Entschleunigte Stadt
Von Lisa Stalder. Aktualisiert am 16.08.2011 12 Kommentare
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SP will Tempo 30 auf Hauptstrassen
Was in Köniz bereits Tatsache ist, soll auch in Bern möglich werden: Tempo-30-Zonen auf Hauptstrassen. In einer Motion fordert die SP-Fraktion des Berner Stadtrats vom Gemeinderat, ein Konzept zu erarbeiten, das aufzeigt, auf welchen Berner Hauptstrassen Tempo-30-Zonen eingerichtet werden könnten. Die Motionäre rennen damit offene Türen ein: Wie Gemeinderätin Regula Rytz (GB) sagt, soll die Einführung von Tempo 30 auch auf Hauptstrassen geprüft werden (siehe Haupttext). Der Stadtrat befindet am Donnerstag über die Motion.
Die SP stützt ihre Forderung auf einen Bundesgerichtsentscheid vom letzten September: Damals wurde eine Beschwerde der Berner Sektion des Touring-Clubs Schweiz (TCS) abgelehnt. Sie wollte verhindern, dass die Ortsdurchfahrt Münsingen zur Tempo-30-Zone wird. Das Bundesgericht fand, dass Tempo 30 an dieser Stelle den Verkehrsfluss verbessern würde.
Der TCS finde es nach wie vor nicht sinnvoll, Tempo-30-Zonen auf Durchgangsstrassen zu errichten, sagt Christoph Erb, Präsident der TCS-Sektion Bern. Der TCS stelle ein grosses Fragezeichen hinter die Verkehrssicherheit. Denn durch das Fehlen von Fussgängerstreifen sei oft unklar, wer Vortritt hat. In «typischen Wohnquartieren» habe der TCS aber nichts gegen Tempo-30-Zonen und Begegnungszonen einzuwenden. In einer Mitteilung wehrt sich die Plattform für Mobilität und Planung Bern gegen die Pläne der SP: Das Begehren verursache unnötige Kosten und sei «rein ideologisch motiviert».
Es ist schon lange kein Geheimnis mehr: Bernerinnen und Berner sind langsam. So haben Sprachwissenschaftler der Universität Bern herausgefunden, dass Berner langsamer sprechen als zum Beispiel Walliserinnen oder Zürcher. Auch die Hypothese der physischen Langsamkeit konnte bestätigt werden: Eine Forschergruppe der englischen Universität Hertfordshire hatte das Fussgängertempo in 32 Städten der Welt untersucht – Bern landete vor Malawi und Bahrain auf dem drittletzten Platz. Die Bernerinnen und Berner sind aber nicht nur zu Fuss eher gemächlich unterwegs, sondern auch mit dem Auto. Dies allerdings nicht, weil sie nicht wüssten, wie das Gaspedal zu bedienen ist. Nein, sie dürfen nicht schneller. Der Grund: Bern ist die Stadt der Tempo-30-Zonen. In keiner anderen Schweizer Stadt sind so viele Strassenabschnitte verkehrsberuhigt wie in Bern.
«Pragmatische» Umsetzung
Dieser Umstand hat dazu geführt, dass die Stadt Bern in Artikeln und Studien immer wieder als Pionierin in Sachen Verkehrsberuhigung bezeichnet wird. Vor knapp zwei Jahren erhielt die Bundesstadt zudem den Umweltpreis vom Verkehrs-Club der Schweiz und von der Umweltorganisation WWF. Diese hatten 24 Gemeinden im Kanton verglichen. Bern schnitt nicht zuletzt im Bereich «Mobilität» sehr gut ab, was auf die Tempo-30-Zonen zurückzuführen war.
Der Blick ins Archiv zeigt, dass Bern zwar nicht die erste Schweizer Stadt war, in welcher Tempo-30-Zonen eingeführt wurden – Winterthur war einen Tick schneller. Dafür entschied der Gemeinderat Anfang der 1990er-Jahre, Tempo-30-Zonen gleich flächendeckend in den Wohnquartieren einzuführen. Das Motto damals lautete: «Rollen statt Rasen». Das erste Quartier, das zum Zug kam, war die Länggasse im Jahr 1993; in den anderen Stadtquartieren wurde das neue Verkehrsregime in den darauffolgenden Jahren umgesetzt. Als letztes Quartier folgte der Mattenhof. Hier wurde die Einführung von Tempo 30 lange durch eine Beschwerde des Automobil-Clubs der Schweiz (ACS) blockiert. Heute gelte das Tempo-30-Regime auf über 90 Prozent der Quartierstrassen in Wohngebieten, sagt Regula Rytz (GB), Direktorin für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün. Es gebe nur noch wenige Löcher, die in naher Zukunft gestopft werden sollen; so stünden Anpassungen auf Teilen der Morillonstrasse, der Schlösslistrasse oder der Tiefenaustrasse an.
