Bern

«Gehen mit Petkovic diesen Weg»

Von Peter Herzog, Ruedi Kunz. Aktualisiert am 19.11.2010 1 Kommentar

YB-Chef Ilja Kaenzig blickt auf turbulente erste 100 Amtstage zurück. Er bekennt sich zu Trainer Vladimir Petkovic und sagt, was im Klub und im Stade de Suisse umgekrempelt werden soll im nächsten Jahr.

1/12 YB-Chef Ilja Kaenzig
«Wir müssen die Mannschaft individuell verstärken.»
Bild: Manuel Zingg

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Herr Kaenzig, wie beurteilen Sie die ersten bald 100 Amtstage als YB-Chef?

Für mich fällt die Bilanz positiv aus, obwohl die Tage extrem intensiv sind und ich immer noch im Hotel lebe. Nach einem sehr emotionalen und turbulenten Start, bei dem es darum ging, die Angestellten und Sponsoren kennen zu lernen, galt die Konzentration der Projektarbeit. Diese muss im Schnellzugtempo erledigt werden, damit wir Ende Jahr Taten präsentieren können.

Was für Taten werden Sie präsentieren?

Einerseits sind es Dinge, die die Abwicklung des Tagesgeschäftes im sportlichen wie im kommerziellen Bereich betreffen. Andererseits sind Veränderungen in der Organisation geplant.

Krempeln Sie alles um, was Ihr Vorgänger Stefan Niedermaier aufgebaut hat?

Nein. Die Aufbauarbeit, die unter Niedermaier geleistet wurde, ist gewaltig. Doch nun, da YB an der Spitze angelangt ist und das Tempo immer höher wird, sind Anpassungen nötig. Wir müssen uns so aufstellen, dass wir dem steigenden Druck der Öffentlichkeit und der Schnelllebigkeit des Geschäftes besser gewachsen sind.

Wie soll das bewerkstelligt werden?

Indem man Abläufe und Zuständigkeiten festlegt, die weniger personenabhängig sind. Indem man übergeordnete Ziele definiert und ausführt, mit welchen Mitteln man diese erreichen will. Endziel sind Strukturen, in denen alle Figuren austauschbar sind. Vorbild sind grosse Klubs, bei denen nicht alles zusammenbricht, wenn leitende Angestellte gehen.

Das tönt alles schön und gut. Doch Fussball ist ein Tagesgeschäft. Der Trainer wird bei YB fast wöchentlich infrage gestellt, seit es nicht mehr rund läuft.

Das ist richtig. Das schliesst aber nicht aus, Leitplanken festzulegen, innerhalb deren sich der Klub bewegt, sei es bei den Transfers, beim Scouting oder bei der Infrastruktur.

Werden Sie im Winter Transfers tätigen?

Die Bereitschaft zu investieren hängt von der Tabellensituation ab. Wenn wir die nächsten Spiele in der Meisterschaft nicht gewinnen und in der Europa League ausscheiden, werden wir kaum neue Spieler verpflichten. Anders sieht es aus, wenn wir an der Spitze mitmischen und im Europacup überwintern. In diesem Fall werden wir uns auf dem Transfermarkt umsehen. Wir werden aber nur Leute verpflichten, die uns mehr Qualität bringen.

Sie dürften primär routinierte Spieler im Auge haben?

Wir brauchen ein starkes Skelett, wie es Basel hat. Der FCB hat so viele Führungsspieler, dass er immer wieder junge Akteure einbauen kann. Bei uns hängt im Moment zu viel von Marco Wölfli oder Christoph Spycher ab.

YB spielt in dieser Saison einmal gut, einmal schlecht, dann wieder gut. Worauf führen Sie die Leistungsschwankungen zurück?

Wir sind zurzeit ohne Orientierung.

Ohne Orientierung?

Wir wissen nicht, wohin es geht. Noch ist alles möglich. Wir können bis zum Ende der Vorrunde noch Platz 2 erreichen, europäisch und im Schweizer Cup weiter dabei sein. Aber es kann auch mit einem Desaster enden. Das hiesse: Wir hätten keine Chance mehr auf den Titel und scheiden in der Europa League und im Schweizer Cup aus.

Vor dem Saisonstart wurde das Ziel herausgegeben, besser abzuschneiden als in der vergangenen Spielzeit, als YB Zweiter wurde und 77 Punkte holte. War das nicht kontraproduktiv angesichts der verlorenen Finalissima gegen den FCB nur zwei Monate zuvor?

Ich bin überzeugt, dass die vergangene Saison bei den Spielern immer noch Nachwirkungen zeigt, die Gedanken und unguten Erinnerungen sind noch nicht aus den Köpfen. Damals rechnete niemand, dass es derart gut läuft. Die Mannschaft wuchs über sich hinaus, aber am Ende wurde sie nicht belohnt. Nun fehlt die totale Überzeugung, diese Leistung wiederholen zu können. Ich habe etwas Ähnliches in der Saison 2002/03 bei Bayer Leverkusen erlebt. Nach der Niederlage im Final der Champions League gegen Real Madrid fiel die Mannschaft in ein Loch, sie war emotional überlastet, und wir spielten in der kommenden Saison bis zum letzten Spiel gegen den Abstieg.

Also muss sich YB eher gegen hinten orientieren als gegen vorne?

Im Moment ist noch fast alles möglich. Wenn wir unsere beiden Heimspiele gewinnen und in Basel nicht verlieren, können wir in der Rückrunde um den Titel mitspielen. Wenn wir weitere Punkte liegen lassen, so können wir in der Winterpause mit der Planung der neuen Saison beginnen.

Was fehlt YB noch, um Meister zu werden?

