«Es verleidet ihm einfach nie»
Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 12.12.2011 1 Kommentar
Artikel zum Thema
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Ricky Kam öffnet die Tür zur schönen, grossen Wohnung in Muri gleich selbst. Er weiss genau, dass wir wegen ihm da sind. Wegen dem Jungen, der eben erst sechs Jahre alt geworden ist und am nächsten Samstag in der RTL-Show «Das Supertalent» vor dem deutschen Castingpapst Dieter Bohlen um den Sieg und ein Preisgeld von 100'000 Euro spielen wird. Wegen des «Wunderkinds», wie er allenthalben tituliert wird, das die Juroren mit Mozarts Sonaten zum Jubilieren bringt – obwohl seine Hände noch zu klein sind, um Akkorde zu greifen.
Rickys Vater Tony Kam spielt selbst Klavier und auch Geige und Flöte. Als er jung war, habe sein Musiklehrer gewollt, dass er Musik studiert, erzählt er. Seine Eltern und er selbst hielten Medizin für die bessere Wahl. Vor 25 Jahren ist er aus Peking in die Schweiz gekommen, in Bern führt er eine Praxis für chinesische Medizin. Dort hat er vor 13 Jahren Kathrin, die Mutter von Ricky und seinen zwei älteren Brüdern, kennen gelernt. Kathrin Kams musikalische Erfahrung erschöpft sich in einem dreijährigen Blockflöte-Intermezzo zu Grundschulzeiten, sie sei «nicht sehr gut» gewesen, sagt sie.
Schon als Zweieinhalbjähriger musikalisch
Ricky wurde von seinen Eltern für die Talentshow angemeldet. Nicht, weil sie hofften, dass er gewinne, beteuern sie beiden, darum gehe es ihnen nicht. Sondern einfach, weil sie der Welt zeigen wollten, welch Potenzial in ihrem jüngsten Sohn steckt. Dass Ricky überaus musikalisch ist, habe sich sofort gezeigt, als er sich als Zweieinhalbjähriger zum ersten Mal an den Flügel setzte. Ricky habe das absolute Musikgehör, sagt der Vater und ruft seinen Sohn herbei, um flugs den Beweis anzutreten. Er schickt Ricky vor die Tür und spielt auf dem Klavier einen Ton. «E», ruft Ricky aus dem Gang. Korrekt. Dann spielt Tony Kam drei Töne nacheinander, «E – H –G», ruft Ricky. Wieder richtig.
Ricky brauche eine Melodie zwei, drei Mal zu hören, dann spiele er sie nach, sagt der Vater. Sogar blind könne er spielen. Auch das will umgehend demonstriert sein. Er streift dem Sprössling eine Augenbinde über. Ricky sieht nichts und spielt doch fast ohne Fehler eine Passage von Mozarts Piano-Sonate in C-Dur. Ricky könne aber auch schon sehr gut Noten lesen, sagt Tony Kam, nimmt ihm die Augenbinde ab und drapiert ein Notenblatt auf dem Flügel. Nun spielt Ricky ab Blatt. Warum ist Ricky derart gut? «Weil ich übe, übe, übe», sagt der Sechsjährige.
«Alles, um Rickys Talent zu fördern»
Wenn Tony Kam nicht arbeitet, ist er bei seiner Familie. Und wenn er Mittag macht in seiner Praxis, ruft er jeden Tag zu Hause an. Seine Frau Kathrin geht dann ans Telefon, schaltet den Fernsprech-Modus ein und legt das Telefon auf das Klavier. «Ich bin so müde, spiel mir was vor», sagt Tony Kam dann jeweils durchs Telefon, und dann setzt sich der kleine Junge an den grossen Flügel und spielt Mozart oder Beethoven. Der Vater lauscht und weist seinen jüngsten Sohn auf Fehler hin. Wenn Tony Kam abends nach Hause kommt, übt er zusammen mit Ricky. «Wir machen alles, um Rickys Talent zu fördern. Das ist unsere Pflicht», sagt er. Wenn Ricky am Flügel spiele und er ihn auf der Geige begleite, dann sei er glücklich, sagt der Vater.