Laut Gemeinderätin Rytz besteht die Pionierleistung Berns vor allem darin, dass die Einführung der Tempo-30-Zonen «pragmatisch und flexibel» verlief. Es seien nicht erst aufwendige Vorabklärungen durchgeführt worden. Die Stadt habe das Verkehrsregime umgesetzt und dann laufend kontrolliert, wo es Nachbesserungen brauche. Durch dieses unkomplizierte Vorgehen hätten nicht zuletzt die Kosten gesenkt werden können, sagt Rytz. Insgesamt wurden in den 1990er-Jahren rund zwei Millionen für diese Verkehrsberuhigungsmassnahmen ausgegeben.
Initiative aus Bevölkerung
Zugenommen hat in der Bundesstadt auch die Anzahl an Tempo-20-Zonen, sogenannten Begegnungszonen. Insgesamt 65 solcher Zonen gibt es mittlerweile auf Quartierstrassen. In der Stadt Zürich sind es knapp 50. Dazu kommen die zwei «Flanierstrassen» in der unteren Altstadt sowie in der Mittelstrasse. Es ist davon auszugehen, dass weitere folgen werden. Denn soll eine solche Zone eingerichtet werden, braucht es die Initiative der Bevölkerung: Ist eine Mehrheit der Anwohner dafür, dass ihre Strasse zur Begegnungszone umgestaltet wird, kann bei der Stadt ein Gesuch eingereicht werden. Die Umgestaltung in eine Begegnungszone kostet die Stadt rund 20'000 Franken.
Sie sei stolz auf das, was in Bern bisher habe erreicht werden können, sagt Regula Rytz. «Doch wir dürfen nun trotzdem nicht stehen bleiben.» Ein weiterer Schritt sei daher, die Einführung von Tempo 30 auch auf den Hauptstrassen zu prüfen (siehe auch Box oben links). Ein solches Unterfangen sei allerdings nur möglich, wenn die Strassen grossflächig umgebaut würden. Deshalb könne dies nur im Zusammenhang mit einer grossen Sanierung geschehen, so Rytz.
Vorzeigestück: Zentrum KönizWas sich Gemeinderätin Regula Rytz für die Stadt Bern wünscht, hat die Nachbargemeinde Köniz bereits umgesetzt. Seit 2005 gilt auf einem 300 Meter langen Abschnitt auf der Schwarzenburgstrasse – einer Kantonsstrasse – im Ortszentrum Tempo 30. Die Fussgängerstreifen wurden aufgehoben, in der Mitte der Fahrbahn ein zwei Meter breiter Mehrzweckstreifen eingerichtet, der das Queren erleichtert. Die zuständige Gemeinderätin Katrin Sedlmayer (SP) spricht von einer «Erfolgsgeschichte». Eine unter der Federführung des Kantons durchgeführte Analyse habe gezeigt, dass die Unfälle auf diesem Abschnitt um ein Drittel abgenommen hätten. Auch sei deutlich geworden, dass der Verkehr viel besser fliesse als damals, als bei jedem Fussgängerstreifen angehalten werden musste. Bernmobil könne dies bestätigen: Seit der Einführung des neuen Verkehrsregimes habe die Fahrzeit durch das Zentrum abgenommen. Auch die Bevölkerung sei mit der Tempo-30-Zone sehr zufrieden. Die anfängliche Skepsis sei mittlerweile verflogen, sagt Sedlmayer: «Würden wir wieder einen Fussgängerstreifen auf den Boden malen, gäbe das einen Aufruhr.»
Die Tempo-30-Zone in Köniz ist zum regelrechten Vorzeigeobjekt geworden. Regelmässig kommen Delegationen aus der Schweiz, aber auch aus dem nahen Ausland in die Gemeinde, um sich das Bauwerk anzuschauen. Der nächste Besuch ist für den 20. September vorgesehen: Dann will sich ein Wiener Architekturbüro im Könizer Zentrum umsehen. (Der Bund)
Erstellt: 16.08.2011, 08:16 Uhr
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