Engel brauchen Platz zum Fliegen

Sie sind Rekord-Schweizermeister, zweifache Europameister und sie sind Berner. Trotzdem müssen sich die Frisbee-Sportler der Flying Angels in ihrer Heimatstadt mit schwierigen Trainingsbedingungen abfinden.

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12 Spieler stehen sich auf dem Rasen in der Schönau gegenüber. Ein drahtiger Blonder tritt vor und schleudert mit aller Kraft einen Frisbee in die gegnerischen Reihen. «Go team», brüllt er noch in der Bewegung und stürmt der Scheibe hinterher – das Spiel ist eröffnet.

Ein Spieler fängt den Frisbee im Flug ab und lanciert mit flinkem Kurzpass den Gegenangriff. Doch die Verteidiger sind zur Stelle und bauen ihre Mann-Deckung auf. Ist ein Spieler im Scheibenbesitz, darf er nicht mehr laufen: Um abzuspielen, wirbelt er deshalb im Sternschritt um die eigene Achse. Seine Mitspieler schlagen derweil Haken, bemüht, sich freizulaufen.

«Ein bisschen wie Football», hört man mitunter, wenn die Leute hierzulande über Ultimate-Frisbee sprechen. Wenige Leute haben eine exakte Vorstellung vom Sport mit der Scheibe und auch die Flying Angels dürften lange nicht allen Bernern ein Begriff sein. Dabei ist der Stadtklub für Berner Verhältnisse rekordverdächtig erfolgreich: Schlappe 13 Mal holte sich das Leistungsteam seit Bestehen der Schweizer-Meisterschaft den Titel. 2010 wurde man zum ersten Mal Europameister, im Folgejahr verteidigte das Team den Titel erfolgreich. Auch am Auffahrtswochenende erreichten die Angels an einem Turnier in Dänemark eine Topplatzierung: Erst im Final unterlagen sie mit 10:11 knapp dem Lokalmatador (Ragnarok), den sie in der Vorrunde noch bezwungen hatten.

Gymnastikraum statt Turnhalle

Rund 150 Mitglieder zählen die Flying Angels, cirka 80 aktive. 20 davon trainieren im Leistungsteam – allesamt Männer. «Eine Frage der Physis», sagt Jan Tenger. Der 31-Jährige ist Präsident der Angels und zugleich Spieler im Leistungsteam. Nebst diesem gibt es gemischte Teams unterschiedlicher Leistungsniveaus, ein reines Frauenteam, Junioren und Masters (Ü 33). Auch in diesem Jahr wollen die Angels die Europameisterschaft gewinnen. Dafür müssen sie vor allem eines: trainieren.

Gerade diesbezüglich ist die Situation in Bern allerdings nicht einfach, wie Tenger sagt – «besonders im Winter nicht.» Dann nämlich sei das Team auf Trainingshallen angewiesen. «Von den vier Hallenzeiten, die wir bis anhin nutzen durften, taugen aber nur zwei für wirklich fürs Training.» Turnier-Rasen sind im Ultimate-Frisbee gleich lang wie im Fussball und halb so breit. Wie Tenger berichtet, misst eine der drei Hallen aber gerade mal 12 auf 17 Meter: «Das ist bös gesagt ein Gymnastikraum». Den Sommer durch wird an vier Abenden trainiert: in der Schönau, auf der Allmend und im Fischermätteli. Diese Plätze seien gut, sagt Tenger.

Er will sich denn auch nicht zu sehr beschweren. Es gebe in Bern schlicht viele verschiedene sportliche Interessengruppen. Was ihn allerdings störe, seien ungenutzte Hallen: «Es gibt Klubs, die die Hallen praktisch auf Vorrat belegen.» Die Angels seien in den letzten Jahren um fast 300 Prozent angewachsen: «Wir mussten um unsere Plätze stets kämpfen.»

Die Angels haben nicht als einziger Stadtklub einen schweren Stand. 2011 konstatierte die Stadt alleine auf den Rasenplätzen 11'000 fehlende Nutzungsstunden. Auch die städtischen Sporthallen entsprechen nicht mehr den heutigen Ansprüchen, wie im Sportkonzept der Stadt festgehalten ist.

