Bern
«Es scheint sich um eine Katastrophe zu handeln»
Von Walter Däpp. Aktualisiert am 14.04.2012 1 Kommentar
Die «New York Times» titelte auf ihrer Frontseite «Titanic sinks four hours after hitting iceberg». Der «Daily Mirror» schrieb von einem «Desaster to the Titanic». Und auch der «Bund», damals immerhin schon im 63. Jahrgang, war dabei: Seine erste Kurzmeldung in der Dienstagmorgenausgabe des 16. April 1912 trug den diskreten Titel «Unglückliches Dampfer-Debut» und lautete so: «New York, 15. d. Ein Telegramm aus Montreal meldet, der Dampfer Virginian habe ein Radiotelegramm gesandt mit der Anzeige, der Dampfer Titanic sei auf eine Eisbank aufgelaufen und gesunken.»
Und: «Nach einer Depeche von Kap Race haben die Dampfer Baltic und Olympic durch drahtloses Telegramm die Aufforderung erhalten, der Titanic zu Hilfe zu eilen. Die letzten von der Titanic auf der Virginian erhaltenen Funktelegramme waren verstümmelt und hörten plötzlich auf.»
«Auf Eisberge geraten»
Im Abendblatt des 16. April berichtete der «Bund», es scheine sich «um eine eigentliche Katastrophe zu handeln, bei der weit über 1000 Menschen das Leben eingebüsst haben». Die Titanic sei am Mittwoch zuvor «von Southampton an der englischen Südküste abgefahren, hat in Cherbourg noch Passagiere aufgenommen und dann ihre erste Fahrt nach New York angetreten». Doch: «Unterwegs scheint die Titanic auf Eisberge geraten zu sein, von denen auch andere Schiffe berichteten.»
Die vom Unglück betroffene englische Gesellschaft White Star Line, die sich «eines guten Rufes erfreute», gebe zu, dass beim Schiffbruch viele Menschen umgekommen seien: «Die Olympic berichtet, der Dampfer Carpathia habe bei Tagesanbruch an der Stelle, wo sich die Titanic befunden hatte, nur Boote und Trümmer gefunden.» Die Titanic sei um 2.10 Uhr gesunken. 675 Personen seien gerettet worden, sowohl Passagiere wie auch Leute der Besatzung. Die meisten geretteten Reisenden seien Frauen und Kinder. «Wie wir erfahren», schrieb der «Bund», «müssen auf dem unglücklichen Schiff, das bekanntlich das grösste und schönste der Gesellschaft war und seine erste Meerfahrt machte, auch etwa ein Dutzend Schweizer gewesen sein.» In der Abendausgabe des 17. April konnte der «Bund» von einem Telegramm aus New York (an die Hauptagentur Imobersteg u. Cie. in Basel) berichten, wonach sich «auch «das Frl. Bertha Lehmann aus Lotzwil unter den Geretteten befinde».
«Ein Versinken ist unmöglich»
Laut «Nachrichten aus Halifax» sollen die Passagiere beim Zusammenstoss der Titanic mit dem Eisberg «den Eindruck gehabt haben, der Dampfer habe ein anderes Schiff angerannt». Doch Kapitän Edward John Smith habe «die Kaltblütigkeit nicht verloren»: «Da er den Ernst der Lage sofort erkannte, liess er durch Funkmeldungen Hilfe erbitten und war inzwischen auf die Aufrechterhaltung strengster Disziplin an Bord bedacht.»
Als «überaus kaltblütiger Mann» wurde auch bereits der junge englische Telegraphist Jack Philipps gerühmt, der laut Aufzeichnungen der Marconi-Station auf Cap Race um 22.55 Uhr signalisiert habe: «Wir sinken mit dem Vorderteil des Schiffes.» Die letzten Signale der Titanic seien um «12 Uhr 27 Min.» eingetroffen. An seine Angehörigen soll der Telegrafist kurz zuvor allerdings gemeldet haben: «Wir fahren langsam gegen Halifax. Ein Versinken des Schiffes ist unmöglich. Beunruhigt euch nicht.»
«Help, help, hurry, hurry!»
