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«Frage stellt sich: Abschalten oder investieren?»

Von Simon Thönen. Aktualisiert am 21.03.2011 2 Kommentare

Die Nuklearaufsicht Ensi droht, Mühleberg abzuschalten, falls nicht nachgewiesen wird, dass es vor Erdbeben und Hochwasser geschützt ist. Die BKW prüfe die Folgen der neuen Sicherheitsauflagen, sagt Urs Gasche, Präsident der BKW.

«Mühleberg abschalten» forderten rund 500 Personen am Samstag auf dem Berner Mühleplatz. (Keystone)

«Mühleberg abschalten» forderten rund 500 Personen am Samstag auf dem Berner Mühleplatz. (Keystone)

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Urs Gasche

Von 2001 bis 2010 war Urs Gasche (56) Regierungsrat. Seither präsidiert er die kantonale BDP und den Verwaltungsrat der BKW.

In der Zeitung «Sonntag» liest man mit Erstaunen, dass die BDP-Spitze samt Bundesrätin Widmer-Schlumpf und Ihnen als BKW-Verwaltungsratspräsident für den Ausstieg aus der Atomkraft ist. Die BDP war schon immer, lange vor Japan, für den Ausstieg. Jetzt hat man gesagt, dass wir vor dem Hintergrund der Ereignisse in Japan für eine klare Beschleunigung des Atomausstiegs sind – aber nur, wenn es Alternativen gibt. Wir erwarten, dass man jetzt in einem gesellschaftlichen Dialog einen Konsens findet, dass Alternativen realisiert werden können. Wir erwarten, dass die links-grüne Seite unser Entgegenkommen honoriert, indem sie wenigstens die Opposition gegen alle anderen Formen der Energieproduktion aufgibt. Im Klartext: Für die BDP steht ein Ausbau der Wasserkraft im Vordergrund.

Auch die BKW werde einen Ausstieg diskutieren, sagten Sie in der «SonntagsZeitung». Wie sähe der aus?

Die BKW wird diverse Optionen prüfen, ich selber erachte dabei den Ausbau der Wasserkraft als vordringlich.

Man las auch, dass die BKW und ihr Partner Axpo die Gesuche für neue AKW in Mühleberg und Beznau zurückziehen wollten, der dritte Konzern Alpiq sich aber querstellte. Stimmt das?

Dies stimmt so nicht. Die drei Partner sind zum Schluss gekommen, dass sich vor dem Hintergrund der Sistierung der Gesuche durch Bundesrätin Leuthard – die wir unterstützten – die Frage eines Rückzugs zurzeit nicht mehr stellt. Allen drei Partnern geht es um dies: Falls man in der Analyse der Ereignisse in Japan zum Ergebnis kommt, dass man keine neuen Kernkraftwerke mehr bauen kann oder auch bestehende Werke ausser Betrieb setzen muss, so ist es selbstverständlich, dass man dies macht. Aber wir sind klar dagegen, dass man aus der Hysterie heraus Entscheidungen trifft, ohne die sachlichen Grundlagen dafür zu haben.

Im Moment steht das bestehende AKW in Mühleberg im Vordergrund. Sie haben gesagt, Sie befürchteten, dass Mühleberg als «Bauernopfer» abgeschaltet werden könnte.

Richtig. Ausgehend von der Aussage, die der Chef der Nuklearaufsicht Ensi, Hans Wanner, im Fernsehen machte, und der Diskussion in der Arena, wurde die Aufmerksamkeit sehr stark auf Mühleberg fokussiert. Da stehen natürlich gewisse Interessen der Opposition und möglicherweise auch der Konkurrenz dahinter, und da sagte ich, dass Mühleberg ein Bauernopfer werden könnte.

Noch letzten Donnerstag sagte die BKW, es drängten sich keine Sofortmassnahmen bei der Sicherheit von Mühleberg auf. Am Freitag hat das Ensi Sofortmassnahmen verfügt. War die BKW zu optimistisch?

Ich habe die Verfügung des Ensi noch nicht im Detail studiert und auch nicht mit den Fachleuten besprochen. Mein erster Eindruck ist: Rasch umzusetzen sind Notfallmassnahmen. Für die BKW stimmt unsere Einschätzung nach wie vor: Wir haben in Japan nichts festgestellt, was auf eine bisher nicht entdeckte prinzipielle Schwäche unserer Anlage hindeuten würde. Ich bin aber nicht der Spezialist.

Georges Piller vom Ensi sagt: Wenn ein Werk nicht beweisen kann, dass es Beben und Hochwasser übersteht, müsse es «am 1. April oder in den folgenden Tagen» abgestellt werden. Die Folgen für Mühleberg?

