Gebt dem Marzili die Aare zurück!

Bis 1968 war das Marzili eine Insel – dann wurde der innere Flussarm zugeschüttet. Die Gaswerkareal-Planung ist eine historische Chance, die Aare wieder durchs Marzilibad fliessen zu lassen. Ein Plädoyer.

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Der «Bueber», der Tümpel am unteren Ende des Marzilis, ist ein Stummel. Ein Stummel der Geschichte. Geht es so weiter, wird er bald verlanden und vielleicht verschwinden. Ich plädiere fürs Gegenteil: Die Geschichte wieder aufleben zu lassen – und den «Bueber» wieder zu dem zu machen, was er einmal war: ein Seitenarm der Aare, der durchs Marzili floss.

Es ist nämlich fast schon in Vergessenheit geraten: Das Marzili war einst eine Insel. Noch bis 1968 zog sich der «Löifu» oder die innere Aare, wie der Seitenarm genannt wurde, durchs heutige Marzilibad. Sie zweigte kurz vor der Monbijoubrücke ab, führte entlang des heutigen Parkplatzes, floss zwischen Dampfzentrale und ehemaliger Ryff-Fabrik durch, weiter durchs Marzilibad, etwa dort, wo sich heute das Badi-Beizli befindet – und verband sich beim Männerbad mit dem Hauptarm.

Chrotteweiher

Die historische Siegfriedkarte dokumentiert den Flusslauf, wie er sich noch bis weit ins 20. Jahrhundert präsentierte (Die Siegfriedkarte erschien zwischen 1870 bis 1922). Um die ursprüngliche Situation zu eruieren, muss man in den Geschichtsbüchern noch einige Kapitel zurückblättern – erste Veränderungen des Flussbetts geschehen gegen Ende des 18. Jahrhunderts und dienen da bereits dem Badevergnügen.

So wird aus dem Rinnsal, das mitten durch die Insel führt, Berns erstes Schwimmbecken. Der private Besitzer lässt die kleine Giesse an beiden Enden auffüllen – der «Füferweiher» (später «Chrotteweiher») soll sich grosser Beliebtheit erfreut haben, wie Peter Gygax in seinem Buch «Marzili» aus historischen Quellen zitiert.

Seit 1838 offizieller Bade-Hotspot

Auch die innere Aare ist schon im natürlichen Zustand ein beliebter Badeplatz: 1782 wird der Seitenarm hergerichtet und Abteile für Nichtschwimmer und Schwimmer erstellt. Die Gatter werden zwischenzeitlich wieder entfernt, weil sie die Schifffahrt behindern.

1838 geschieht aber eine mentalitätsgeschichtliche Zäsur, die bis heute gültig ist: Der Badespass erhält endgültig Priorität gegenüber der gewerblichen Nutzung – in der inneren Aare wird das Holzflössen verboten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich mit der Industrialisierung auch das Marziliquartier rasend schnell – so erstellt die Stickerei Wiesmann & Ryff 1890 den ersten Teil des Backsteinhauses an der Sandrainstrasse 3. Und das heutige Marzili-Areal geht stückweise in den Besitz der Stadt über, welche die öffentlichen Badeanstalten ausbaut.

Das heutige Antlitz

Nachdem der gesamte Seitenarm lange Zeit als «Bubenseeli» bezeichnet wird, entstehen durch die verschiedenen Abteilungen neue Namen: Badeanstalt «Grosse Aare», Männerbadeanstalt («Bueber») und Frauenbadeanstalt («Mojer»). Der Wasserstand des Aarelaufs wird mit Rechen und Schleusen reguliert, die Becken werden teils betoniert und mit Ufermauern versehen. Die innere Aare bereitet den Behörden aber zusehends Sorge: Da ist etwa die Gewässerverschmutzung, die sich in den 1950er-Jahren zuspitzt und sich im Seitenkanal besonders auswirkt – sie verstärkt den Ruf nach Schwimmbassins mit Wasseraufbereitung.

Und auch sonst ist der «Löifu» aufwendig im Unterhalt, etwa weil Ufermauern unterspült werden. Um Platz für die neuen Schwimmbecken und Liegewiesen zu gewinnen, wird der Lauf im Zuge der letzten grossen Sanierung schliesslich zugeschüttet. Das Marzilibad erhält seine vier Schwimmbecken, planierte Liegewiesen, Wege mit Zementplatten. 1971 zeigt es bei der Eröffnung sein Antlitz, das wir heute noch kennen.

Höchste Zeit für Visionen

Heute, über vierzig Jahre danach, ist es Zeit, die historischen Pläne wieder hervorzunehmen. In der unmittelbaren Nachbarschaft des Marzilibads wird im nächsten Jahrzehnt viel geschehen – auf dem Gaswerkareal werden die Bagger und Kräne auffahren.

