Genügt Stromsparen oder braucht es AKWs?
Von Hans Galli. Aktualisiert am 12.08.2010 2 Kommentare
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Droht eine Stromlücke, falls in der Schweiz die bestehenden Atomkraftwerke stillgelegt und keine neuen gebaut werden? Die Stromwirtschaft beantwortet die Frage mit einem klaren Ja. Der Stromkonzern Axpo prognostiziert in seinen Stromperspektiven, die Lücke werde sich bereits ab dem Jahr 2020 öffnen. Die Vereinigung Swisselectric, welcher Axpo, Alpiq und BKW angehören, stösst ins selbe Horn. Sie geht davon aus, dass der Stromverbrauch jährlich um 0,5 Prozent wachsen wird. Ausgehend vom aktuellen Verbrauch von 60 Terawattstunden pro Jahr bedeutet dies einen Anstieg auf 77 Terawattstunden im Jahr 2035.
Diesem Mehrverbrauch steht ein Rückgang bei der Produktion gegenüber: Die Atomkraftwerke Beznau 1 und 2 sowie Mühleberg werden in einigen Jahre altershalber vom Netz genommen. Zudem laufen Verträge für den Bezug von Atomstrom aus Frankreich aus. Zusammen werden so pro Jahr 11 Terawattstunden Strom wegfallen. Die inländische Stromproduktion wird ohne neue Investitionen auf 47 Terawattstunden sinken. Die drohende jährliche Stromlücke wächst auf 30 Terawattstunden. Die Stromkonzerne wollen zwei neue Atomkraftwerke bauen, um diese Lücke zu vermeiden. Diese können pro Jahr rund 20 Terawattstunden Strom produzieren. Weitere 5 Terawattstunden sollen aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen werden. Ursprünglich geplant war auch der Bau von zwei grossen Gaskombikraftwerken. Axpo und BKW haben jedoch ihre Projekte wegen der C02-Abgabe auf Eis gelegt.
Der Weg ohne Atomstrom
Die im Auftrag der Umweltverbände von den Zürcher Beratungsbüros Infras und TNC verfasste Studie «Stromeffizienz und erneuerbare Energien – wirtschaftliche Alternative zu Grosskraftwerken» kommt dagegen zum Schluss, dass die Stromlücke ohne neue Atomkraftwerke geschlossen werden kann. Gemäss diesem Szenario wird der Stromverbrauch bis 2035 nicht ansteigen, sondern dank effizienter Nutzung der Energie leicht auf 58 Terawattstunden sinken. Das sind 19 Terawattstunden weniger als von Swisselectric prognostiziert.
Grosses Sparpotenzial gibt es gemäss der Infras-Studie insbesondere bei der Beleuchtung: Glühbirnen werden durch Leuchtdioden (LED) ersetzt, und intelligente Steuerungen sorgen dafür, dass Lichtquellen nur bei Bedarf eingeschaltet bleiben. Infras geht davon aus, dass 2035 für Beleuchtung ein Viertel weniger Strom verbraucht wird als heute. Swisselectric prognostiziert dagegen, dass die Menschen immer mehr Lichtquellen in ihren Wohnungen wünschen und dass auch die Leuchtwerbung weiter zunehmen wird. Die Stromwirtschaft prognostiziert deshalb, dass für die Beleuchtung ein Fünftel mehr Strom benötigt wird.
Künftige Minergiehäuser benötigen zwar weder Gas noch Heizöl, aber die Wärmepumpen laufen mit Strom. Deshalb wird die Haustechnik mehr Strom benötigen. Infras und TNC sagen nur eine geringe Zunahme voraus, Swisselectric prognostiziert dagegen auch hier einen starken Mehrbedarf.
