«Geben wir unsere Selbstzufriedenheit auf»

Der Unternehmer Jobst Wagner wirbt am «Bund»-Podium für mehr Dynamik.

«Bund im Gespräch»: Jobst Wagner (rechts) im Gespräch mit «Bund»-Redaktor Mathias Morgenthaler.

«Bund im Gespräch»: Jobst Wagner (rechts) im Gespräch mit «Bund»-Redaktor Mathias Morgenthaler. Bild: Adrian Moser

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«Wie ich all meine Engagements unter einen Hut bringe? Das weiss ich manchmal selber nicht.» So offen und direkt antwortete Jobst Wagner am Montagabend auf die Einstiegsfrage zum Podium «Bund im Gespräch». Ein besonderes Geheimnis, wie er rund 17'000 Mitarbeiter in über 50 Län­dern führt, dazu seit Jahren Zeit für zahlreiche Kulturengagements findet und zudem noch wettkampfmässig Polo betreibt, gebe es nicht. Jobst Wagner: «Ich interessiere mich einfach ehrlich dafür, was um mich herum geschieht.»

Diese Neugier, über den Tellerrand der Unternehmerwelt hinaus zu blicken, erlebe er insbesondere in der Kultur als Bereicherung. Das Interesse geweckt habe einst seine Mutter, persönliche Bekanntschaften mit Künstlern hätten ihn darin bestärkt: «Die Kunst gibt mir enorm viel zurück für mein Berufsleben.» Darum präsidiere er die Stiftung Kunsthalle oder engagiere sich seit zwanzig Jahren im Stiftungsrat des Kunstmuseums: «Unsere Museen können zwar nicht mit Basel, Genf oder Zürich mithalten», so Wagner. «Wir haben trotzdem Trümpfe: Wer weiss schon, dass das Kunstmuseum Bern eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen von Gegenwartskunst besitzt?» Auf den zweiten Blick sei es daher keine Überraschung, dass sich Kunstsammler Cornelius Gurlitt im Streit mit den deutschen Behörden entschied, «den sicheren Hafen Bern» als Alleinerben einzusetzen. Dass das überraschende Erbe vielerorts Bedenken auslöste, sei dabei nicht bernerisch, sondern schweizerisch.

«Keine One-Man-Show»

Mit wenig Vorschusslorbeeren bedacht wird oft auch der Regionalflugplatz Bern: «Mein Engagement dort ist für den Stand­ort», so Jobst Wagner. Und selbstkritisch sagte der Flughafen-Verwaltungsrat: «Die Expansion der Skywork überboardete zeitweise.» Dass sie nun zum Rückzug blasen müsse, sei schwierig für das Unternehmen. Mit Blick auf eigene Engagements bei der früheren Air Engia­dina ergänzte er: «Wer in die Aviatik investiert, hat immer die Vision, es besser machen zu können als seine Vorgänger.» Dass nun der Staat einspringen müsse, «da bin ich völlig dagegen». Und ein bisschen sei er «ja auch noch ein Grüner», so der parteilose Jobst Wagner: «Anders als früher ist Fliegen heute viel zu günstig.»

Hauptberuflich führt er mit Bruder Veit Wagner jedoch ein riesiges Unternehmen: «Das ist natürlich eine jahrelang gewachsene Geschichte, das ist keine One-Man-Show», so Jobst Wagner. Wer beim Namen Rehau AG nun nicht gleich ein Logo vor Augen hat, sei von höchster Stelle ver­tröstet: «Als Business-­to-Busi­ness-­Unter­nehmen kennt uns die Masse nicht wirklich.» Als Zulieferer produziert die Firma Kunststoffe aller Art für die Auto­branche, für Inneneinrichtungen oder den Bau. Auf die Frage von «Bund»-Wirtschaftsredaktor Mathias Morgenthaler, ob die Kindheit in einer Unternehmerfamilie Fluch oder Segen sei, sagte Wagner sibyllinisch: «Beides.» Als Direktbetroffener mache er sich immer wieder Gedanken. Und freue sich, dass mit seinem Sohn bereits die dritte Generation mitarbeite: «Sollte er einmal aufhören, wäre das zwar sehr schade, aber ich müsste es akzeptieren.»

«Nicht genug Zeit» für Politik

Wenn Kultur und Aviatik Wagner beflügeln, holt die Politik den beherzten Unternehmer wieder auf den Boden. Doch auch hier engagiert er sich seit neuestem: «Ent­wickeln wir Dynamik, geben wir unsere Selbstzufriedenheit auf», forderte der Muriger den voll besetzten Kornhaus-­Saal auf. Um die Kräfte von Gleichgesinnten zu bündeln, die wie er «nicht genug Zeit haben, aktiv in der Politik mitzumachen», rief er im Mai den «Strategiedialog 21» ins Leben. In diesem Netzwerk sollen neue Formen der politischen Beteiligung diskutiert werden. Und zwar ­­– auch wenn sich Unternehmer Jobst Wagner selber nie als Politiker sehen würde: um die Zukunft der Schweiz mitzugestalten.

«Der Bund im Gespräch» wurde per Live-Stream übertragen. Das Video zum Nachschauen:

(Der Bund)

(Erstellt: 24.06.2014, 07:06 Uhr)

Nächster Gast Ueli Maurer

Das nächste Podium «Bund im Gespräch» findet am 25. August im Hotel Bellevue statt. Zu Gast ist Bundesrat Ueli Maurer.

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