht ausgeschafft werden kann, weil die Papiere fehlen oder weil die Zustände im Heimatland eine Rückkehr nicht zulassen.

Spüren Sie Auswirkungen aktueller Entscheide der Bundesbehörden? Wie hat sich diesen Sommer zum Beispiel der vorübergehende Rückschaffungsstopp für Nigerianer ausgewirkt?

Natürlich spüren wir solche Auswirkungen. Wenn die Leute nicht zurückkehren können, tauchen sie halt unter. Die Polizei muss aber ihre Aufgabe im Rahmen der Strafverfolgung erfüllen. Die Leute müssen spüren, dass der Staat immer zugreift, wenn er feststellt, dass eine strafbare Handlung begangen wird. Ich fände es noch schlimmer, wenn man diesen Leuten einen Freipass geben würde. Wenn man signalisieren würde, dass es eh keinen Sinn habe, sie bei kriminellen Handlungen zu stören. Das wäre für mich eine Kapitulation des Staates.

Zurück zum Thema Polizeipräsenz: Hängt es vom Tabellenstand von YB ab, ob die Polizeipräsenz in der Innenstadt noch gewährleistet ist?

Gemäss Ressourcenvertrag mit der Stadt Bern müssen wir die Polizeipräsenz an den Brennpunkten leisten. Und Brennpunkt Nummer zwei nach der Innenstadt sind die Bereiche vor dem Stade de Suisse und der Postfinance Arena. Bei der Finalissima YB - Basel waren Polizisten aus allen Kantonsteilen nach Bern gekommen und waren nachmittags und abends im Einsatz.

Und das geschieht alles im Rahmen des Ressourcenvertrags?

Das wird über den Ressourcenvertrag abgegolten. Im Extremfall spielt in Bern am Freitag der SCB, am Samstag YB und am Sonntag vielleicht noch einmal der SCB. Im ganzen Kanton haben wir sieben Klubs, die Eishockey und Fussball in den beiden obersten Ligen spielen. Diese Zahl ist schweizweit einmalig. Nach dem Aufstieg des FC Thun wandte ich mich an die Schweizerische Fussballliga mit der Bitte, die Heimspiele von YB und Thun nicht am gleichen Wochenende auf den Spielplan zu setzen. Mein Brief wurde nicht beantwortet. Ich musste den Spielplan der Zeitung entnehmen.

Und wie sieht er aus?

Bis Weihnachten haben wir vier Wochenenden, an denen YB und Thun gleichzeitig spielen. Ich habe den Verantwortlichen beim Fussballverband schliesslich einen zweiten Brief geschrieben und ihnen in ironischem Tonfall für die Antwort auf meinen ersten Brief gedankt. Daraufhin teilte man mir telefonisch mit, dass der Verband nicht auf alle der zig Anfragen eingehen könne, die täglich bei ihm einträfen. Es gibt in der Profiliga des Fussballverbands null Interesse, sich mit dem Thema Sicherheit auseinanderzusetzen. Hier regiert einzig das Geld. Und die öffentliche Hand soll selber schauen, wie sie mit den Konsequenzen zurechtkommt.

Was unternehmen Sie nun? Wollen Sie jeweils Unterstützung beim Polizeikonkordat anfordern?

Wenn es Spiele in Bern und Thun gibt, gibt es meist auch solche in Basel. Die Basler können nicht nach Bern kommen – und wir können den Baslern nicht aushelfen. Wir werden uns nach der Decke strecken müssen. Für mich gehört es aber nicht zur Hauptaufgabe der Kantonspolizei, sich vor den Stadien mit Hooligans auseinanderzusetzen. Gemeindepräsidenten vom Land beklagen sich manchmal bei mir, die Polizei sei in ihren Dörfern kaum mehr präsent. Es ist letztlich auch eine politische Frage, wo wie viel Polizei eingesetzt werden soll.

Haben Sie einen Vorschlag, wie die Gewalt vor den Stadien vermindert werden könnte?