Am 18. April rühmte der «Bund» den Telegrafisten erneut: «Ein wirklicher Held, der den drahtlosen Telegrafenapparat auf der Titanic bediente und auf seinem Posten bis zum Tode heldenmütig ausgeharrt hat. Zwei Stunden lang hat dieser wackere junge Mann in einem fort die Worte: ‹Help, help, hurry, hurry!› nach allen Richtungen auf den Ozean hinaus telegraphiert. In weiter Ferne vorbeifahrende Schiffe vernahmen diese geheimnisvollen Zeichen aus dem Dunkel der Nacht, und an der amerikanischen Küste registrierten die Marconi-Stationen die Unglücksbotschaft. Von allen Seiten eilten die Schiffe mit grösster Dampfkraft nach der Unglücksstätte.»
In der Morgenausgabe des 17. April berief sich der «Bund» auf englische Quellen, als er «die Agonie des Schiffes» beschrieb: «Verzweifelte Anstrengungen wurden gemacht, das Schiff an die nächste Küste (nach Kap Race in Neufundland) zu schleppen, aber Kiel und Bug waren zerschmettert. Die Kollision trat ein, als sich die Passagiere Sonntag Abends zur Nachtruhe zurückzogen. Die drahtlosen Alarmsignale erreichten eine Menge von Fahrzeugen, die um die Wette der Unfallstelle zu eilten.» Das prachtvolle Schiff habe über vier Stunden lang gegen den Untergang gekämpft: «Es muss das eine furchtbare Nacht gewesen sein. Man habe zuerst versucht, vor allem Frauen und Kinder zu retten. Es wird aber schliesslich in dem entsetzlichen Kampf ums Dasein, das heisst um die Rettungsboote wohl, wie gewöhnlich in solchen Fällen, alles drunter und drüber gegangen sein.»
Schwimmende Eisberge tauchten «in der gegenwärtigen Jahreszeit» übrigens besonders häufig auf: «Man sieht sie wie weisse Nebelgestalten auf den Fluten von Norden nach Süden daherziehen. Die Begegnung mit einem solchen Koloss, der hundert und mehr Meter lang sein kann, ist schon manchem Schiff verhängnisvoll geworden.»
Über das «Treiben der Eisberge» zitierte der «Bund» am 17. April auch Prof. Baschin – aus dem «Berliner Tageblatt»: «Besonders gefährlich für die Schifffahrt sind solche Eisberge, deren Wände sich nicht senkrecht nach unten hin fortsetzen, sondern die einen weit nach den Seiten hin ausladenden untermeerischen ‹Fuss› haben, auf den ein Schiff wie auf ein Felsenriff auffahren kann. Denn die Masse der Eisberge ist so gross, dass sie sich in dieser Beziehung wie festes Gestein verhalten.»
Kritik an Reportern
Am 19. April berichtete der «Bund», wie die Carpathia mit Geretteten, Verletzten und Toten an Bord im New Yorker Hafen von etwa 10'000 Menschen «im tiefsten Schweigen» empfangen wurde. Kritisiert wurden aber «die amerikanischen Reporter», denen «nichts ihr Geschäft verleiden» könne: «Am Donnerstagmorgen mieteten sie sich einen Dampfer oder vielmehr mehrere Dampfer, und auf diesen fuhren sie in den kalten, nassen und nebligen Morgen der Carpathia entgegen. Die Journalisten fuhren mit ihrem Schiff an die Carpathia heran, mit der Absicht, an Bord zu steigen. Der Zutritt wurde ihnen verweigert und schliesslich mussten die Reporter unverrichteter Sache abziehen. Durch Megaphone schrien sie dann den Fahrgästen Fragen zu. Diese waren aber zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie auf die Aussenwelt achten sollten. Das einzige, was sie zu hören bekamen, war: ‹Wartet, bis wir an Land sind.›»
Heftig diskutiert wurden die hohe Fahrgeschwindigkeit der Titanic beim Zusammenstoss mit dem Eisberg und die ungenügende Zahl der Rettungsboote: «Obschon die Schiffe immer grösser werden, so sind die Vorschriften dieselben geblieben, so dass ein Fahrzeug von 50'000 Tonnen nicht mehr Rettungsboote braucht als eines von 10'000 Tonnen.»
Am 20. April wurde aus der «Frankfurter Zeitung» der Augenzeugenbericht des Baslers Max Stähelin zitiert: «Es gingen etwa 16 oder 18 Boote mit je 50 oder 60 Personen ab. Als wir abstiessen, schien die Aufregung an Bord, wo es bisher ruhig zugegangen war, grösser zu werden. Es wurden beständig Raketensignale abgegeben und es herrschte ein grosses Durcheinander. Wir fuhren drei bis vier Stunden in schneidender Kälte umher, bis die Carpathia uns und die anderen aufnahm.»
