Bern

Führungslos auf unbestimmte Dauer

Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 10.02.2012 3 Kommentare

Die Dampfzentrale kommt nicht vom Fleck. Ab Ende März steht das Haus ohne Leitung da. Das Tanzfestival Tanz in. Bern ist für 2012 abgesagt worden. Und es droht weiteres Ungemach.

Vorstandspräsidentin Nicola von Greyerz (2. v. r.):

Vorstandspräsidentin Nicola von Greyerz (2. v. r.): "2012 wird für die Dampfzentrale ein Übergangsjahr".
Bild: Manu Friederich

Stimmen aus der Berner Tanzszene

Das Warten auf einen Nachfolger von Roger Merguin, den bisherigen Intendanten von Tanz in. Bern, geht weiter. Anstelle des Festivals will der Vorstand einige «internationale Highlights» nach Bern holen. Christoph Reichenau (Präsident Danse Suisse), bedauert die Absage des Festivals. Allerdings glaubt er, dass das Publikum ein Zwischenspiel verstehe. Problematisch sind für ihn die Umstände, die dazu führten, dass ein derart wichtiger Entscheid nicht in geordnetem Verfahren möglich war. Hier – beim Vereinsvorstand – sei anzusetzen, damit im zweiten Anlauf eine überzeugende Person gefunden werde, die 2013 ein neues Tanz in. Bern gestaltet.

Heidi Aemisegger, freischaffende Choreografin (öfföff, TAP), bedauert, dass die Kontinuität von Tanz in. Bern unterbrochen wird, und dies, «weil die Verantwortlichen zur Wahl eines Nachfolgers für Roger Merguin soviel Zeit beanspruchen». Bitter sei für die Freie Szene, dass die Intendanz fehle: «Den Berner Tanzschaffenden fehlt der Ansprechpartner.» Nach einem Zwischenjahr brauche es einen umso grösseren Effort, um wieder Neues aufzubauen. «Es wäre besser gewesen, wenn die Findungskommission eine Person aus der engeren Wahl eingesetzt hätte, als die Stelle nochmals neu auszuschreiben.» Dass Tanz in. Bern gerade jetzt nicht stattfindet, sei eine verpasste Chance. «Das ZDF wollte 2012 einen Beitrag drehen über Tanz in. Bern. Ob es diese Chance wieder gibt, ist fraglich.» Christina Thurner, Professorin für Tanzwissenschaft an der Universität Bern, hofft, dass die aktuellen Turbulenzen um die Dampfzentrale nicht zu politischem Unmut führen, der sich für die Zukunft des Berner Tanzfestivals negativ auswirken könnte. «Für mich und meine Studenten ist Tanz in. Bern sehr bereichernd.» (mks)

In heftigen Turbulenzen: Die Dampfzentrale. (Bild: Adrian Moser)

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Es hätte ein Befreiungsschlag werden sollen: Am Donnerstag informierte der Vorstand der Dampfzentrale über die Zukunft des Hauses, das von der Stadt Bern mit 1,9 Millionen Franken pro Jahr unterstützt wird und das im Tanz und der zeitgenössischen Musik eine landesweite Führungsrolle für sich beansprucht. Allerdings: Die Aussichten sind besorgniserregend. Ab Anfang April ist die Dampfzentrale de facto führungslos. Ein Ende des Interregnums ist nicht in Sicht. Und das international renommierte Tanzfestival Tanz in. Bern wurde für dieses Jahr abgesagt. «2012 wird für die Dampfzentrale ein Übergangsjahr», sagte Vorstandspräsidentin Nicola von Greyerz.

«Alte Geschichten»

Am Ursprung dieser Turbulenzen steht der Abgang von Roger Merguin. In den letzten Jahren leitete der Choreograf (Tanz) die Dampfzentrale gemeinsam mit Christian Pauli (Musik). Im nächsten Sommer übernimmt Merguin das Zürcher Theaterhaus Gessnerallee. Diese Vakanz nahm der Dampfzentrale-Vorstand zum Anlass, grundsätzlich über das Modell der Co-Leitung zu diskutieren.

Das Resultat: Der Vorstand schrieb im September 2011 eine Gesamtleitungsstelle aus. Im Bewerbungsverfahren setzte sich die Basler Ballettdramaturgin Bettina Fischer durch. Es kam zum Handschlag, doch der Traum währte nur kurz: Ein Tag nachdem Fischer sich der Dampfzentrale-Belegschaft vorgestellt hatte, zog sie sich zurück. Auch der bisherige Co-Leiter Christian Pauli hatte sich inzwischen anderweitig umgesehen. Er wird neuer Mediensprecher der Hochschule der Künste Bern. Pauli und Merguin verlassen die Dampfzentrale Ende März.

