Bern
«Heute müssen Frauen für weniger Geld viel mehr bieten»
Von Rahel Bucher. Aktualisiert am 21.07.2012 1 Kommentar
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Ein schöner Sommerabend. Ein Auto parkt hinter dem grossen Wohnmobil, vor dem sich mehrere Frauen versammelt haben. Eine huscht schnell zum Auto. «Es könnte ja ein Kunde dabei sein», meint sie trocken. Sie schaut sich die Autonummer an. «Das sind Waadtländer», ruft sie den anderen zu. Doch schon fährt das Auto wieder davon. Jetzt wieder warten. Sie fragt eine der Mitarbeiterinnen von La Strada, der mobilen Anlaufstelle für drogenabhängige Frauen auf dem Strassenstrich, ob sie noch Feuchttücher haben könnte. «Schliesslich müssen diese noch bis Ende Woche ausreichen.»
Schnell noch eine Zigarette anzünden, und schon zieht sie davon. Ob sie an diesem Abend noch einmal vorbeikommt, um im Wohnmobil die Toilette zu benützen oder einen Kaffee zu trinken, weiss niemand so genau. Vielleicht. Vielleicht kommt sie auch erst in einer Woche wieder oder in einem Monat oder in einem Jahr.
Hochsaison im Sommer
Regelmässig vor Ort – das heisst auf dem Strassenstrich neben der kleinen Schanze – sind dagegen die Mitarbeiterinnen von La Strada, einem Angebot des Contact Netz. Eine von ihnen ist Renata B. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht preisgeben – aus Angst vor respektlosen Reaktionen. Doch erzählen, das will sie. «Bei Vollmond ist mehr los. Ebenso im Sommer. Dann kommen auch diejenigen mit Velo und viele zu Fuss.» Wenn sie redet, wird schnell klar: Sie weiss, wovon sie spricht. Zwölf Jahre war sie selbst auf dem Drogenstrich. Jeden Tag. «Dafür hatte ich immer eine Wohnung und eine Krankenkasse.»
Vor zehn Jahren hat Renata B. schliesslich den Ausstieg geschafft. Nicht aus der Sucht, aber aus der Sexarbeit. Der Anfang von ihrem Ausstieg war der Preiszerfall. Jüngere Frauen hätten angefangen, ihre Dienste günstiger anzubieten, als üblich war. «Innerhalb kurzer Zeit hat sich herumgesprochen, dass man billiger kann», sagt sie. Damit habe für alle Frauen auf dem Strich eine Abwärtsspirale begonnen. Momentan seien die tiefen Preise eines der dringlichsten Probleme auf dem Strassenstrich.
Rat und Tadel
Doch Renata B. hatte gleich doppeltes Glück im Unglück: Einerseits war sie zwischendurch bereits für die Gassenarbeit tätig, und andererseits wurde sie ins Koda, eine heroingestützte Behandlung, aufgenommen. «Das war meine Rettung. Plötzlich war der Geldstress weg, und ich konnte trotz Sucht wieder ein menschenwürdiges Leben führen.»
Seither ist sie vier Nächte pro Monat mit La Strada auf der Gasse und berät Frauen auf dem Drogenstrich. Dadurch, dass sie selbst auf dem Strich war, habe sie einen «guten Draht» zu ihnen. Doch neben Ratschlägen und Unterstützung erteilt sie den Frauen auch mal Tadel: «Ich sage, wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin. Das ist legitim.» So zum Beispiel, wenn die Frauen zugedröhnt auf den Strich gehen. «Geht eine Frau verladen auf den Strich, ist das sehr risikoreich», erklärt sie. Was ihr jedoch noch grössere Sorgen bereitet, sind die Veränderungen, die sich in den letzten zehn Jahren auf dem Drogenstrich vollzogen haben. «Heute müssen Frauen für weniger Geld viel mehr bieten.»
Mehr Gewalt auf dem Strich
Auch das Bewusstsein bezüglich dem Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten hat sich verändert. Während etwa die Angst vor einer HIV-Ansteckung vor zehn Jahren noch grassierte, sei heute dafür kaum noch die Sensibilität vorhanden, sagt Renata B. Seit es Medikamente gibt, die es möglich machen, mit HIV zu überleben, ist ihrer Ansicht nach die Vorsicht geschwunden. «Sehr viele Männer wollen wieder ohne Gummi, und die Frauen müssen es bieten, sonst bekommen sie keinen Stutz», bringt sie es auf den Punkt. Hätte eine Frau früher ohne Gummi gearbeitet, wäre sie von den anderen Frauen drangekommen, erzählt sie.
Ebenso habe die Gewalt gegenüber den Frauen zugenommen. «Viele Frauen glauben, das gehöre dazu, und nehmen die Gewalt einfach so hin», sagt sie empört. «Der Umgang ist rabiater geworden.» Aber nicht nur vonseiten der Freier. Auch die Frauen untereinander gingen härter miteinander um. «Durch den Konsum von Drogen ist eigentlich jede Frau allein und schaut nur für sich.» Die Konkurrenz sei gross, und oft würden sich die Frauen gar nicht austauschen. «Man kann sich langfristig kaum auf jemanden verlassen», beschreibt sie das Verhältnis der Frauen untereinander. Umso wichtiger sei es deshalb auch, dass es mit La Strada ein Angebot gebe, das sich der Nöte der Frauen annehme und ihnen einen ungestörten Begegnungsort biete.
Ruhepol für die Frauen
Wie bei jedem Beruf brauche es auch auf dem Strich so etwas wie berufliche Qualifikation. Das versucht sie den Frauen immer zu vermitteln. Dazu gehört etwa die rasche Einschätzung der Situation. Das fange schon dann an, wenn die Türe vom Auto geöffnet werde. «Das ist überlebenswichtig», sagt Renata B.
Sie selbst habe sich zum Glück immer auf ihr gutes Bauchgefühl verlassen können. Für die Risikominimierung sei es zudem sehr wichtig, dass sich die Frauen einen Art Kundenstamm aufbauen und sich ausreichend Zeit für das Abchecken von neuen Kunden nehmen. Sie habe viele Stammkunden gehabt, erzählt sie. So habe sie teilweise nur mit Gesprächen gutes Geld verdient. Ansonsten setzte sie ganz klare Grenzen. «Damals konnte man noch wählen, heute müssen die Frauen das nehmen, was kommt.» Sowieso habe das Ganze eine Normalität angenommen, die nicht mehr gut sei, meint sie. An diesem Abend sind die Frauen, die zum Wohnmobil von La Strada kommen, vorwiegend jung. Sie beziehen saubere Spritzen und Kondome, erhalten Informationen und Beratung zu verschiedenen Fragen und Problemen, wechseln Kleider oder ruhen sich bei einem heissen Kaffee, einem Stück Brot und Gala-Käse aus. Drei Mal in der Woche steht das Wohnmobil für sie offen. Drei Mal in der Woche ein Ruhepol.
Der Bus La Strada – mobile Anlaufstelle des Contact Netz – steht jeweils am Mittwoch-, Freitag- und Samstagabend in Bern direkt neben dem Drogenstrich. Das Angebot richtet sich an Sexarbeiterinnen und ist von 20.30 Uhr bis 1 Uhr offen. (Der Bund)
Erstellt: 21.07.2012, 10:04 Uhr
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