Es gibt keine Patentlösung. Es wäre aber schon viel getan, wenn die Veranstalter bei der Spielplangestaltung auch Aspekte der Sicherheit berücksichtigen würden. Die Klubs zum Beispiel unternehmen ja viel in Sachen Fanbetreuung. Letztlich aber herrscht die Grundauffassung vor, dass die Polizei für die Sicherheit alleine verantwortlich ist.

Müsste man die Klubs nicht finanziell stärker in die Pflicht nehmen? YB und SCB kommen mit je 60'000 Franken pro Jahr recht gut weg.

Das ist wenig. Aber wir haben für sämtliche polizeilichen Leistungen eine pauschale Abgeltung mit der Stadt vereinbart. Hier muss sich demnach die Stadt wehren. Ich stelle aber eines fest: Fussball- und Eishockeyspiele in der Profiliga sind eine kommerzielle Angelegenheit. Solange die Klubs derart wenig an die Sicherheitskosten zahlen, subventioniert der Staat den Profisport.

In welchem Verhältnis steht die Summe von 60 000 Franken zu den effektiven Kosten der Spiele?

Ein einzelnes Spiel kostet mehr. Eine Mannstunde kostet 100 Franken. Angenommen, man setzt bei einem Spiel wie YB gegen Basel 300 Leute während acht Stunden ein, so kostet das annähernd eine Viertelmillion Franken.

Müssen Stadt und Polizei bald über eine höhere Pauschale im Ressourcenvertrag verhandeln?

Diese Frage wird sich sicher stellen.

Der vom Volk angenommene Gegenvorschlag zur Stadtberner Polizei-Initiative sieht eine Aufstockung des Korps um 14 Beamte ab 2012 vor. Ist die Rekrutierung angelaufen?

Die ist bereits im Gang. Wir hatten einige Zeit Mühe, qualifiziertes Personal zu finden. Seit der zweiten Hälfte 2009 sieht es besser aus. Der angespannte Arbeitsmarkt erlaubt uns zurzeit, genügend Personal zu finden. Wenn sich die Wirtschaft erholt, werden wir aber rasch wieder einen Arbeitskräftemangel haben. Mittelfristig ist der Bestand nur durch eine Verbesserung der Anstellungsbedingungen zu halten. Einige meiner Kollegen in anderen Kantonen können in ihren Polizeikorps bessere Arbeitsbedingungen bieten als wir.

Mit der Umsetzung von Police Bern ging auch die Institution des Dorfpolizisten verloren. Der Gemeindepräsident von Trubschachen hat sich im «Bund» beklagt, man erlebe die Polizei nur noch als «fliegende Polizei im Streifenwagen».

Ich habe Verständnis für solche Aussagen. Vor fünf, sechs Jahren haben wir annähernd die Hälfte aller Polizeiposten geschlossen. Das löste damals Ängste aus, obwohl viele Posten nur eine Stunde pro Woche geöffnet hatten. Allein die Existenz eines Postens gibt vielen Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl von Sicherheit. Den Dorfpolizisten im klassischen Sinn wird es aber nie mehr geben. Vor 30 Jahren musste ein Polizist im Dorf leben und rund um die Uhr erreichbar sein. Heute sieht das Personalrecht vor, dass er acht Stunden und vierundzwanzig Minuten pro Tag arbeitet. Er geht aber in die Ferien, besucht Kurse und muss Ordnungsdienst leisten. Um eine Präsenz von einem Mann pro Posten aufrechtzuerhalten, braucht es sechs bis sieben Polizisten. In den noch bestehenden Posten in den Randregionen möchte ich genügend Leute, damit sie sich auch wieder vermehrt in den Dörfern zeigen können. Auch deshalb kämpfe ich immer wieder für eine Aufstockung des Korps.

Anfang Jahr fiel in Wengen ein Tourist über eine Felswand. Viele Leute waren damals erstaunt, dass es in Wengen keinen Posten gibt.