Wohnüberbauungen werden entstehen, vielleicht ein Hallenbad. Jetzt ist der Zeitpunkt, um sich auch Gedanken übers Marzili zu machen. Jetzt ist der richtige Moment, um diese Vision aufs Tapet zu bringen – und wohl die letzte Chance: Stellen wir den ursprünglichen Zustand wieder her! Lassen wir die Aare wieder durchs Marzili fliessen!

Nichtschwimmerbecken aufheben

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich meine nicht den «Löifu», wie er sich im 20. Jahrhundert präsentiert hat – kanalisiert und zubetoniert. Ich meine einen renaturierten Seitenarm, ein Bach mit einigen Becken und schnelleren Abschnitten, mit grossen Steinen und kleinen Kiesbänken, mit Weiden und Wasserpflanzen. So wie der «Löifu» vielleicht vor dreihundert Jahren bei niedrigem Wasserstand aussah.

Unrealistisch? Vielleicht. Aber man bedenke auch Folgendes: Noch wäre der Platz für die Wiederherstellung vorhanden. Bei der Abzweigung unter der Monbijoubrücke gingen wohl Parkplätze verloren, im Marzili freilich Liegefläche. Aber es gäbe auch Möglichkeiten, Fläche zu gewinnen: etwa, wenn man eines der beiden Nichtschwimmerbecken aufheben würde.

Sense-Feeling in der Stadt

Teuer? Bestimmt. Aber buddeln wird man ohnehin, zumindest beim Gaswerkareal, wo der Boden saniert werden muss. Dagegen ist einer der Hauptgründe, dass der Seitenarm weichen musste, kein Problem mehr: die Gewässerverschmutzung. Stattdessen ist man allerorts bemüht, den Flüssen ihr natürliches Bett zurückzugeben – doch das ist meistens nicht mehr möglich.

Und das Marzilibad? Wäre enorm aufgewertet. Man stelle sich an einem Sonntag an den Krebsbach bei der Elfenau, um sich vorzustellen, wie es im Marzili dereinst aussehen könnte: Kinder planschen im knietiefen Wasser, der Grossvater hält die Füsse ins kühle Nass und beobachtet die Elritzen, Bachstelzen jagen Köcherfliegen, Libellen fliegen aus dem Schilfgürtel. Ein kleiner Flecken Natur – mitten in der Stadt. Sense-Feeling unter dem Bundeshaus. (Der Bund)

(Erstellt: 04.09.2012, 06:54 Uhr)

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Die Industriebrache erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Nächstes Jahr sollen Ideen zur künftigen Nutzung des Gaswerkareals vorliegen.

Seit Jahren soll auf dem Gaswerkareal geplant werden – schon 1999 sprach die Stadt einen Kredit von 50 000 Franken, um die künftige Nutzung aufzugleisen. Diese Planung wurde in der Folge sistiert. Doch nun erwacht die Industriebrache zwischen Monbijoubrücke und Sportplatz Schönau aus dem Dornröschenschlaf. Vor wenigen Tagen fand ein Workshop statt, an dem rund 50 Vertreter von Behörden und Interessengruppen zusammenkamen, um über die Zukunft des Industrieareals zu debattieren. In einem ersten Schritt sei es darum gegangen, die Beteiligten über Grundlagen und Rahmenbedingungen zu informieren, sagt Stadtplaner Mark Werren. Auch Quartiervertreter seien beteiligt gewesen. Zunächst sei man daran, Ideen für eine Nutzung zu sammeln: «Wir wollen erst wissen, welche Erwartungen und Anliegen heute ans Gebiet bestehen.» In Arbeitsgruppen und weiteren Workshops sollen konkrete Vorschläge ausgearbeitet werden. Werren rechnet damit, dass im nächsten Jahr konkrete Vorschläge auf dem Tisch liegen.

Einen ersten Pflock hat der Gemeinderat im Frühling eingeschlagen: Die Stadtregierung hat angekündigt, dass sie auf dem Areal oder beim Marzili ein Hallenbad mit einem 50-Meter-Schwimmbecken bauen möchte – als Ersatz fürs «Mubeeri». Noch gehört das Areal Energie Wasser Bern. Die EWB möchte das Areal veräussern, muss es zuerst aber von Altlasten befreien. Eigentlich wollte EWB den Boden schon 2009 für 18 Millionen sanieren. Aus ökonomischen Gründen habe es sich aber als sinnvoll erwiesen, die Sanierung mit einem zukünftigen Bauprojekt zur Nachnutzung des Areals zu verknüpfen, so EWB-Sprecher Raphaël Wyss auf Anfrage. Der Kanton habe einem Gesuch für Fristverlängerung zugestimmt: Die Altlastensanierung sei nun auf Ende 2014/Anfang 2015 geplant. Die Stadt besitzt ein Vorkaufsrecht, welches sie nutzen will, um das Areal unter Umständen im Baurecht abzugeben. In der Agenda des Stadtpräsidenten ist die Gaswerkareal-Planung offenbar nach oben gerutscht: «Wir sind ernsthaft dran», sagte Alexander Tschäppät (SP) jüngst gegenüber der «Berner Zeitung».

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