Das wird man sehen, wenn es so weit ist.

Man hatte das Erdbebenrisiko in der Schweiz schon vor Japan unterschätzt. Das Ensi ordnete Verbesserungen an, die in Mühleberg noch nicht alle realisiert sind. Kann die BKW die Beherrschung dieser Risiken in kurzer Zeit nachweisen?

Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich gehe davon aus, dass die Arbeiten laufen und vorankommen.

Absehbar ist, dass Nachrüstungen auf das AKW Mühleberg zukommen. Stellt sich die Frage, ob die BKW diese Investitionen noch tätigen oder ob sie jetzt abschalten will?

Natürlich stellt sich diese Frage. Dies dürfen Sie aber nicht so interpretieren, dass ich Mühleberg abschalten will, weil der BKW das Geld für die Investitionen fehlen würde. Bei jeder Massnahme prüfen wir drei Fragen: Ist es plausibel, dass man dies von uns verlangt? Ist es machbar, dies in der gesetzten Frist umzusetzen? Und drittens: Ist es wirtschaftlich und finanziell vernünftig, dies in der gesetzten Frist umzusetzen? Das wird man prüfen, aber ich kann Ihnen das Ergebnis nicht voraussagen.

Falls sich zeigen sollte, dass die Massnahmen für die BKW wirtschaftlich nicht umsetzbar sind, dann würde sich also die Frage stellen, ob Mühleberg abgeschaltet wird?

Diese Frage kann man nur im Zusammenhang mit den Alternativen beantworten. Sollen wir unsere Lieferverträge nicht erfüllen? Oder kaufen wir Strom zu? Und zu welchen Bedingungen? Ich kann Ihnen das Ergebnis auch hypothetisch nicht im Voraus beantworten. Sicher ist nur: Selbstverständlich werden wir diese Fragen prüfen müssen. Das gibt ein Ergebnis, und daraus ziehen wir unsere Schlussfolgerungen. Wie die lauten, kann ich heute nicht sagen.

Sie haben die Wasserkraft angesprochen. Der kantonale SP-Präsident Roland Näf hat gesagt: Man könne die Staumauer an der Grimsel erhöhen, falls das Pumpspeicherwerk zur Veredelung von Ökostrom verwendet werde. Ein Kompromiss?

Das ist kein gangbarer Weg. Wir müssen offen sein für verschiedene Optionen. Unsere Hauptaufgabe ist es, die Stromversorgung sicherzustellen. Es ist unmöglich, dass wir die Versorgungslücke über Nacht mit Ökostrom schliessen können – nicht zu Preisen jedenfalls, die für unsere Wirtschaft tragbar sind. Falls die Kernkraft tatsächlich wegfallen sollte, werden wir nicht darum herumkommen, in einer Übergangsphase Strom aus verschiedenen Quellen in Pumpspeicherwerken zwischenzuspeichern: zum Beispiel – ich betone: zum Beispiel – aus alten Kohlekraftwerken, die Deutschland nun wieder in Betrieb nehmen könnte, weil es Kernkraftwerke abschaltet. Vielleicht müssen wir auch Gaskraftwerke in der Schweiz bauen. Der Vorstoss von Näf bezweckt nichts anderes, als die Opposition der SP auch gegen die Wasserkraft zu kaschieren.

Gibt es nicht genug Windstrom auf dem europäischen Markt, der sich mit Grimsel-West veredeln liesse?

Wir veredeln dort natürlich auch Windstrom. Ich kann aber nicht die Auflage eingehen, nur solchen Strom zu veredeln. Die Gegner müssten halt auch einmal rechnen: 40 Prozent Atomstrom kann man wirtschaftlich nicht über Nacht mit Ökostrom ersetzen, der momentan noch deutlich teurer ist. (Der Bund)

Erstellt: 21.03.2011, 07:21 Uhr

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2 Kommentare

Walter Geissberger

21.03.2011, 07:59 Uhr
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AKW's haben uns ermöglicht, das Energie-Verschwendungs-Paradies auszuprobieren.
Lassen wir es hinter uns und setzen zu ernsthafter Sparsamkeit an. Das wird wohl der Weg sein, den alle beschreiten müssen.
Antworten


Max Meistermann

21.03.2011, 10:22 Uhr
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Ich kann diese Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen nicht übernehmen. Vorallem will ich ihnen nicht Atommüll übergeben, welchen sie wieder an die künftige Generaton überreichen müssen. etc. Also ist folglich richtig. wir dürfen genau soviel konsumieren, wie wir nachhaltig herstellen können. Alles andere ist Zerstörung der eigenen Lebensgrundlage. Antworten



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