Früchte und Knacknüsse des Dialogs

Berns religiöse Vielfalt zeigte sich in einer finsteren, «verhudelten» Novembernacht der Nacht der Religionen in ihrer ganzen Farbigkeit. Wer die Tempel, Kirchen und Versammlungssäle aufsuchte, merkte eins: Klischees stimmen oft nicht.

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Den «Erhabenen, Heiligen, vollkommen Erwachten» verehren die buddhistischen Mönche mit einer Art Sprechgesang – fremdartige Töne im Uni-Hörsaal auf dem Von-Roll-Areal. An der Eröffnungsfeier der «Nacht der Religionen» vom Samstag geben sich die Religionsvertreter an ihren Früchten zu erkennen. So hat Gerda Hauck eine «Knacknuss des Dialogs» mitgebracht. Die Präsidentin des Vereins «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» hat in jahrelanger Arbeit eines gelernt: Erst wenn die Schale geknackt ist, kann man den Nusskern geniessen. Das Netzwerk dieses Vereins spielt bei der Vorbereitung der Nacht der Religionen eine wichtige Rolle – zum fünften Mal.

Der Marsch von einem Veranstaltungsort zum nächsten – Kirchen, Säle und Tempel in der ganzen Stadt – bietet die Gelegenheit, über ein Bibelwort nachzudenken: «Der Herr lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.» Der Evangelist Matthäus, der das schrieb, hatte kaum einen nasskalten Novemberabend in Bern vor Augen, sondern einen trockenen Acker im Orient, der nach Wasser lechzt. Nasse gelbe Blätter liegen tot auf der dunklen Strasse. Werden sie im Frühling wiedergeboren, oder kommen dann andere?

Häuschen, in denen Götter wohnen

Vor dem Murugen-Tempel der Hindus häufen sich nasse Schuhe, besonders beim Eingang, denn niemand will sich nasse Socken holen. Konfirmandenklassen strömen in die ehemalige Fabrikhalle und setzen sich auf den Boden. Sie bestaunen die Häuschen am Rand des Raums, in denen die Götter wohnen. Die beleuchteten farbenfrohen Behausungen erinnern an Stände auf einem Chilbiplatz. Schrille Töne eines Blasinstruments sind zu hören. Wäre dies der Soundtrack eines Films über ein exotischen Land, würde man erwarten, dass nun eine Kobra ihren Kopf aus dem Korb heraushält. Die Konfirmanden verfolgen die Vorbereitungen für den Hindu-Gottesdienst interessiert, freuen sich aber – wie sie dem «Bund» sagen – auch darüber, dass ihnen für den Besuch der Nacht einige Lektionen gutgeschrieben werden.

Der Murugen-Tempel beteiligt sich letztmals am Anlass – zumindest in dieser Form. Im April 2013 müssen die Hindus die Lokalität verlassen. Sie ziehen um nach Toffen. Wenn die neue Kehrichtverbrennungsanlage im Forsthaus in Betrieb geht, wird die alte KVA abgebrochen – und damit auch der Hindu-Tempel. Dies wirft ein Licht auf die prekären Platzverhältnisse, unter denen Migrantenreligionen leiden, die planungsrechtlich nirgends vorgesehen sind. Beim Verlassen des Tempels hört man überall die Kirchenglocken läuten: Die angestammten Religionen mit den prominent platzierten Bauten verfügen noch immer über eine Deutungshoheit, zumindest akustisch.

Nicht nur Romney ist Mormone

Erstmals dabei sind die Mormonen, korrekt: «Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage». In einem recht schmucklosen, grell beleuchteten Saal legen Berner Familien in einem Kurzfilm Zeugnis ab, was ihnen der Glaube bedeutet. Somit bekommt die Kirche, die oft – nicht erst seit Mitt Romneys Kandidatur – als amerikanisch wahrgenommen wird, ein lokales Gesicht. Eine junge hübsche Frau mit Minirock wird gleich zu einer Harfe gehen und ein Stück aus Bachs «Wohltemperiertem Klavier» spielen. Ist sie Mormonin? Ja, sagt sie und lächelt, weil sie merkt, dass der Fragende seine Vorstellungen von biederer Mormonenbekleidung nicht bestätigt sieht. «Ich liebe es, Klischees zu widerlegen.»

Bei der Jüdischen Gemeinde wirft die Security am Eingang einen Blick in den Ausweis und in die Tasche – nicht aus Paranoia, sondern aus begründeter Vorsicht. Der Besucher fasst eine Kippa, um sein Haupt in der Synagoge zu bedecken. Für einmal sitzen Frauen auch unten im Saal und Männer auch oben auf der Empore. Eine Referentin gibt einen Einblick in die jüdische Art, sich auf dialogische Weise Wahrheit(en) anzunähern. So kam es, dass ein Jude auf die Frage, weshalb Juden eine Frage stets mit einer Frage beantworteten, zurückgab: «Weshalb nicht?»

In der Heiliggeistkirche gibt es spätabends nicht nur die Trinität, sondern religiöses Multikulti. Ein islamisches Mädchenquartett singt, danach ein christlicher Chor, eine afrikanische Yoruba-Frau ist da, auch ein Sikh, und ein Jude singt einen Abendsegen. Hier lernt man auch eine uralte Religion kennen, die bei uns weitgehend unbekannt ist: den Jainismus, eine vorhinduistische Religion, die konsequent der Gewaltlosigkeit verpflichtet ist. (Der Bund)

Erstellt: 12.11.2012, 07:06 Uhr

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