Kontrovers beurteilt wird das Sparpotenzial ebenfalls in andern Bereichen. Zwar herrscht Einigkeit, dass künftig in den Privatwohnungen gleich mehrere Computer, Digitalfernseher und Musikanlagen stehen werden. Trotz der höheren Anzahl an Geräten zeigen sich Infras und die Umweltverbände aber überzeugt, dass der Stromverbrauch sinken wird. Allein der Wegfall des Stand-by-Modus bringe gewaltige Einsparungen. Auch in der Büro- und Kommunikationstechnik erwartet die Infras-Studie einen leichten Rückgang. Swisselectric geht in diesem Bereich dagegen von einer starken Zunahme um über 40 Prozent aus.
Stromwirtschaft bleibt skeptisch
Das von der Infras-Studie vorausgesagte Sparpotenzial sei in allen Punkten viel zu optimistisch, sagt eine Sprecherin des Stromkonzerns Axpo. Nach dem konjunkturbedingten Rückgang im vergangenen Jahr wachse der Stromverbrauch 2010 bereits wieder deutlich. Die Verbesserung der Energieeffizienz benötige viel Zeit. Energieeffiziente Geräte seien teuer. Es gebe Vorbehalte gegen das kalte Licht der Leuchtdioden. Skepsis herrsche auch gegenüber Minergiebauten mit Komfortlüftung, weil die Fenster nicht geöffnet werden dürfen. Der Einbau einer Wärmepumpe in bestehende Gebäude sei teuer.
Die Umweltverbände wollen diese Vorbehalte mit Anreizen abbauen. Via Lenkungsabgabe fordern sie eine Verdoppelung des heutigen Strompreises bis ins Jahr 2018. Das Geld soll den Haushalten zurückerstattet werden. «Diese Massnahme wird auf heftigste Proteste stossen», prognostiziert die Axpo-Sprecherin. Bereits die von den Elektrizitätswerken im vergangenen Jahr angekündigte Preiserhöhung um 1,2 Rappen je Kilowattstunde habe Proteststürme ausgelöst.
Infras zeigt sich nicht nur beim Stromsparen optimistisch, sondern auch bei den erneuerbaren Energien: Statt 5 Terawattstunden können laut der Gegenstudie 11 Terawattstunden grüner Strom pro Jahr gewonnen werden. Das entspricht genau der Strommenge, welche durch die Stilllegung der AKW Beznau 1 und 2 sowie Mühleberg wegfallen wird.
Die Stromkonzerne Axpo, Alpiq und BKW bezeichnen das Infras-Szenario als unrealistisch und erhalten ihre Gesuche für neue Atomkraftwerke aufrecht.
Axpo: Stromperspektiven 2020 – neue Erkenntnisse. Mai 2010.
Infras/TNC: Stromeffizienz und erneuerbare Energien – wirtschaftliche Alternative zu Grosskraftwerken. Juni 2010. Auftraggeber: WWF, Greenpeace, Energie-Stiftung, Pro Natura, Kanton Basel-Stadt, Kanton Genf, Energie Wasser Bern (EWB). (Der Bund)
Erstellt: 12.08.2010, 09:05 Uhr
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2 Kommentare
Das ist ein linker Politiker und kein Unternehmer. Die Kunden und Unternehmen wollen keinen doppelt so hohen Strompreis! Das schadet der Prosperität der Region. Zudem ist dieser Mann voll widersprüchlich: "Der Markt wird für den effizienten Umgang mit Strom sorgen." und im nächsten Satz sagt er, dass er nicht an seine Aussage glaubt. Schade hakt da der Journalist nicht nach! Antworten
Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich.Da kann ich als Anreiz zum späteren Kauf eines Elektrovelo ein solches einen Monat gratis testen.Das Elektroauto,was sicher nichts dummes wäre wird propagiert.Und diese Firma,dessen CEO erzählt uns von sparen.Strom werde teurer dem Konsumenten werden Gelder zurück erstattet. SP/Grüne Politik der Stadt Bern grüssen Wer dies glaubt meint es sei wahr. Antworten
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