Bern

«Heuer folgte die Ernüchterung»

Von Matthias Raaflaub. Aktualisiert am 19.10.2011 2 Kommentare

Im Kanton Bern fehlt Pflegepersonal. In diesem Jahr wurde die Lücke sogar wieder grösser. Peter Marbet, Direktor des Bildungszentrums Pflege, setzt nun auch Hoffnungen in den neuen Campus.

Peter Marbet muss im Auftrag des Kantons Nachwuchs für den Pflegebereich gewinnen.

Peter Marbet muss im Auftrag des Kantons Nachwuchs für den Pflegebereich gewinnen.
Bild: Adrian Moser

Grösster Campus schweizweit

Sechs Jahre nach dem Beschluss des Berner Regierungsrates, die Pflegefachschulen des Kantons Bern im Berner Bildungszentrum Pflege (BZ Pflege) zusammenzuführen, haben Direktor Peter Marbet, Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) und Theo Ninck, Vorsteher des Mittelschul- und Berufsbildungsamts des Kantons Bern, gestern den neuen Campus BZ Pflege in Bern-Ausserholligen eröffnet.

Der neue Campus ist mit 1000 Studierenden und 200 Mitarbeitenden schweizweit die grösste Ausbildungsstätte der Pflege auf tertiärer Bildungsebene. Entsprechend stark betonte Stadtpräsident Alexander Tschäppät denn auch die städtebauliche und volkswirtschaftliche Bedeutung, die das neue Kompetenzzentrum für Pflegebildung für die Hauptstadt hat: «Der Campus Bildungszentrum Pflege ist ein Gewinn für die Stadt und die Region Bern.» Studierende und Mitarbeiter würden die Angebote und die Infrastruktur von Bern- Ausserholligen und der Region aktiv nutzen und damit neue Impulse bei der dynamischen Entwicklung dieses Stadtquartiers setzen.

Theo Ninck, der Vorsteher des Mittelschul- und Berufsbildungsamts des Kantons Bern, zeigte sich anlässlich der offiziellen Schlüsselübergabe überzeugt, dass der Kanton mit dem Campus Bildungszentrum Pflege eine starke Ausgangslage schaffe, um den wachsenden Bedarf an qualifizierten Pflegefachkräften zu decken. (pd)

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Den Pflegeberufen fehlt der Nachwuchs. Herr Marbet, haben Sie am Berner Bildungszentrum Pflege (BZ Pflege) die Trendwende schon geschafft?
Jein. Zum einen ist der neue Berufsgang Fachmann/-frau Gesundheit (Fage) auf der Sekundarstufe II ein Erfolgsmodell. Jährlich sind es dort schon 600 junge Leute, welche die mit einer Lehrstelle verbundene Ausbildung beginnen.

Dazu brauchte es auch 450 diplomierte Pflegende pro Jahr. Wie steht es bei dieser höheren Ausbildung?
Im Jahr 2010 konnten wir 370 Personen rekrutieren. Das war ein grosser Erfolg, denn wir konnten eine Steigerung vermelden. 2009 waren es noch 100 Studierende weniger. In diesem Jahr folgte aber die Ernüchterung. Auf das Gesamtjahr sind wir bei 305 neuen Auszubildenden. Gegenüber der Vorgabe ist das wieder eine grössere Lücke. Das erfüllt uns mit Sorge.

Warum der Rückgang?
Das ist eine offene Frage. Die Entwicklung hat uns überrascht. Steigen die Fage-Zahlen, sollte es eigentlich auch bei der Diplomausbildung aufwärtsgehen. Jetzt ist zum ersten Mal das Gegenteil eingetroffen. Natürlich: Das könnte auch Zufall sein. Denn manche steigen erst in die Ausbildung ein, wenn sie schon ein, zwei Jahre Geld verdient haben.

Für die Branche sind das noch keine ermutigenden Befunde. Was bedeuten sie für Ihre Schule?
Es ist klar: Zuerst geht es um die Versorgung der Betriebe im Kanton. Das BZ Pflege muss die Ziele aber auch einhalten. Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons rechnet aus, was es für die Versorgung des Berner Gesundheitswesens an Personal braucht, die Erziehungsdirektion erteilt uns einen Leistungsauftrag, der diese Ziele übernimmt. Wir haben ein Budget, das auf diesen Zahlen basiert. Erreichen wir sie nicht, wird es entsprechend reduziert.

Im Spitalwesen und – zuletzt wieder aktuell – bei Pflegeheimen hört man stets von Spardruck. Sorgt dieses schwierige Umfeld dafür, dass immer weniger einen Pflegeberuf wählen?
Es gibt Stimmen, die das sagen: Wo ständig über Spitalschliessungen, wirtschaftlichen Druck, problematische Pflegeheime und schlechte Arbeitsbedingungen geredet wird, müsse man sich ja nicht wundern, dass die jungen Leute nicht Schlange stünden, in diesen Beruf zu wechseln. Aber es ist falsch, dass sich Schulabgänger nicht mehr dafür interessierten. Auf der Stufe der Fage könnten wir ein Mehrfaches der heutigen Jahrgänge ausbilden. Es stimmt auch nicht, dass die Branche per se unattraktiv wäre. Im Gegenteil. Weil die Arbeitsmarktaussichten gut sind, ist sie attraktiv.

