Bern
Es kommt die Zeit, uuoohou . . .
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 21.04.2012
Die Toten Hosen im Dachstock
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Der ist gut: Spielt eine Band, die alle Welt kennt, in einem stickigen Estrich 90 Minuten lang ihre grössten Hits, für einen erlauchten Kreis von 120 Fans. Es gibt keine Bühne, keinen Sicherheitszaun, keine ernst zu nehmende Licht- und Soundanlage und keine Eintrittsgebühr. Alles ist super – bis die Band Feierabend machen will, das Publikum aber den Weg zum Backstage (die Küche) nicht freigibt. Die Musiker stecken die Köpfe zusammen. Nach einigen Sekunden baut sich der Sänger vor den Besuchern auf: «Hier ist der Deal: Wir spielen noch zwei Songs, dann ist wirklich Schluss.» Das Publikum johlt – und lässt nach zwei Songs «nachverhandeln». So spielt sich die Band die Finger wund, bis weit in die Nacht hinein. Genau dies trug sich am Donnerstag an der Schwanengasse zu. In der Hauptrolle: Die Toten Hosen. Ein denkwürdiger Abend.
Der Stoff, aus dem die Märchen sind.
Das Telefon klingelte kurz nach 19 Uhr. Aus der Muschel flüsterte eine verschwörerische Stimme: «Hey, kein Witz. Die Toten Hosen spielen heute im Dachstock. Alles voll geheim.» Im Dachstock der Reitschule ist dann aber – Verzeihung – tote Hose. Und so wartet unsereiner bis 21 Uhr auf den nächsten Tipp, der in die Schwanengasse führt, wo einige Passanten bereits ihre Hälse recken. Aus einem Dachgeschoss dröhnt Punkmusik, und ein Sänger singt die sehr vertrauten Zeilen: «Leg deinen Kopf an meine Schulter, es ist schön, ihn da zu spüren. Und wir spielen Bonnie und Clyde.» Ja, das ist der Stoff, aus dem die Märchen sind.
Konzertdatum kurzfristig rausgelassen
Der Prinz heisst in diesem Fall Bänz Lundsgaard, ist 27-jährig und ein grosser Bewunderer der Toten Hosen. Als diese auf ihrer Homepage unlängst einen Wettbewerb ausschrieben, wurde Lundsgaard kribbelig. Als Hauptpreis winkte ein Konzert. Gemeinsam mit drei Kumpeln bastelte Lundsgaard ein Video und schickte es nach Düsseldorf. 5000 Einsendungen soll die Band erhalten haben. «Wir glaubten keinen Moment daran, dass wir gewinnen könnten», sagt Lundsgaard. Umso überraschter war er, als er Mitte März am Sonntagabend den «Tatort» schaute – und den Anruf des Bandmanagers erhielt. Wie aber ist es möglich, so ein Konzert so lange geheim zu halten – gerade im Zeitalter von Facebook und Twitter? «Wir haben unseren Freunden eingeschärft, dass sie nichts weitersagen dürfen. Und das genaue Datum haben wir erst ganz kurzfristig rausgelassen», erklärt Lundsgaard. «Es hat prima geklappt.»
Das täglich Brot der Punks
Es ist tatsächlich ein eingeschworener Kreis, der sich am Donnerstagabend im Estrich an der Schwanengasse austobt. Mal abgesehen vom Kamerateam des Schweizer Fernsehens. Dieses ist auf Einladung des Bandmanagers hier und setzt sich in «Embedded Journalism»-Manier den Gefahren von Schlägen, Tritten und umstürzenden Boxentürmen aus. So sympathisch es ist, dass Campino und seine Punkrock-Superstars auf ihre alten Tage nochmals die kleinen Clubs, Garagen und Dachböden bespielen – ganz ohne Hintergedanken geschieht dies wohl nicht. Zwar füllen sich die Herren hier nicht die Bandkasse, doch sie tun auf jeden Fall etwas für ihr Image und damit ihren Marktwert.
«10 vor 10» berichtete gestern ausführlich über die Show, der «Blick am Abend» widmete ihr die Titelseite, die inländischen Newsplattformen verzeichneten Rekordquoten. Und ja, auch der «Bund» kann sich eine kleine Reportage nicht verkneifen. Ob die Aufmerksamkeit bei einem regulären Konzert im Stade de Suisse ähnlich gross gewesen wäre? Man darf zweifeln. Aber klar, es ist müssig, Punks vorzuwerfen, sie verstünden es, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Selbstvermarktung ist ihr täglich Brot.
Und überhaupt: Als das Konzert vorüber ist und die letzte Bierdose geleert, verkrümeln sich die Toten Hosen nicht ins Hotel. Nein, sie schmeissen sich auf die Matratzen in Bänz Lundgaards WG und sitzen am nächsten Morgen um 8 Uhr im Wohnzimmer. Zum Frühstück. (Der Bund)
Erstellt: 21.04.2012, 10:21 Uhr
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