«Grimm ist ein Hundsfott!»

Vor 100 Jahren gab eine «Skandalszene» im Berner Stadtrat viel zu reden. Der FDP-Politiker Friedrich Böhme deckte den späteren Arbeiterführer im Landesstreik und SP-Regierungsrat Robert Grimm mit Schmähungen ein.

Mit grimmiger Miene posiert Robert Grimm 1935 für die Büste, die heute im Berner Rathaus steh.t

Mit grimmiger Miene posiert Robert Grimm 1935 für die Büste, die heute im Berner Rathaus steh.t Bild: Staatsarchiv Kanton Bern

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Manchmal, so lautet ein gängiges Vorurteil, geht es in Parlamenten zu wie im hölzigen Himmel. Sprangen sich nicht die Genfer kürzlich fast an die Gurgel? Sieht man nicht tumultartige Szenen aus Italien, Griechenland oder dem asiatischen Raum? Ist nicht auch der Berner Stadtrat eine Hochburg der Intrigen? Und das Bundeshaus ein Markt der Schacherer und Lobbyisten? Geht die Welt vor die Hunde? Ein Blick zurück auf eine Affäre im Berner Stadtrat vor hundert Jahren belegt, dass man früher manchmal alles andere als zimperlich war.

Am 12. April 1912, einem Freitagabend, kam es bei der Sitzung des Berner Stadtrats in der Aula des Gymnasiums am Waisenhausplatz zu einem Zusammenstoss zwischen den Stadträten Friedrich Böhme (FDP) und Robert Grimm. Die streitbare SP-Ikone stand damals am Beginn einer langen Karriere. Nur die höchste Weihe, die Wahl in den Bundesrat, blieb ihm verwehrt.

Grimm als Verleumder bezeichnet

Das «Berner Intelligenzblatt» spricht am 13. April von einer «Skandalszene». Im Zusammenhang mit einem Votum zur Wohnungssituation in Bern wendet sich Böhme gegen Anwürfe in der «Berner Tagwacht». Bei wachsender Unruhe in der sozialdemokratischen Fraktion sind die Worte «Verleumder» und «Schelm» zu hören. Es kommt zum Eklat, die Worte gelten Robert Grimm, seit 1909 Chefredaktor der «Tagwacht»: «Grimm verlässt seinen Platz zuhinterst im Saale und stellt sich drohend vor Böhme, zwischen diesem und verschiedenen Mitgliedern der sozialdemokratischen Fraktion entsteht ein heftiger Disput, der trotz den verschiedenen Glockenzeichen des Präsidenten Michel nicht enden will.» So beschreibt das «Intelligenzblatt» das Geschehen.

Die Sitzung wird für eine Viertelstunde unterbrochen. Danach wird Böhme unparlamentarisches Verhalten vorgeworfen. Mit 37 gegen 8 Stimmen beschliesst der Stadtrat, Böhme aus der Sitzung zu weisen. Beim Verlassen des Saales ruft der: «Ich gehe gern, aber bevor ich gehe, will ich noch mit Grimm Abrechnung halten: Grimm ist ein Hundsfott!» Erst nach diesem Schmähruf geht er von dannen, Grimm kündet an, er werde Böhme vor den Kadi zerren, was dann auch geschieht. Im Protokoll des Stadtrats ist von «heftigen Ausdrücken» die Rede. Kurz nach dem Eklat tritt Böhme aus dem Stadtrat zurück.

Die Fehde zwischen Böhme und der «Tagwacht» war bereits 1910 aktenkundig geworden. Böhme habe seinen politischen Einfluss als Stadtrat und Mitglied der Geschäftsprüfungskommission beim Erwerb von Land geltend gemacht, lautete der Vorwurf. Konkret soll Böhme gesagt haben, er werde sich für ein Landgeschäft zwischen einem privaten Eigentümer und der Stadt einsetzen, wenn er selber und ein befreundeter Malermeister ein Landstück zum Selbstkostenpreis erwerben könne. Die «Tagwacht» hatte einen Brief, in dem der Eigentümer die Unterredung mit Böhme schilderte, abgedruckt. Der Vorwurf der Bestechlichkeit stand im Raum.

Im März 1913 musste sich das Obergericht mit dem Fall befassen. Grimm hatte das Urteil des Polizeirichters vom 7. September 1912 weitergezogen, weil dieser ihm die geforderte Entschädigung von 2000 Franken verwehrt hatte. Stattdessen war Grimm zu einer Zahlung von 200 Franken an die Verteidigungskosten Böhmes verknurrt worden. Denn es sei diesem gelungen, so das Urteil des Polizeirichters, für den Vorwurf, dass Grimm ein Verleumder sei, den Wahrheitsbeweis zu erbringen. Nun argumentierte Grimms Anwalt, es gehe nicht an «aus der aggressiven Publizistik des Klägers» abzuleiten, dass dessen Ehre nicht verletzt werden könne, da «auf diese Weise das Rechtsgut der Ehre eines politischen Journalisten ausserhalb des gesetzlichen Schutzes gestellt würde». Im «Bund» wird der Vortrag des Anwalts von Grimm so wiedergegeben: «Man dürfe nicht argumentieren, weil ein Redakteur eine dicke Haut habe, so könne von einer Schwere der Verletzung nicht gesprochen werden, sonst wären die Journalisten mit ihrer dickeren Haut vogelfrei.»