Die Schliessung des Polizeipostens in Wengen war eine Sparmassnahme. Wir diskutieren zurzeit, ob man dort während der Saison wieder einen Polizisten stationieren soll. Man muss aber auch bedenken, dass der tragische Todesfall ein Einzelfall war.

Viele Gemeinden in der Agglomeration kaufen Patrouillenstunden bei privaten Sicherheitsdiensten. Was halten Sie davon?

Dies trägt sicher nicht sehr viel zu einer besseren Sicherheit bei. Diese Leute haben keine speziellen Kompetenzen.

Sie können aber Leute festhalten, bis die Polizei kommt?

Nur wenn sie diese in flagranti erwischen. Der Einsatz privater Sicherheitsdienste macht Sinn, wenn es um die Bewachung eines Schulareals oder eines Campings geht. Für Patrouillendienste sind Private aber nicht geeignet.

Was raten Sie einem Gemeindepräsidenten, wenn es in seiner Gemeinde vermehrt zu Sachbeschädigungen und Nachtruhestörung kommt?

Er soll sich an den zuständigen Bezirkschef der Kantonspolizei wenden. Wir können an bestimmten Abenden auch gezielte Aktionen an neuralgischen Punkten durchführen.

Wie klappt die Zusammenarbeit mit den Gemeinden in der Praxis?

Mit 50 der 388 Gemeinden im Kanton haben wir einen Vertrag. Mit diesen Gemeinden stehen wir in regelmässigem und gutem Kontakt. Auch der Kontakt zu den weiteren Gemeinden ist gut, und wir wollen ihn weiter ausbauen.

Ihr Vater war Polizeikommandant in Nidwalden. War es von Anfang an klar, dass Sie in die Fussstapfen Ihres Vaters treten werden?

Schon als Jugendlicher fand ich den Beruf meines Vaters faszinierend. Er war aber stets der Meinung, ich solle zuerst einmal studieren. Ich hatte aber auch noch andere Berufsziele, so wollte ich eine Zeit lang Diplomat werden.

Sie haben einen Stage bei der UBS gemacht.

Da wollte ich Geld verdienen. (Lacht.) Heute ziehe ich eine interessante Tätigkeit vor.

Lesen oder sehen Sie Krimis?

Ich lese vor allem Polit-Thriller und historische Literatur. Besonders faszinierend fand ich zuletzt «Die Weltgeschichte der neuesten Zeit» von Jean-Rodolphe von Salis. Am Fernsehen sehe ich mir ab und zu den «Tatort» an.

Entspricht die im «Tatort» gezeigte Realität der Realität bei der Polizei?

Nein. Aber die Krimis zeigen, dass die Polizei nach wie vor eine grosse Faszination ausübt. Man ist nahe am Leben und täglich mit den unmittelbaren Sorgen der Bevölkerung konfrontiert.

Wo finden Sie den Ausgleich?

Diesen finde ich im Rahmen meiner Familie. Meine Tochter absolviert das Gymnasium, und ich helfe ihr gelegentlich bei den Aufgaben. Ich darf mich wieder mit Mathematik rumschlagen – ein Fach, das nicht gerade zu meinen Lieblingsfächern gehört hatte.

Die Mathematik-Kenntnisse können Ihnen bei der Berechnung von Präsenzstunden sicher nützen.

Ich befasse mich tatsächlich häufig mit Zahlen, zum Beispiel mit dem Budget und dem Finanzplan. (Der Bund)

Erstellt: 09.08.2010, 08:22 Uhr

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1 Kommentar

Robert Droux

10.12.2011, 15:05 Uhr
Melden

Ich habe mit der Polizei nur gute Erfahrungen gemacht: In den letzten Monaten haben sie mich beim Telefonieren im Auto erwischt, ich hatte das Portemonnaie im Schadaupark "verloren" und einen Parkschaden verursacht. Durchwegs freundliche, zuvorkommende Behandlung meiner Fälle - wirklich professionell und korrekt. Die Polizei in Bern macht das gut, ich habe Vertrauen und bin dankbar dafür. Antworten



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