Er redet im sanften Ton und fordert eine strenge Politik
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 07.10.2011 1 Kommentar
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Christian Wasserfallen möchte den Ständeratssitz für seine Partei zurückerobern. Es brauche nicht nur die ungeteilte bürgerliche Standesstimme, sagt er, «es braucht auch eine Stimme aus der Stadt». Damit grenzt er sich von den beiden Amtierenden ab, die vom Oberland auf Bern herunterschauen. Was aber heisst städtische Politik für ihn? Man fragt ihn das auf dem Weg vom Hauptbahnhof zur Reitschule.
Am liebsten im Stadion
Der Bahnhof müsse unbedingt erweitert werden, sagt er. Klar, das fordern auch die Linken. «Nur wollen die am liebsten jeden Parkplatz in der Stadt aufheben, das sehe ich völlig anders.» Städtisch heisst für Christian Wasserfallen auch, dass eine Stadt Ordnung hält. Deshalb hat er jede Initiative gegen die Reitschule unterstützt, deshalb hält er nichts davon, diese mit Steuergeldern zu unterstützen. Gegen das kulturelle Angebot hat er nichts, auch wenn es ihm nicht zusagt, aber «das politische Engagement und die Gewalt» finde er indiskutabel.
Welche Kultur steht ihm am nächsten? Wasserfallen erwähnt Stadttheater und Sinfonieorchester. Am allerbesten gefallen hat ihm das Konzert von AC/DC im Stade de Suisse. Sowieso ist seine liebste Kultur der Sport, Eishockey und natürlich Fussball. Unvergesslich die orange Woche von Bern, als die Holländer während der EM die Stadt überfluteten und Christian Wasserfallen ihr Spiel gegen Frankreich sah. Unvergessen auch das parteiübergreifende Engagement für die öffentliche Übertragung der Spiele, das ihn heute noch freut.
Keine Angst vor Unpopularität
Weiter durch die Altstadt in Richtung Rathaus, vorbei an langweiligen Wahlplakaten, am langweiligsten die Plakate seiner eigenen Partei: dürre, humorlose Sätze, darunter ein Bekenntnis zur Schweiz, das sich liest wie eine Anbiederung an die SVP. Dem Freisinn drohen im Herbst bis zu sieben Sitzverluste. «Eine solche Niederlage wäre ein Desaster», sagt der Kandidat, «vor allem für die Jungen in der Partei.» Diese seien voller Elan, «wir müssen alle unsere Linie noch konsequenter nach aussen vertreten.» Er klingt wie ein Manager, der seinen Bankrott zur Kommunikationspanne umdeutet.
Immerhin hat er keine Angst vor unpopulären Haltungen. Ja, die Schweiz könne wegen der Versorgungssicherheit nicht plötzlich auf die Atomenergie verzichten, sagt er, wobei er sich im Nationalrat, der Partei zuliebe, bei der Ausstiegsfrage der Stimme enthielt. Nein, der Flugzeugkauf der Armee müsse nicht vom Volk bewilligt werden. Dass Parteien und Politiker bei grösseren Spenden die Urheber nennen sollen: Damit kann er leben, wenn auch widerwillig. Er hat es selber auf seiner Webseite teilweise getan. Für den Wahlkampf hat er 63'000 Franken budgetiert. 25'000 davon zahlt er selber, der Rest kommt von seiner Partei (13'000) und ein paar Sponsoren. Damit habe er zeigen wollen, sagt er, dass die herumgebotenen Wahlkampfsummen weit übertrieben seien. «Und sowieso hat nicht die Wirtschaft den grössten Einfluss auf die Schweizer Politik, sondern die Verwaltung.» Er selber arbeitet nur noch zu zwanzig Prozent als Maschineningenieur. Dennoch besteht er auf dem Prinzip Milizparlament; nur das, sagt er, garantiere die nötige Nähe zur Bevölkerung.
Ein wenig angestrengt
In seinen Inseraten empfiehlt sich der Kandidat mit einem Wörterbuch in der einen Hand und einer Sparlampe in der anderen, die unglücklicherweise an eine Klobürste erinnert und auch bei «Giacobbo/Müller» für Spott gesorgt hat. Wasserfallen bedankte sich dafür auf seiner Webseite, klang dabei aber etwas angestrengt. Dasselbe gilt für seine eigenen Videoeinspielungen; sie sollen Dynamik vermitteln, sehen aber ziemlich bieder aus.
Sein Vater, das Vorbild
Im Gespräch wirkt er herzlich und völlig unkompliziert, er hat Humor, er kann auch mit Kritik umgehen. Aber wenn er von der Politik redet, klingen manche Formulierungen gestanzt, und seine Rhetorik hat etwas Altkluges. «Er tönt noch viel älter als ich», kommentiert einer seiner Konkurrenten, der SP-Mann Hans Stöckli. Der nimmt den jungen Freisinnigen als hyperaktiv und engagiert wahr, aber auch widersprüchlich: «ein offener Typ, der extreme Ansichten vertritt».
Die Formulierung des Rivalen erinnert an einen Politiker, der die Stadt jahrelang und den jungen Wasserfallen sein Leben lang prägte. Nämlich den alten Wasserfallen, Christians Vater und Vorbild, dessen Krebstod vor fünf Jahren den Sohn in eine Krise stürzte. Starke Väter provozieren bei ihren Söhnen oft Widerstand, bei ihm passierte das Gegenteil. Wie ist diese Nähe zu erklären? Auch er sei «ein politischer Überzeugungstäter», gibt er zurück. Gegen seine Eltern habe er sich nie auflehnen müssen, weil er dieselben Werte vertrete. «Auch hat mich mein Vater darin überzeugt, eine klare Meinung zu haben.» Er selber werde als Hardliner gehandelt, «aber das ist für mich ein Kompliment». Er lacht sein Bubenlachen: strenger Politiker, gewinnender Mensch. (Der Bund)
Erstellt: 07.10.2011, 08:59 Uhr
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1 Kommentar
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