Rickys Brüder heissen Mike und Charly. Mike ist acht, Charly bald zehn Jahre alt. Alle drei Buben sind gut in der Schule, das Lernen fällt ihnen leicht, und alle drei spielen sie Klavier. Doch während Mike sagt, er spiele mittelmässig gut, und Charly sagt, er spiele mittelmässig gern, sagen die Eltern, Ricky sei es nie zuwider, Klavier zu spielen. Für sie sei das «unbegreiflich», sagt Kathrin Kam, «es verleidet ihm einfach nie». Wenn sie aus den Ferien heimkämen, renne Ricky gleich zum Flügel. Ist das der Mutter nicht manchmal etwas unheimlich – ein Sechsjähriger, der immerzu Klavier spielen will? Nein, sagt sie, denn abseits von den Tasten sei Ricky «das normalste Kind der Welt». Er komme gut an im Kindergarten, habe keine Probleme, sich in Gruppen einzufügen. Er spiele gerne Federball und schwimme gern, sagt Ricky, «ohne Flügeli und ohne Ring».
«Phänomenales Gehör, phänomenales Gedächtnis»
Ricky spielt Sonaten von Tschaikowsky und Chopin, von Beethoven und Mozart. Sein Bruder Charly, der lieber Handball spielt, sagt: «Ich bin schon stolz auf Ricky.» Er werde in der Schule oft auf seinen kleinen Bruder angesprochen. Er selbst, sagt er, würde sich wohl nicht getrauen, vor so vielen Leuten zu spielen. Und Ricky? Ist er nervös vor dem grossen Auftritt am Sonntag? «Nein», sagt der seelenruhig, «ich bin nie nervös». Welches Lied Ricky am Sonntag darbieten wird, darf die Familie auf Geheiss des deutschen Privatsenders nicht verraten. Ricky werde «sein Lieblingslied» spielen, verrät der Vater, ein «berühmtes Lied» von einem «berühmten Komponisten». Ricky hat nicht zugehört, als der Vater das gesagt hat, also sei der Versuch gewagt, den Knaben auszuhorchen: «Ricky, welches ist dein Lieblingslied?» «Ich könnte es schon sagen. Aber ich sage es nicht», sagt der Bub und lacht verschmitzt. Ricky spielt dieses Spiel ebenso souverän wie Mozarts Sonaten.
Seit Kurzem nimmt Ricky auch beim Klavierlehrer Albert Sidler Unterricht. «Ich bin nicht sicher, ob Mozart in Rickys Alter fähig gewesen wäre, so zu spielen», sagt der. Ricky habe «ein phänomenales Gehör» und «ein phänomenales Gedächtnis». So etwas habe er in den über dreissig Jahren, in denen er unterrichtet, noch nie erlebt. Ricky sei schon mit sechs Jahren ein «ganz eigener künstlicher Anspruch» inhärent. Er spiele Passagen von sich aus zehn, fünfzehn Mal, bis er zufrieden sei. «Er will selbst, dass es perfekt tönt.» Verblüffend sei auch, wie Ricky bereits fähig sei, «die Gefühlsinhalte der Musik zu transportieren». Ricky spiele auch schon eigene, kleine Improvisationen. Es sei für ihn «ein Vergnügen», «ein Glück», Ricky beim Spielen zuzuhören. Ja, Ricky sei «ein Grund zum Staunen, was die Natur manchmal für Ausnahmen macht».
Zwei Berner im Rennen
Ricky wird nicht der einzige Berner sein, der in der Finalsendung am Sonntag in die Tasten greift. Der 23-jährige Jörg Perreten aus Gstaad, tätowiert und mit rot gefärbtem Kamm geschmückt und mit dem Label «Punk-Pianist» versehen, ist am Samstag im zweiten Halbfinale wie zuvor Ricky ins Finale gewählt worden. Der Basler Piero Esteriore dagegen schied aus. Eine CD wird es in nächster Zeit nicht geben von Ricky. Er solle im Sommer ganz normal zur Schule gehen, sagen die Eltern. Er werde viellicht künftig zwei, drei Mal pro Jahr auftreten, aber nicht häufiger. Wenn er acht Jahre alt ist, wird Ricky an renommierten internationalen Wettbewerben teilnehmen können. Bis dahin übt er weiter. Seit kurzem unterrichtet der Vater den Sohn auch an der Geige. (Der Bund)
Erstellt: 12.12.2011, 09:04 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
1 Kommentar
Bern
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Bitte warten




