«Für Sans-Papiers ist 
die Situation härter geworden»

Marianne Kilchenmann leitet die Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers seit deren Gründung vor zehn Jahren. Mit einer neuen Solidaritätswelle rechnet sie nicht.

Marianne Kilchenmann berät Sans-Papiers aus über 80 Staaten.

Marianne Kilchenmann berät Sans-Papiers aus über 80 Staaten. Bild: Valérie Chételat

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Wer sich für Ausländer ohne Aufenthaltsbewilligung einsetzt, hat wenig zu feiern. Das weiss auch Marianne Kilchenmann, die Leiterin der Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers. Das Ziel ihrer Klientel – eine Aufenthaltsbewilligung – resultiere äusserst selten aus den Bemühungen der Beratungsstelle, sagt sie. Vielleicht nimmt die Beratungsstelle ihr zehnjähriges Bestehen auch deshalb zum Anlass, um heute auf dem Waisenhausplatz bei Essen und Musik eine «gute Zeit zu haben».

Kilchenmann war schon an der Gründung der Anlaufstelle beteiligt. «Die Situation der Papierlosen hat sich seither weiter verschlechtert», sagt sie. Ein Grund dafür sei etwa der Beitritt der Schweiz zum Schengenraum. «Nun können Sans-Papiers auch im Zug zwischen Bern und Spiez auf Grenzkontrolleure treffen.» Doch auch die verstärkten Bemühungen zur Eindämmung von Schwarzarbeit spürten Papierlose. «Arbeitgeber sind heute viel vorsichtiger, Leute ohne Aufenthaltsbewilligung zu beschäftigen.» Und nicht zuletzt habe sich auch die Einstellung der Bevölkerung verändert. «Solidaritätswellen, wie sie vor zehn Jahren existierten, sind heute kaum mehr denkbar.»

Nebst der generell gewachsenen Skepsis gegenüber Migrantinnen und Migranten sei auch ein irreführendes Bild von Sans-Papiers ausschlaggebend. Kilchenmann betont: Bei Sans-Papiers handle es sich nicht in erster Linie um Menschen, die ohne Pass einreisen, um damit eine mögliche Rückschaffung zu erschweren. «Sans-Papiers sind schlicht und einfach Menschen ohne gültige Aufenthaltsbewilligung.»

Ehemalige Saisonniers

Entstanden ist die Beratungsstelle im Zuge der Sans-Papiers-Bewegung nach der Jahrtausendwende. Damals besetzten Sans-Papiers Kirchen und machten auf ihre Situation aufmerksam. Im Gegensatz zu heute handelte es sich vor allem um ehemalige Saisonniers aus den Balkanstaaten und der Türkei, deren Aufenthaltsbewilligung abgelaufen war. «In der Bevölkerung dominierte die Überzeugung, dass diese Menschen zum Wohlstand der Schweiz beigetragen haben», sagt Kilchenmann. Und die Kirchen seien bereit gewesen, die Beratungsstelle mit grösseren Beträgen zu unterstützen.

Noch immer erhält die unabhängige Beratungsstelle etwa ein Viertel ihrer Gelder von den Kirchen. Die Klienten kommen aber nicht mehr aus dem Balkan, sondern aus Lateinamerika, Asien, dem Maghreb und Schwarzafrika. «Wir haben im letzten Jahr 2000 Beratungen durchgeführt. Die Ratsuchenden kommen dabei aus über 80 Staaten.» Auch wenn die wenigsten von ihnen einst eine Aufenthaltsbewilligung erhalten werden, so könne die Beratungsstelle den Hilfesuchenden doch den Alltag etwas einfacher machen. Die Beratungsstelle unterstütze sie bei der Einreichung von Härtefallgesuchen, vermittle Anwälte, kläre Fragen zur Einschulung der Kinder, begleite Heiratsprozesse und biete einfach ein offenes Ohr. «Humanisierung der Lebensrealität», nennt Kilchenmann das.

Kritiker monieren, dass damit die Asyl- und Ausländerpolitik des Bundes unterlaufen werde. Deren Ziel ist es, dass Personen ohne Aufenthaltsbewilligung das Land so schnell als möglich verlassen. Kilchenmann weist diesen Vorwurf zurück. «Kein Sans-Papiers bleibt wegen der Beratungsstelle in der Schweiz.» Die Personen, die bei der Beratungsstelle anklopften, könnten meist gar nicht zurückgeschafft werden. «Sonst wären sie schon längst nicht mehr hier.»

Die Beratungsstelle engagiert sich auch politisch. «Wir setzten uns etwa erfolgreich dafür ein, dass Sans-Papiers eine Lehre machen dürfen», sagt Kilchenmann. Nun wolle man gegen die strenge Praxis des Bundes bezüglich den Härtefallgesuchen vorgehen. «Ein paar Gelegenheiten mehr zum Feiern würden sicher nicht schaden», sagt sie. (Der Bund)

Erstellt: 21.06.2015, 08:36 Uhr

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