Ein kleines Versailles beim Progr

Bei den Umbauarbeiten im Progr sind Grundmauern eines barocken Gebäudes aus dem 17. oder 18. Jahrhundert zum Vorschein gekommen. Der Fund verfeinert das historische Bild der Stadt Bern.

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Seit Juni wird im Progr gebaut, die Turnhalle erhält ein neues Gesicht. Der Umbau hält auch Überraschungen bereit, denn dort, wo normalerweise die Konzertbühne steht, sind die Bauarbeiter Ende Juni auf altes Gemäuer gestossen. «Es sind eindeutig Kellermauern aus der Neuzeit – ganz sicher nicht aus dem Mittelalter», sagt Armand Baeriswyl, Leiter des Archäologischen Dienst des Kantons Bern. Aus der groben Aussenseite der Mauern schliessen die Archäologen, dass es sich beim Raum um einen Keller handeln müsse. «Die Mauern wurden direkt in den Dreck gebaut», erklärt Baeriswyl.

Der Keller ist mit grossen Sandsteinplatten belegt und misst 2 auf 5 Meter. Man könne aber nicht von der Grösse des Kellers auf die Grösse des dazugehörenden Gebäudes schliessen, sagt Baeriswyl. Denn früher sei es nicht üblich gewesen, alle Gebäude auch gleich gross zu unterkellern. So könnte das Gebäude laut dem Archäologen einiges grösser als der Keller gewesen sein. Als Einzelfund sei dieser Keller zwar selten, aber nicht von enormer Bedeutung, sagt Baeriswyl.

Stadtvillen im Stil Versailles

Wie könnte die Gegend rund um das heutige Kulturzentrum vor 300 Jahren also ausgesehen haben? Ein Mini-Versailles inmitten einer Campagne-ähnlichen Landschaft ist zu vermuten, mit einzeln stehende Bäumen sowie gepflegte Gärten mit Kieswegen. Das zeigt auch ein Kupferstich von Matthäus Merian aus dem Jahr 1635. Zu sehen ist im Bereich des heutigen Progr eine unbebaute, fast ländliche Gegend.

Der Fund in der Turnhalle passt demnach in dieses Bild: «Der Keller gehörte höchstwahrscheinlich zu einer grossen Stadtvilla mit drei Flügeln. Er befand sich unter dem Ostteil des Gebäudes», sagt Baeriswyl. Eine Stadtvilla also stand da, wo Jahrhunderte später im Progymnasium geturnt werden sollte.

«Ganz Europa schaute nach Paris»

Der Bereich beim heutigen Progr, wie auch die Gegend um das heutige Bundeshaus, blieben tatsächlich lange Zeit unbebaut. «Das hat mit der grossen Pest von 1349 zu tun», erklärt Baeriswyl. «Die Bevölkerung wurde dramatisch dezimiert und diese Bereiche an der Peripherie der damaligen Stadt Bern wurden nicht überbaut.» Die Stadt wurde verdichtet und die Randbereiche blieben anderen Nutzungen offen.

Tatsächlich sind auf den historischen Bildern auch Speicher zu erkennen, was auf die Nutzung als Landwirtschaftsland hindeutet. Und erst später, im Barock, seien richtige Stadtvillen im Stile Versailles errichtet worden. Baeriswyl führt aus: «Damals schaute ganz Europa nach Paris».

Eine Abschrift bevor das Zeitdokument im Schredder landet

Im vergangenen Jahr rückten die Archäologen zu 324 Einsätzen im ganzen Kanton Bern aus. 40 dieser Einsätze hatten intensivere Untersuchungen zur Folge. Der Aufwand scheint sich aber zu lohnen. Man wisse heute im Vergleich zu 1980 viel mehr über die Stadt Bern, sagt Baeriswyl: «Erstens ist Bern – anders als teilweise behauptet wird – nicht älter als 1191. Zweitens gab es keine Vorgängersiedlung auf der Aarehalbinsel; diese lag auf der Engehalbinsel. Und drittens reichte die Gründungsstadt nicht wie angenommen nur bis zur Kreuzgasse, sondern bis hinauf zum Zytglogge.»

Um solche Schlüsse ziehen und sich ein ganzheitliches Bild der Stadt machen zu können, muss man laut Bäriswyl 20 Jahre lang in jedes Loch der Stadt Bern hinuntersteigen – eben auch in jenes in der Turnhalle. Nachdem die Archäologen die Grundmauern des Kellers ausführlich dokumentiert hatten, wurde die Fundstelle wieder freigegeben. «Die Mauern wurden daraufhin zerstört», sagt Baeriswyl. «Wir haben lediglich eine Abschrift eines Zeitdokuments gemacht, welches danach im Schredder landete.» Eine Abschrift, die ins grosse Puzzle der Stadt Bern passt. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.09.2012, 12:04 Uhr)

Armand Baeriswyl

Armand Baeriswyl ist Leiter der Untersuchungen beim Archäologischen Dienst der Stadt Bern und somit für alle Feldeinsätze im Kanton Bern zuständig. Der Mittelalterarchäologe und Historiker lehrt als Privatdozent an der Universität Wien. Baeriswyl studierte Mittelalterliche Geschichte, Archäologie des Mittelalters und Kunstgeschichte an der Universität Zürich. Er promovierte über das historische zum Wachstum der drei Zähringerstädte Burgdorf, Bern und Freiburg im Breisgau. .

Er selber ist nach eigenen Angaben ein wandelndes Lexikon und hat einen Katalog mit hundert Fragen zur Geschichte der Stadt Bern jederzeit im Kopf. «Wenn ich zu einer Fundstelle komme, ziehe ich sofort eine Schublade und prüfe, ob das Gefundene eine der vielen Fragen beantwortet, etwa zum Alter der Stadt, zu den Verläufen der Stadtmauern, zum Aussehen der Wohnhäuser, zu den Standorten der Friedhöfe, zur Gesundheit der Stadtbewohner, zum in der Stadt gehaltenen Viehbestand oder zur Ernährung.

Und jede Fundstelle ist ein Puzzlesteinchen auf der Suche nach dem Gesamtbild, der Geschichte der Stadt Bern, seiner Bauten, Strukturen und Bewohnern durch die Jahrhunderte.», erklärt er.

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