Kein Schiedsrichter, keine Strafen

Am Rand des Spielfelds verfolgt Marc das Geschehen – den 20-jährigen Berner schmerzt seine Leiste. Weil er am Wochenende unbedingt an einem Turnier teilnehmen will, beendet er das Training heute frühzeitig. Trotz der Kälte geht er aber noch nicht nach Hause: «Das hat sich bei uns so eingebürgert», sagt er. «Keiner bleibt freiwillig dem Training fern, keiner geht frühzeitig heim.» Entschuldigt seien allenfalls die Legionäre. Tatsächlich spielen im Leistungsteam der Angels nicht nur Berner, Zürcher oder Innerschweizer, sondern auch ein Amerikaner, ein Franzose, ein Italiener und ein Däne. Manche von ihnen reisen fürs Training mehrere Stunden an.

Wohlgemerkt: Kein Spieler der Flying Angels ist Profi – Ultimate-Frisbee ist für sie ein Hobby. «Oder vielleicht doch eher Lebenseinstellung», schickt Marc nach kurzem Überlegen nach und lächelt.

Was ihn denn an diesem Sport fasziniere? «Das Fairplay», antwortet er ohne zu zögern. Etliche seiner Kameraden gaben dieselbe Antwort. Ultimate-Frisbee kennt zwar sehr exakte Regeln, aber weder Schiedsrichter noch Strafen – die Spieler machen Uneinigkeiten und Konflikte untereinander aus. «Grundvoraussetzung ist das Vertrauen, dass keiner je bewusst die Regeln bricht», sagt Tenger. Ob so nicht jedes Spiel zur Diskussion verkomme? «Von den über tausend Partien die ich gespielt habe, sind wir nur zweimal einem Abbruch nahe gekommen,» entgegnet er gelassen.

Entscheidung in der Luft

Auf dem Platz findet der Spieler mit der Scheibe die Lücke und passt einem Mitspieler in den Lauf. Der erwischt den Frisbee gerade noch mit den Fingerspitzen. Gute 30 Meter entfernt von der gegnerischen Endzone, wagt er einen Schuss. «Up!» brüllt seine Deckung und «läng», «läng», die Mitspieler. Der Frisbee fliegt und fliegt, zwei Spieler rasen hinterher. Die Entscheidung in der Endzone fällt in der Luft: Der Angreifer schnappt sich die Scheibe und macht den Punkt.

Der Entscheid über die Trainingsbedingungen der Flying Angels wird nicht auf dem Rasen gefällt. 2011 wurde das Sportkonzept der Stadt Bern verabschiedet. Ob dessen Umsetzung den Druck auf Berns Sportplätze zu lindern vermag, wird sich zeigen müssen. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.05.2012, 11:17 Uhr)

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Die Flying Angels in Brugge

Ultimate Frisbee

Ultimate Frisbee ist ein Mannschaftssport: Zwei Teams (jeweils sieben Spieler) treten gegeneinander an. Ein Punkt wird erzielt, wenn der Frisbee in der gegnerischen Endzone auf einen Pass hin gefangen wird. Es gewinnt die Mannschaft, die zuerst die vereinbarte Zahl an Punkten macht – häufig wird aber auch auf Zeit gespielt.

Dieser Sport kennt weder Schiedsrichter noch Strafen, die Spieler fällen alle Entscheide selber. Nur ein Mann darf den jeweils andern decken, wie etwa beim Football gibt es für Angriff und Verteidigung einstudierte Taktiken. Im Frisbee darf mit der Scheibe allerdings nicht gelaufen werden.

Flying Angels Bern

1984 gründeten die Berner Christian Soltermann und Reto Zimmermann den Berner Frisbee-Klub Flying Angels. Seit 1994 spielen die Angels in der Ultimate-Disziplin auf dem nationalen Parkett an der Spitze mit.

Inzwischen besteht der Klub aus sechs Teams: Neben der Leistungmannschaft (Openteam) gibt es Teams für weniger Fortgeschrittene, für Junioren, ältere Semester und auch eine reine Frauenmannschaft.

Interessierte (Anfänger wie Fortgeschrittene)können montags und donnerstags an Probetrainings teilnehmen. Das Openteam trainiert dreimal wöchentlich. Trainingsplätze liegen auf der Allmend, in der Schönau und im Fischermätteli.



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