Es wird eng im Wangental
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 19.10.2011 2 Kommentare
Das Leben im «Zwischenraum»
Dies ist der letzte Beitrag in der Serie über die Freiburgstrasse.
In den letzten drei Wochen haben wir in acht Beiträgen Geschichten dieser Strasse erzählt. Die 12 Kilometer lange Strecke, die von der Stadt Bern in den Kanton Freiburg führt, ist nicht beschaulich – aber gepflastert mit interessanten Aspekten. Im Spätmittelalter war sie ein wichtiger Handelsweg. Heute ist sie ein Weg durch verschiedene Räume: Sie führt von der Stadt aufs Land – durch den «Zwischenraum», wie es Bauer Jöhr nennt. Von der verkehrsberuhigten Quartierstrasse zum Industriequartier, vom besetzten Haus zum SVP-Wahlplakat.
Auch wenn sie vielerorts unwirtlich wirkt, ist die Freiburgstrasse auch eine Strasse der Menschen, sie beherbergt etwa den tamilischen Autohändler, der stolz ist, dass seine Kinder mehr Schweizer sind als er. Oder die umtriebige «Chäsi»-Inhaberin, die mit viel Engagement den Grossverteilern trotzt. (jäg)
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«Wir befinden uns in einem Würgegriff», sagt Martin Jöhr. «Es wird Stück für Stück ein bisschen enger. Aber wir wollen hierbleiben. Solange es halt geht.»
Mitten im Wangental liegt ein Findling. Zwischen Autobahn, Bahntrassee, Freiburgstrasse und Kieswerk, eingerahmt von Niederwangener Terrassensiedlungen und Oberwangener Einfamilienhäuschen, steht der Bauernhof der Familie Jöhr. Wie liegen gelassen und in Vergessenheit geraten sieht es aus, das Riegelhaus, Baujahr 1827, mit seinem weit ausgreifenden Dach, das sich unter eine mächtige Linde aus dem 19. Jahrhundert duckt. Daneben Stallungen und ein Schopf, umgeben von einigen Hektaren Kulturland.
Wer mit dem Intercity von Bern nach Freiburg fährt oder über die Freiburgstrasse nach Westen, hat nach dem Ortsausgang Niederwangen einige Sekunden lang freie Sicht auf den Hof. In diesen Sekunden denkt man: Jetzt sind wir auf dem Land. Gleich anschliessend, in Oberwangen, merkt man: Man hat sich getäuscht. «Nein», sagt Martin Jöhr, «wir befinden uns hier nicht auf dem Land. Aber auch nicht in der Stadt. Es ist ein Zwischenraum.»
«Die Autobahn, der Startschuss»
Martin Jöhr, 55, sitzt in der Küche, vor ihm ein Glas Brunnenwasser und Gebäck. Er ist ein kleiner, schlanker Mann mit kräftigen Händen und flinken Augen. 1984 hat er den Betrieb übernommen, der sich seit mehreren Generationen in Familienhand befindet. «Rindviehhaltung mit Milchwirtschaft», sagt Jöhr, «18 Kühe, dazu Jungvieh.» Daneben ein bisschen Mais, Zuckerrüben und Getreide. Für Ackerbau ist nur ein Teil der Fläche geeignet. Das war schon früher so. Auf seinem Hof hat sich in den letzten 35 Jahren kaum etwas verändert. Rundherum dafür umso mehr. «Und der Startschuss», sagt Martin Jöhr, «war die Autobahn.»
Als die Bagger auffuhren im Wangental, damals Mitte der Siebzigerjahre, absolvierte Martin Jöhr gerade die Landwirtschaftslehre auf einem anderen Betrieb. Als er eines Tages nach Hause fuhr, sah er auf den Feldern der Familie die Erdaufschüttungen des Autobahnbaus. Natürlich hatte er gewusst, dass die Bauarbeiten begonnen hatten. Trotzdem sei er schockiert gewesen, sagt Martin Jöhr. «Nichts mehr war grün, alles braun und wüst.» Es sollte noch schlimmer kommen.
Gleichzeitig mit dem Bau der Autobahn erfolgte die Erschliessung des ganzen Wangentals mit Strom, Wasser und Kanalisation. Und dann wurde die gesamte Fläche zwischen Niederwangen und Thörishaus zur Bauzone erklärt, auch der Hof der Familie Jöhr. Zwar verzichtete sie darauf, ihr nun wertvolles Bauland zu verkaufen. Der Vater liess die Fläche sogar wieder auszonen. Doch rundherum schossen nun die Industriebetriebe wie Pilze aus dem Boden, die grossen Shoppingcenter und die Häuschen für Zuzüger. Nur rund ein Viertel der Gebäude, die Martin Jöhr sieht, wenn er heute aus dem Küchenfenster nach Oberwangen blickt, standen bereits während seiner Kindheit. «In Richtung Niederwangen ist es noch extremer», sagt er. Und dass es ihn nachdenklich stimme.
«Gerümpelkammer» von Köniz
Ein Grossteil der Bevölkerung im Wangental empfindet den planlosen Siedlungs- und Nutzungsmix als Belastung. Seit 2008 setzt sich deshalb die Arbeitsgruppe für Planungsfragen im Wangental (APW) dafür ein, dass den Interessen der Bevölkerung in Raumplanungsfragen mehr Gehör geschenkt wird. Wie gross der Unmut ist, zeigte sich etwa bei der letzten Versammlung des Ortsvereins Oberwangen im März 2011. Da gab ein APW-Mitglied zu Protokoll: «Dieses Tal wird von vielen als Gerümpelkammer der Gemeinde Köniz angesehen.»
Martin Jöhr, ebenfalls Mitglied der APW, denkt nach. Er würde die Kritik nicht in dieselben Worte fassen. Aber er sagt: «Ich kann die Äusserung nachvollziehen.» Denn auch wenn der Könizer Gemeinderat inzwischen erkläre, er wolle die Grünräume erhalten, müssten die Wangentaler sich doch bei jeder Zonenplanrevision gegen die Vernichtung von Kulturland wehren. «Der Siedlungsdruck wird stärker. Und wenn es immer so weitergeht, Fleckchen für Fleckchen, dann ist unser Hof irgendwann nicht mehr ein Grüngürtel zwischen Niederwangen und Oberwangen, sondern nur noch eine Baulücke.»
Er erwacht, wenn der Zug kommt
Martin Jöhr und seine Familie haben sich arrangiert mit den Umständen. Den Lärm der Autobahn, die rund achtzig Meter neben dem Bauernhof verläuft, nehmen sie nicht mehr wahr. «Nur wenn wir mal auf dem Land sind, schauen wir uns an und sagen: Das ist jetzt aber schön ruhig hier.»
Und wenn frühmorgens der Hahn kräht, schläft Martin Jöhr weiter. Geweckt wird er pünktlich um 5.40 Uhr. Dann braust der Intercity von Bern nach Freiburg durchs Wangental. Martin Jöhr lächelt. Er ist vielleicht der einzige Landwirt der Schweiz, der seinen Tagesrhythmus nach dem SBB-Fahrplan ausrichtet.
Fünf bis zehn Jahre will er den Betrieb nach Möglichkeit noch weiterführen. «Ich würde den Hof anschliessend gerne übernehmen», sagt der 22-jährige Sohn Simon Jöhr. Aber er weiss auch, dass es nicht nur eine Frage des Wollens ist. Die Landwirtschaft muss auch rentieren. Und das geht nur, wenn ihre Fläche erhalten bleibt. (Der Bund)
Erstellt: 19.10.2011, 08:58 Uhr
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