Grönemeyers Spaziergang im Stade de Suisse
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 24.06.2011 2 Kommentare
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Nein, Fanfaren wären wirklich unpassend gewesen, viel zu bescheiden. Bei einem von seinem Format muss schwereres, viel schwereres Material her: ein Nebelhorn. Das Stade de Suisse erzittert, als es um 20.15 Uhr loshupt. Und als es verstummt, bebt es gleich weiter. Da stürmt einer durch Nebelschwaden auf die Bühne. Rote Schuhe, graues Sakko, eine goldene Gitarre umgeschnallt: Grönemeyer! Oder wie es an den LED-Wänden heisst: HRBRT. Auch das passt besser. Mit ihm ist man per Du.
Es hat ja fast schon Tradition, dass der Erste, der bei einem Grönemeyer-Konzert ausflippt, Grönemeyer selbst ist. Auch in Bern zappelt er sich am Donnerstagabend zügig an alle Bühnenränder und den langen Laufsteg hinunter und wieder hoch. Überwältigt von seiner Band, von dieser mächtigen Soundwand in seinem Rücken und, ja, auch vom Publikum. Wenngleich dieses vorerst nur zaghaft mitwippt.
Sperriges Werk
Das liegt nicht nur daran, dass es bei Konzertbeginn noch taghell ist. Es hängt auch mit der Eröffnung dieser Show zusammen. Den Auftakt machen drei Songs des aktuellen Albums «Schiffsverkehr». Das gehört sich zwar so, hebt aber nicht die Stimmung. Der Grund: «Schiffsverkehr» ist zunächst einmal ein privater Aufbruch Grönemeyers. Binnen einer Woche verstarben 1998 seine Frau und sein Bruder. Fast zehn Jahre und rund zweieinhalb Alben benötigte er, um diesen Schicksalsschlag zu verarbeiten. Nun hat sich Grönemeyer neu erfunden. Vielleicht mit allzu viel Verve: Auf «Schiffsverkehr» erkundet er die Grenzzonen des guten Geschmacks mitunter recht stürmisch. Kurz: Es ist ein interessantes, gewiss auch wichtiges, aber doch sperriges Werk. Das hat sich auch auf die Ticketverkäufe ausgewirkt. Nur 25 000 Besucher wollten ihn in Bern sehen. Vor vier Jahren waren es an gleicher Adresse noch 40 000. Herbert Grönemeyer mag der erfolgreichste Deutsche Popsänger aller Zeiten sein, aber auch er muss um seine Fans kämpfen.
Wie das geht? Grönemeyer fackelt nicht lange und packt die Hits aus. Bei «Halt mich» wird schon heftiger geschunkelt. Und gleich darauf, bei «Bochum», dieser wundervollen Ruhrpotthymne, singt das Berner Publikum bereits so inbrünstig mit, als wollte es gerade noch die letzten Stunden auskosten, bevor wieder Frühschicht in der Zeche ist. «Klasse», ruft Herbert. Er weiss: Er hats wieder geschafft. Von hier an ists ein Spaziergang. Grönemeyer ist aber auch ein aussergewöhnliches Erlebnis. Seine totale Allürenlosigkeit, sein linkisches Gehopse, seine flotten Ansagen und wie er nach jedem Song die Arme in die Höhe wirft und jubelt, als hätte er gerade dem besten Torhüter des Schülerturniers die Kugel durch die Beine geschoben – das ist sehr, sehr entwaffnend.
Spiels noch mal!
Und als er sich schliesslich bei «Der Weg» im Text vertut, ausgerechnet jenem Song, den er seiner verstorbenen Frau geschrieben hat, da fährt er nicht einfach fort, wie es die Professionalität eigentlich gebietet. Grönemeyer setzt ab, lächelt, nuschelt ein «Ah, nein» ins Mikro – und beginnt die Strophe von Neuem. Da denkt man tatsächlich: Man könnte jetzt auch in einer Bar sitzen statt im Stadion und Grönemeyer wäre kein Popstar, sondern ein einfacher Hafenkneipen-Maxe. Man würde sagen: So was kann passieren. Schwamm drüber. Spiels noch mal, Herbert! (Der Bund)
Erstellt: 23.06.2011, 22:35 Uhr
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