Manege frei für Prevost und Co.

Gestern verschob die Kinemathek Lichtspiel in einer vergnüglichen Projektoren-Parade das Herzstück ihrer Sammlung vom Güterbahnhof ins Marzili.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Glitzernd stehen sie in der prallen Mittagssonne. Prevost aus Milano, DeVry aus Chicago und Ernemann aus Dresden: die Elefanten des Lichtspiels. Am Sonntag lud die Berner Kinemathek Freiwillige ein zur grossen Verschiebung ihrer umfangreichen Projektorensammlung vom alten Standort beim Güterbahnhof in die ehemalige Ryff-Fabrik im Marzili. «Jahrzehntelang haben diese Maschinen unbeachtet ihren Dienst getan, heute erhalten sie einen seltenen Auftritt am Tageslicht und dürfen etwas Staub verlieren.»

Hommage an die alte Technik

So begrüsst Lichtspiel-Direktor David Landolf die zahlreich erschienenen Helfer. Gut zwei Wochen waren er und sein Team damit beschäftigt, die schwungvoll gestalteten und bis ins letzte Detail durchdesignten Projektoren reisefertig zu machen. Fest angeschraubt auf Rollpaletten sind die über vierzig Prachtexemplare startbereit für ihre Parade in die neue Heimat.

Der älteste Elefant im Umzug der 35-, 16- und 70-mm-Projektoren stammt aus den 1910er-Jahren und führt die Parade an. Der Anlass, inspiriert von der Elefantenparade des Circus Knie, lässt sich auch als Hommage an die alte Technik in Zeiten der Digitalisierung deuten. «Im Moment werden wir geradezu überschwemmt von 35-mm-Projektoren. Aber alle können auch wir nicht aufnehmen», so Landolf.

Ein De-luxe-Fährtchen

Um halb zwölf ist es dann endlich so weit: Drei bis fünf Personen schieben und ziehen die Mordsdinger über Trottoirränder und Fussgängerstreifen. «Nehmt es gemütlich», rät Landolf, «auch wenn wir hier einige Tonnen verschieben.» Für lockere Schrauben oder Achsenbrüche ist unterwegs ein fliegender Mechaniker jederzeit einsatzbereit. Anfangs muss sich das bunt gemischte Helfervolk noch an die Störrigkeit der Schwergewichte gewöhnen, bald einmal hat es den Dreh raus und freut sich auf hindernisfreie Abschnitte: «Das wird ja ein richtiges De-luxe-Fährtchen!»

Gerät vorne in der Parade ein Projektor ins Stocken, warten die anderen geduldig. Nur ein kleines Mädchen ärgert sich: «Immer diese Staus!» Denn auch die ganz Kleinen im Umzug helfen zügeln: Sie dürfen die handlichen 16-mm-Projektoren ziehen. Und eine Mutter hat einen Mini-Projektor ganz pragmatisch im Kinderwagen neben ihrem schlafenden Baby verstaut.

«Speisewagen!»

David Landolf kreist den Umzug auf seinem Retro-Trottinett ein, regelt kurzerhand den Verkehr und packt zusammen mit seinem aufmerksamen Team an, wenn Not am Mann ist. Denn das nächste Hindernis kommt bestimmt: «Jetzt beginnt dann der Schilderwald», warnt einer die Karawane hinter ihm.

Die meisten Projektoren sind zu hoch, um unter den diversen Parkverbotsschildern durchzukurven. Ausweichen ist angesagt. Für Proviant sorgt unterwegs ein mit Essen und Kindern bepackter Riesenleiterwagen, aus dem die Kleinen unermüdlich «Speisewagen!» rufen und Schoggistängeli verteilen.

Zitterpartie Kopfsteinpflaster

Im März hat das Kino Lichtspiel die Tore zu seinem neuen Spielort geöffnet, und es hat sich bereits prächtig eingelebt: «Die Räume an der Sandrainstrasse sind toll», schwärmt Landolf, zudem schätze er die Nachbarschaft. Mit dem Filmhaus etwa liessen sich prima gemeinsame Anlässe auf die Beine stellen. Im Januar wird das alte Gebäude beim Güterbahnhof abgebrochen, bis dahin muss das immer noch ziemlich vollgestopfte alte Lichtspiel geräumt sein. «Ein guter Zeitpunkt, um ein bisschen auszusortieren», so der Leiter.

Die Sonne brennt auf die Köpfe und die schwarzen massigen Maschinen. Endspurt durchs Monbijouquartier. 13.30 Uhr: Letzte Station ist der Lift am Anfang der Monbijoubrücke. Damit sie in den Aufzug passen, muss bei den meisten Modellen vorübergehend der obere Spulenarm abgeschraubt werden. Unten angekommen, wartet bereits die nächste und letzte Zitterpartie: Der Weg zur ehemaligen Ryff-Fabrik ist mit Kopfsteinpflaster ausgelegt, die letzten Meter gilt es deshalb noch einmal besonders vorsichtig zu fahren. Dann haben die Projektoren, das Herzstück des Lichtspiels, die Parade ohne Totalschaden überstanden. Die Elefanten dürfen ihr neues Heim beziehen. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.09.2012, 15:25 Uhr)

Artikel zum Thema

Lichtspiel zügelt ins «Filmhaus Bern»

Jetzt ist es definitiv: Das Lichtspiel zieht ins Marzili-Quartier um und bezieht die Räume der Schauspielschule. Mehr...

Neue alte Räume fürs Lichtspiel

Das Lichtspiel erhält den mit 100'000 Franken dotierten Kulturpreis der Burgergemeinde Bern. Das gibt Schub für die neue Ära: Die Kinemathek zieht 2012 um, wahrscheinlich in Räume bei der Dampfzentrale. Mehr...

Das Sinnliche und das Vergängliche

Das grosse Futtern, der Tod und die Unsterblichkeit: ein Streifzug durch das barock anmutende Programm. Mehr...

Werbung

Immobilien

Blogs

Mamablog Lassen Sie ihr Baby ruhig schreien

Die Welt in Bildern

Chlaus Ahoi: Mit Weihnachtskostümen verkleidete Gondolieri fahren in Venedig durch die Kanäle. (20. Dezember 2014)
(Bild: Manuel Silvestri) Mehr...