Aber der Kostendruck scheint sich auch auf die Pflegequalität auszuwirken.
Dieses Risiko besteht. Umso wichtiger sind Auflagen zur Zusammensetzung des Personals. Wie gross sollen die Anteile von Diplomierten oder von Fage sein? Da gibt es noch grosse Unterschiede zwischen den Betrieben. Die Tendenz ist eher, dass man den Anteil der Diplompflege senken will. Das verfolgen wir mit Sorge. Wären nur noch Fage in der Pflege tätig, so hätte das Konsequenzen.

Wie wird dem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld der Pflege in der Ausbildung Rechnung getragen?
Die Einführung der Fallpauschalen im Spitalwesen ist im neuen Lehrplan ein Ausbildungsthema. Gesundheitsökonomische Themen haben eine höhere Priorität als zuvor. Zumindest vorbereitet auf diese Herausforderungen sollen die Studierenden sein. In den Praktika erleben sie diese dann hautnah.

Der Patient wird mehr und mehr zur nackten Zahl. Gerade das Fallpauschalensystem DRG ist für Pflegende ein Reizwort.
Das ist so. Ich bedaure das aber, und ich glaube nicht, dass diese Kritik berechtigt ist. DRG bietet der Pflege auch Chancen.

Wo?
Bei der Zusammenarbeit von Pflege und Medizin. Setzt man darauf, Patienten früher entlassen zu können, so muss auch die Absprache zwischen Ärzten und Pflegenden enger werden. Das könnte der Pflege grösseres Gewicht geben.

Klagen die Pflegenden also zu Unrecht?
Die warnenden Hinweise, was die Qualität der Pflege angeht, sind bestimmt berechtigt. Die Pflegenden beschäftigt dieses Thema gar noch mehr als Lohnforderungen. Ich meine aber, die Diskussion wäre sinnvoller, wenn man sich auf diesen Wechsel einstellt und sich fragt: Wie gehen wir damit um?

Welche Möglichkeiten hat das BZ Pflege, mehr Nachwuchs für die Pflege zu begeistern?
Wir arbeiten an mehreren Fronten. Derzeit erarbeiten wir ein Teilzeitangebot in der Ausbildung. In einem anderen Programm konnten wir die Entlöhnung verbessern. Beides fördert die Attraktivität der Ausbildung. Dann könnten wir natürlich auch weniger streng selektionieren. Das ist aber eine Gratwanderung. Denn wir haben bisher relativ wenige Studienabbrecher, und das soll auch so bleiben. Schliesslich informieren alle Schulen offensiv über die Pflege. Der Beruf ist nämlich attraktiver als sein Image. Doch es sind nicht nur die Schulen, sondern auch die Betriebe gefordert.

Nämlich?
Die Berufsprofile müssen in der Praxis auch wirklich ausdifferenziert werden. Es muss deutlich sein, welche Ausbildung zu welchen Tätigkeiten befähigt. Insbesondere in den Pflegeheimen tendiert man dazu, die Aufgabenteilung zu verwischen. Dies ist für die Qualität der Pflege und die Attraktivität des Berufs letztlich nicht förderlich.

Trägt der neue Campus in Ausserholligen dazu bei, die Pflegeausbildung zu fördern?
Der neue Campus ist für uns der Abschluss eines mehrjährigen Fusionsbestrebens (siehe Box links oben). Mit dem Neubau können wir für die Lehre bessere Rahmenbedingungen anbieten. Eine grosse Schule von 1000 Studierenden bietet die Möglichkeit zu Innovation. Zum Beispiel steckt man heute grosse Hoffnungen in die Simulation des Pflegeberufs während der Ausbildung. Durch Darsteller oder Schauspieler werden die Studierenden hautnah mit Problemen bei der Arbeit konfrontiert. Und auch für die Wahrnehmung der Pflegeberufe macht es einen grossen Unterschied, wenn die Ausbildung an einem Ort konzentriert ist. (Der Bund)

Erstellt: 19.10.2011, 07:57 Uhr

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2 Kommentare

Stefan Bachmann

19.10.2011, 15:12 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Als Laie wundere ich mich über den Satz: "Ich meine aber, die Diskussion wäre sinnvoller, wenn man sich auf diesen Wechsel einstellt und sich fragt: Wie gehen wir damit um?" Das bedeutet nichts anderes als die unhaltbaren Facts zu akzeptieren. Die Tendenz alles zu informatisieren, bringt mehr Aufwand, macht den Dialog des Pflegepersonals überflüssig und raubt die Zeit für eine Pflege am Patienten. Antworten


Hanspi Lehmann

19.10.2011, 13:15 Uhr
Melden

Ich frage mich, ob die Ausbildung zur Pflegefachfrau/-mann im Rahmen einer Höheren Fachschule (Studierende!) nicht etwas "überlüpft" ist. Wäre eine Ausbildung in Form der Lehre mit Abschluss Pflegefachfrau/-mann EFZ nicht gar populärer. Antworten



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