Der Kapitän und das Kind
Das Gerücht, wonach sich Kapitän Smith «auf der Kommandobrücke durch eine Kugel ums Leben gebracht hat, als er sein Schiff verloren sah» («Bund» vom 19. April 1912), wurde später widerrufen: Smith habe sich vielmehr als Held verhalten und bis zuletzt auf der Brücke ausgeharrt. Am 25. April schilderte dies ein Heizer so: «Als das letzte Boot flott gemacht wurde, brach das Wasser über die Brücke herein. Der Kapitän, der schon bis an die Knie im Wasser stand, rief aus: ‹Jungens, ihr habt eure Pflicht getan. Ich verlange nichts mehr von euch. Ihr kennt das Gesetz der See: Jedermann stehe gut für sich selbst! Gott segne euch!› Dann nahm er ein weinendes Kind, das auf der Brücke neben ihm stand, auf den Arm und sprang ins Meer. Ein Geretteter bestätigt die Aussage des Heizers; er habe den Kapitän mit einem Kind unter dem Arm schwimmend gesehen. Smith habe das Kind an ein Boot gebracht, sich aber geweigert, selbst in das Boot zu steigen.»
Am 19. April druckte auch der «Bund» eine ausführliche «Erklärung der Überlebenden der Passagiere der Titanic» ab: «Wir halten es für unsere Pflicht, zur Verhinderung der Veröffentlichung übertriebener Meldungen der Presse folgende Erklärung über die Tatsachen, die zu unserer Kenntnis gelangt sind und die wir für wahr halten, zu übermitteln: Sonntag den 14. April 1912, um 11 Uhr 40 Minuten, bei kalter, sternenklarer Nacht, stiess das Schiff auf einen Eisberg, der durch die Schiffswache vom Mast aus signalisiert worden war. Doch kam das Signal zu spät, um einen Zusammenstoss zu verhindern (...).»
«Eine unruhige Woche»
In der Sonntagausgabe des 21. April 1912 befasste sich der «Bund»-Leitartikler mit der Titanic-Katastrophe – unter dem lapidaren Titel «Eine unruhige Woche»: «Sie hat schlecht angefangen, die dritte Aprilwoche des Jahres 1912», kommentierte er, «die weite Fläche des Ozeans hallte wider von Wehrufen ertrinkender Menschen, die sich auf dem modernen Riesenpalast der Titanic so wohl geborgen wähnten wie in den vier Wänden ihres Hauses, und weit in der Runde wurden die Dampfer aufgeschreckt durch verzweifelte Hilferufe, die ihnen die wunderbare Entdeckung Marconis zuleitete.
Sie änderten sofort ihren Kurs und fuhren den schwer Kämpfenden zu Hilfe – aber keiner kam zur rechten Zeit, und so musste das prachtvolle Schiff hinunter auf den Grund des grausamen Meeres, und 1565 Menschen mit ihm. (...) Es ist eines der schrecklichsten Ereignisse, die die Welt noch erlebt hat; neben ihm verblasst alles, was sonst die Politiker in den letzten Tagen in Unruhe versetzt hat.» (Der Bund)
Erstellt: 14.04.2012, 12:16 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
1 Kommentar
ein artikel in der printausgabe berichtet vom stolz auf die titanic, der zurückgekehrt sei. warum stolz auf diesen qualm, den man daneben abgebildet sieht? auf hoher see wird bis heute mit schweröl (viel mehr co2 etc.) gefahren. und die qual, die der krach der schiffsschrauben die meerestiere erleiden lässt, ist um ein vielfaches grösser als das leiden der grausam ertrunkenen. Antworten
Bern
Alles für Abonnenten und Abonnentinnen
Laden Sie sich Ihr ePaper auf Ihren Computer und blättern Sie gratis und ab 5 Uhr früh in Ihrem "Bund".
FÜR MEHR «YESSS!» IM ALLTAG!
Erfahren Sie, wie unsere Services das Leben erleichtern. Jetzt Videos schauen: search.ch/diego
Flugpreise vergleichen
Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Bitte warten



