Immer wieder angeschossen

Böhmes Anwalt erklärte, da der Nachweis für den Verleumder erbracht sei, müsse auch die Bezeichnung Hundsfott zulässig sein. «Der Ausdruck Hundsfott bezwecke die Charakterisierung einer niederen Gesinnung und diese sei im Begriff des Verleumders ebenfalls enthalten; wenn der Verleumder wahr sei, müsste es daher auch der Hundsfott sein.» Es liege auch ein Verschulden des Klägers vor, «wegen der fortgesetzten feindlichen Haltung der ‹Tagwacht› gegenüber Herrn Böhme». Denn Grimm belege seine Gegner selber «mit den schärfsten Ausdrücken». So habe Grimm wenige Wochen nach der Affäre politischen Gegnern selber den Vorwurf hundsföttischer Gesinnung gemacht.

Dass Grimm ein Verleumder sei, so Böhmes Anwalt, gehe durch frühere Urteile in der Sache Forrer einwandfrei hervor. In den Jahren 1910 und 1911 habe sich die «Tagwacht» in vierzig Artikeln mit Böhme befasst. Auch in anderen Fällen habe Grimm zum Mittel der Verhöhnung gegriffen, darum sei die Forderung auf eine Genugtuungssumme ein Hohn, eine Farce, schrieb der «Bund». Das Obergericht urteilte teilweise im Sinne von Grimm, zwar blieb der Vorwurf, ein Verleumder zu sein, bestehen, doch Böhme musste Grimm 100 Franken Genugtuung entrichten und Grimm wurde davon «liberiert», 200 Franken an Böhmes Verteidigungskosten zu zahlen. Böhme dagegen musste auch noch die Interventionskosten des Klägers (200 Franken) und die Staatskosten übernehmen. (Der Bund)

(Erstellt: 12.04.2012, 09:02 Uhr)

Robert Grimm. (Bild: Staatsarchiv)

1912 – ein turbulentes Jahr

Es war eine Pionierzeit für die Eisenbahn: Der Durchstich am Lötschberg erfolgte am 31. März 1911, die Jungfraubahn nahm 1912 den Betrieb auf. Auf lokaler Ebene wurde im Juli 1912 die Bern-Zolli-kofen-Bahn eröffnet. Während Jahren äusserst kontrovers diskutiert wurde damals der Gotthard-Vertrag, der 1909 mit Deutschland und Italien ausgehandelt worden war: Der Tunnel war mit dem Geld deutscher und italienischer Investoren gebaut worden. 85 Millionen Franken waren geflossen.

Als die Schweiz den Tunnel und die Gotthard-Bahn verstaatlichen, das heisst in die SBB eingliedern wollte, mussten die Geldgeber schadlos gehalten werden. Es ging nicht nur um Geld, sondern auch um Privilegien, was in der Schweiz eine heftige Polemik auslöste, bei der Robert Grimm an vorderster Front mitmischte. Güterzüge sollten auch auf anderen Strecken und nicht nur auf der Gotthardlinie Tarifermässigungen erhalten. Der Chefredaktor der «Tagwacht» verbreitete englische Gerüchte, Bundesrat Ludwig Forrer sei bestochen worden. Grimm unterlag vor Bundesgericht. Die Auseinandersetzungen sorgten anders als die Böhme-Affäre landesweit für Aufsehen. Der «Bund» schrieb Ende März 1913 von «wild gewordenen politischen Polterern», die den Bundesrat des «Landesverrats, der Unfähigkeit und der Feigheit» beschuldigt hätten. Das Parlament billigte den Vertrag im April 1913. Durch den 1. Weltkrieg und den Untergang des deutschen Kaiserreichs wurde der Staatsvertrag obsolet.

Klassenkämpfer im Gefängnis

1912 erhielt die Schweiz einen Vorgeschmack auf den Landesstreik von 1918. In Zürich streikten im März die Maler und Schlosser, es kam zu harten und zum Teil gewaltsamen Auseinandersetzungen. Am 12. April wurde die Stadt weitgehend lahmgelegt. Die Armee wurde aufgeboten, das Volkshaus, wo die Streikleitung versammelt war, wurde am 15. April militärisch besetzt. Robert Grimm vertrat die SPS-Führung beim Streik. Im Jahr 1918 übernahm Grimm dann die Streikleitung. Beim Einsatz der Armee wurden in Grenchen drei Arbeiter erschossen. Im Nachgang zum Landesstreik wurde Grimm von einem Militärgericht zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt.

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