Wir müssen die Mannschaft individuell verstärken. Mayuka kann Doumbia noch nicht ersetzen, Doubai hat noch nicht die Konstanz von Yapi. Man hoffte, mit einem guten Mannschaftsgefüge diese wichtigen Abgänge aufzufangen. Dann missglückte der Start, was den Druck zusätzlich erhöhte. In solchen Situationen zeigen dann plötzlich auch erfahrene Spieler Nerven. Dennoch bin ich weit davon entfernt, an der Mannschaft zu zweifeln. Sie hat mit ganz starken Leistungen gezeigt, dass sie grosse Möglichkeiten besitzt. Nochmals: Wir müssen die Mannschaft nicht auswechseln, sondern nur punktuell verstärken.

Sie stellen sich vor die Mannschaft. Wie sieht es mit dem Trainer aus?

Vladimir Petkovic schaffte es immer wieder, die Mannschaft aufzubauen, wenn sie unter grossem Druck stand. Zuletzt war das drei Tage nach der schlechten Leistung in Odense zu beobachten, als die Mannschaft in der Lage war, Xamax auf dessen Terrain zu beherrschen. Das zeigt, dass die Beziehung Trainer - Mannschaft funktioniert. Petkovic arbeitet hart, zudem ist er immer wieder bereit, Risiken einzugehen. Er nimmt auch Diskussionen in Kauf und scheut sich nicht, mit Spielern intern nicht einfache Auseinandersetzungen auszutragen. YB spielt unter Petkovic einen attraktiven Fussball, der erfolgreich ist – auch wenn ein Titel fehlt.

In diesem Herbst überzeugt die Mannschaft aber nur selten.

Petkovic erlebt die erste Krise, seit er bei YB ist. Üblicherweise geht es bei einer Krise steil bergab, bei uns ist es ein Auf und Ab. Wir stehen hinter Vladimir Petkovic, und er weiss das. Er hat sehr viel gegeben für YB. Jetzt kann er erwarten, dass wir ihm auch etwas zurückgeben und ihn unterstützen. Wir knicken nicht beim ersten Sturm ein, das wäre enttäuschend.

Der Trainer steht also nicht zur Diskussion?

Jeder Trainer ist von Resultaten abhängig. Aber wir haben uns entschieden, mit Petkovic diesen Weg zu gehen.

Selbst bei einem Absturz?

Sollte die Vorrunde nicht so verlaufen wie erhofft, werden wir den Neuaufbau gemeinsam mit Vladimir Petkovic angehen und den Sturm gemeinsam aussitzen, der dann aufziehen wird. Wir werden versuchen, in der nächsten Saison umso stärker zurückzukommen. Wir wollen das Szenario vermeiden, welches sich vor einem Jahr beim FCZ abspielte, als Trainer Bernard Challandes in der Meisterschafts-Endphase gehen musste, obwohl sich sein Team im gesicherten Mittelfeld befand.

Wie fest sitzt Sportchef Alain Baumann im Sattel?

Wie bei allen anderen Mitarbeitern auch sind wir an der Erarbeitung seines Pflichtenheftes. Solange die Umstrukturierung noch nicht umgesetzt ist, bin ich stärker in das Tagesgeschäft involviert.

Was heisst das konkret?

Damit es zu keinen Reibereien kommt, rapportieren Trainer und Sportchef im Moment direkt an mich.

Was geschieht mit Chefscout Stéphane Chapuisat?

Stéphane Chapuisat ist als Repräsentant die Nummer 1 von YB. Den Status, den Chapuisat im Ausland geniesst, besitzt kein anderer Schweizer Spieler. Das haben wir bei unseren Spielen gegen Tottenham, Fenerbahçe und Stuttgart gemerkt, bei denen «Chapi» auch dabei war. Er ist ein Sympathieträger, und wir müssen das noch besser nutzen. Da sich «Chapi» zu YB bekennt, ist es auch keine gekünstelte Rolle, die wir ihm übertragen. Was klar ist: Chapuisat ist kein Büromanager, sondern unser Spielmacher, der keine Deckungsaufgaben übernehmen muss. Stéphane ist sehr aktiv und besucht sehr viele Spiele – auch im Ausland. Das liebt er gleichermassen wie die Arbeit auf dem Platz mit den Nachwuchsstürmern.

Weshalb wurde dann Ingo Winter geholt?

Ingo Winter ist mehr der Koordinator, der im Hintergrund wirkt, administrative Arbeiten erledigt und Chapuisat den Rücken freihält. Die beiden harmonieren gut.

Thema Spielervermittler. Unter Niedermaier hat sich Jean Bernard Beytrison, der rund ein Dutzend YB-Spieler unter Vertrag hat, eine starke Hausmacht aufgebaut. Ist das gut?

Es ist, wie es ist. Will heissen, es stört uns nicht. Ich persönlich ziehe es aber vor, mit mehreren Beratern zu arbeiten. Wir suchen eine einvernehmliche Lösung mit Beytrison. (Der Bund)

Erstellt: 19.11.2010, 07:11 Uhr

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1 Kommentar

Ulrich Schlüchter

19.11.2010, 07:41 Uhr
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Ziele sind immer gut, nur sollten diese realisierbar sein. Bezüglich der Zuständigkeiten die nicht Personen gebunden sind, sind zum scheitern verurteilt. Der Mensch funktioniert nun mal nicht so wie es die Sandkasten Strategien erlauben. Bis dato habe ich keine Firma kennen gelernt bei denen diese Personen ungebundene Zuständigkeit funktioniert. Das Resultat: frustrierte Kunden wie Angestellte. Antworten



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