Sind dem Vorstand Fehler unterlaufen? Hat er zu spät reagiert? Über die Vergangenheit mochten die Verantwortlichen gestern keine Auskunft geben. Das seien alte Geschichten, sagte Präsidentin Nicola von Greyerz. «Wir arbeiten mit Hochdruck an der Zukunft der Dampfzentrale.» Geht es nach dem Vorstand, werden Tanz und Musik in der Dampfzentrale auch in Zukunft nebeneinander bestehen bleiben. Vom Modell der Co-Leitung distanziert sich der Vorstand aber. Dem siebenköpfigen Gremium, dem auch ein Vertreter der Abteilung Kulturelles der Stadt Bern angehört, schwebt eine Leitung durch eine einzelne Person vor. In ihr soll sich die Gesamtverantwortung für die Dampfzentrale mit der Spartenleitung Tanz verbinden. Die Sparte Musik ist dieser Gesamtleitung unterstellt.

Nicola von Greyerz schilderte das Anforderungsprofil für die neue Leitung so: «Voraussetzung ist, dass die Person nebst einem Leistungsausweis im Tanz auch ein ausgeprägtes Interesse an zeitgenössischer Musik mitbringt.»

Gemäss von Greyerz soll die Ausschreibung der neuen Leitungsstelle «in Bälde» stattfinden. Auf welches Datum hin die Position besetzt werde, lasse sich derzeit aber nicht sagen. Bis auf weiteres wird das Tagesgeschäft der Dampfzentrale von zwei Programmgruppen – Tanz und Musik – bewältigt, denen jeweils ein Vorstandsmitglied zur Seite steht. Ausserdem unterzieht der externe Berater Klaus Rohrer die Dampfzentrale in den nächsten Wochen einer Organisationsüberprüfung.

«Die optimale Lösung»

Veronica Schaller, Leiterin der Abteilung Kulturelles der Stadt Bern, wehrt sich gegen die Behauptung, die Dampfzentrale sei führungslos: «Die Führung ist verteilt auf vier Personen aus der zweiten Reihe, zwei Delegierte des Vorstandes und den externen Berater Klaus Rohrer. In der heutigen Situation ist das die optimale Lösung.» Weiter findet Schaller, dass die Aufbauarbeit von Merguin und Pauli durch die derzeitigen Turbulenzen nicht gefährdet ist. «Es wird weitergehen. Mit anderen Tönen und anderen Farben. Aber darauf freue ich mich.»

Zu reden gab gestern vorab die Absage des Tanzfestivals Tanz in. Bern. Nicht zuletzt, weil die Stadt Bern ihren Subventionsbeitrag nicht reduziert. In den Jahren 2008 und 2009 hat sie das Festival jeweils mit einem Projektbeitrag von 200000 Franken unterstützt. 2010 wurde dieser Beitrag in den Leistungsvertrag zwischen Stadt und Dampfzentrale eingebaut. Die jährliche Subventionssumme wurde entsprechend angehoben. «Im Leistungsvertrag ist nicht festgehalten, dass das Tanzfestival jährlich stattfinden muss», so Schaller. Überdies sei die Subvention der Dampfzentrale ein Pauschalbetrag. Die Stadt Bern mache keine Vorgaben zur detaillierten Verwendung der Mittel nach den einzelnen Sparten. «Solange der Leistungsvertrag eingehalten wird, gibt es kein Problem.»

Dampfzentrale bald ohne Kapital?

Bauchweh bereitet die Dampfzentrale hingegen zahlreichen Politikern. So etwa Martin Schneider, Mitglied der stadträtlichen Kommission für Soziales, Bildung und Kultur. Er findet die Querelen «gelinde gesagt schwierig». Die Probleme vermutet er bei der Führung der Dampfzentrale. Hier wolle er in den nächsten Wochen Gespräche führen. «Absolut unverständlich» ist für ihn, dass die Dampfzentrale trotz der Absage des Tanzfestivals den gesamten Subventionsbeitrag erhält. «Der Leistungsvertrag wird offensichtlich weder von Kulturschaffenden noch von den Behörden ernst genommen», so Schneider.

Nicht genug damit. Der Dampfzentrale droht überdies das Eigenkapital auszugehen. Bereits Ende 2010 befand sich der Eigenkapitalanteil unter einem Prozent. «Ein Liquiditätsengpass der Dampfzentrale ist nicht ausgeschlossen», sagt Veronica Schaller. «So weit lassen wir es aber nicht kommen. Wenn Not herrscht, kann die Stadt mit Darlehen oder der gestaffelten Überweisung der Subventionen überbrücken.» (Der Bund)

Erstellt: 10.02.2012, 06:46 Uhr

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3 Kommentare

Urma Herren

09.02.2012, 18:47 Uhr
Melden

Jaaa. Externe Berater. Das beste was man in einer solchen Situation tun kann. Antworten


Martin Etzensperger

10.02.2012, 06:52 Uhr
Melden

Das passiert halt, wenn linke Politiker mit Steuergeldern umgehen... Antworten



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