Bern

Einsichten in die Dunkelkammer der Demokratie

Von Timo Kollbrunner, Dölf Barben. Aktualisiert am 10.11.2011 2 Kommentare

Wer Wahlzettel anschaut, erblickt Überraschendes: Zum Beispiel Schriftbilder, die zu schreien scheinen.

Sie halten einige Überraschungen bereit: Wahlzettel, hier  bei der Auszählung in der Turnhalle des Schulhauses Neufeld.

Sie halten einige Überraschungen bereit: Wahlzettel, hier bei der Auszählung in der Turnhalle des Schulhauses Neufeld.

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Wahlzettel enthalten weit mehr Informationen als bloss die Namen von Kandidatinnen und Kandidaten. Wer ganze Stapel solcher Zettel durchblättern darf, bemerkt es rasch: Gewählt wird ganz unterschiedlich. Die meisten Zettel sind zwar unauffällig: Zwei Namen auf zwei Linien – meist mit den Vornamen vor den Nachnamen, aber doch recht häufig auch umgekehrt. Doch bald schon entdeckt man die ersten Zettel jener, die sehr exakt vorgehen, der Genauen: Sie schreiben nicht nur die Namen auf die Liste, sondern ergänzen sie mit «Herr» oder «Frau». Oder sie setzen noch die Parteibezeichnung hinzu. Und den Wohnort, und den Jahrgang. Und, wenns hochkommt, noch die Nummer von der Nationalratsliste. Es gibt Wähler, die sind so genau, dass sie auf die Linie, die sie leer lassen, «leer» hinschreiben.

Ihnen könnten die Pragmatiker gegenübergestellt werden. Sie schreiben den Nachnamen und fertig. «Luginbühl». Punkt. Unter ihnen gibt es solche, die wohl keine zwei Sekunden gebraucht haben, um «Amstutz» hinzuschreiben, in grosser, wuchtiger Schrägschrift – es ist, als ob der Wahlzettel schreien würde. Dann gibt es jene Wähler, die auf Nummer sicher gehen und beide Linien für den gleichen Kandidaten nutzen: Sie schreiben zum Beispiel die Parteibezeichnung auf die obere Linie («FDP») und den Kandidatennamen auf die untere («Christian Wasserfallen») – oder sie schreiben auf beide Linien den gleichen Namen («Stöckli. Stöckli») – auch wenn nur einer zählt. Als die Radikalen könnte man jenen Typus Wähler bezeichnen, der sich sagt: «Hauptsache nicht gemässigt». Mindestens eine Person muss es geben, die dieser Prämisse bei dieser Wahl radikal gefolgt ist: Sie setzte Adrian Amstutz vom rechten SVP-Flügel auf den Zettel – zusammen mit Rolf Zbinden von der Arbeiterpartei.

Traumpaare und Fantasienamen

Zweifellos viel grösser ist die Zahl jener, die sich unter dem Begriff die Wählerischen subsumieren lassen. Sie sagen sich: «Nur, weil jemand nicht kandidiert, heisst das noch lange nicht, dass ich ihn nicht wähle.» Die Grüne Franziska Teuscher etwa findet sich gleich auf mehreren der untersuchten Zettel – genauso wie Christa Markwalder von der FDP oder SVP-Frau Andrea Geissbühler. Und ist das Korsett der Kandidatenvorselektion erst einmal abgestreift, bilden sich regelrechte Traumpaare: Evi Allemann und Christian Wasserfallen ist eine der schönsten Kombinationen. Dazu scheint es unter den Wählern auch die Romantiker zu geben. Sie setzen einen regulären Kandidaten auf ihren Zettel – zusammen mit einem unbekannten Frauennamen. Ob es der Name der Geliebten oder einer vergangenen, grossen Liebe ist? Der Wahlzettel behält sein Geheimnis.

Und etwas anderes wird klar beim Blick in die Dunkelkammer der Demokratie: Den perfekten Wahlausschuss gibt es nicht. Ein schönes Beispiel: Während «Robert Hochreutener» auf einem Zettel gnadenlos für ungültig erklärt wurde – weil Hochreutener nicht Robert, sondern Norbert heisst –, landete «Bernhard Luginbühl» auf dem Stapel mit den gültigen Stimmen. (Der Bund)

Erstellt: 10.11.2011, 15:20 Uhr

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2 Kommentare

heinz bolliger

10.11.2011, 16:41 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Das "Robert Hochreutener" bei den Nationalratswahlen für ungültig erklärt wurde, ist schon "dicke Post". Der Wille des Wählenden ist klar erkennbar und eine Verwechslung unmöglich. Es gab in ganzen Kanton nur ein Kandidat "Hochreutener". So etwas würde einem Kandidaten der SVP im Kanton Bern kaum passieren! Vielleicht sollte man in Zukunft nicht nur die Wahlen im "Sudan" besser beaufsichtigen. Antworten


Boris Nork

10.11.2011, 17:32 Uhr
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Für einen Demokratiefeind ist die Paarung "Amstutz/Zbinden" vielleicht gar nicht so abwegig. Antworten



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