Ein Stern ist erloschen

Er war Sternenjäger, akribischer Beobachter, Hausherr der Sternwarte Zimmerwald und lieferte der Nasa den Stoff, aus dem Kometen sind. Der Astronom Paul Wild ist am 2. Juli 2014 im Alter von 88 Jahren in Bern verstorben.

Paul Wild im Jahr 2006.

Paul Wild im Jahr 2006. Bild: Valérie Chételat

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Es war nur ein verschwommener Fleck auf einer Fotografie, doch er sollte Paul Wild bis an den Rand unseres Sonnensystems bekannt machen: Am 6. Januar 1978 sucht der Astronom von der Sternwarte Zimmerwald in Bern aus routinemässig das Firmament ab. Auf einer Aufnahme entdeckt er einen Punkt – «vermutlich ein Defekt im Film», sagt er sich.

Der Punkt lässt ihn nicht los, doch die schlechte Witterung der folgenden Nächte erlaubt es ihm nicht, dem vermeintlichen Defekt nachzugehen. Erst zwei Wochen später sieht er dasselbe diffuse Gebilde erneut. Hastig greift Wild zum Telefon, um seine Entdeckung im Central Bureau for Astronomical Telegrams in Massachusetts (USA) anzumelden – die Gefahr ist gross, dass ihm bereits ein anderer Sternenjäger zuvorgekommen ist. Doch Wild ist schneller: Wild-2 heisst seither der Komet, ­benannt nach seinem Entdecker.

Berühmt wird Paul Wild über die Forscherkreise hinaus, als die Nasa 1999 ihre «Stardust»-Mission startet und von Wild-2 Staub sammeln will, um die Entstehung unseres Sonnensystems zu ­untersuchen. An Bord der Raumsonde ist damals auch ein handgeschriebener Brief des Astronomen, worin er festhält: «Sollte meine Lebensspanne über 80 Jahre betragen, freue ich mich darauf, die glückliche Rückkehr des wertvollen Staubs miterleben zu dürfen.» Dieses ­Erlebnis war Wild vergönnt, 2006 kehrt die Raumsonde zur Erde zurück.

Ein Stück Schweiz am Himmel

Am 2. Juli 2014 ist der aus dem Kanton Glarus stammende Paul Wild im Alter von 88 Jahren gestorben. Sein Leben widmete er der Beobachtung des Nachthimmels. Er entdeckte etwa 50 Super­novae, explodierende Sterne; doch so genau wusste er das selbst nie – er führte nicht Buch über seine Entdeckungen.

Nach dem Studium in Zürich wirkte er zunächst am California Institute of Technology in den USA und erforschte dort von 1951 bis 1957 Galaxien und ­Supernovae. Ab 1980 bis zu seiner Emeritierung 1991 war er Professor am Astronomischen Institut der Universität Bern (AIUB) und Direktor der dazugehörigen Sternwarte in Zimmerwald.

Seinem langjährigen Weggefährten, Professor Gerhard Beutler, bleibt Wild in Erinnerung als ein «wichtiger Lehrer, dessen berufliche und menschliche Qualitäten ich mehr und mehr schätzen lernte». Beutler ist inzwischen selbst emeritiert; er löste damals seinen Kollegen als Direktor des AIUB ab. «Paul Wild brachte die Supernova-Suche nach Bern», sagt er. Die meisten Entdeckungen der Sternwarte stammten von Wild persönlich.

Die Liste der Entdeckungen ist lang, denn die Erforschung der Sterne hatte auch einen interessanten Nebeneffekt: Fast 100 Kleinplaneten durfte Wild ­benennen – anders als bei den Kometen darf der Entdecker hier den Namen selber wählen. So hat er am Sternenhimmel Schweizer Ortsnamen, aber auch persönliche Bekanntschaften verewigt. In den Weiten des Alls kreisen ein «Appenzella» und ein «Glarona»; die Kleinplaneten «Helewalda» und «Susilva» ­benannte er nach zwei Kolleginnen aus seiner Zeit am Gymnasium. Sogar ein «Swissair» geistert noch im Planetensystem herum. «Es fliegt doch beides durch den Himmel», kommentierte er damals.

Viele Nächte in der Kälte

Wild gehörte zur alten Garde der Wissenschaftler: Die grossen Astronomen kannte er persönlich, den Blick durchs Teleskop tätigte er meist selber. «Paul hat Tausende Nächte in der Kälte ausharrend den Himmel abgeforscht», erinnert sich sein Kollege Andreas Verdun, der am AIUB die Geschichte der Astronomie lehrt. Er arbeitete im Stillen und trotzte dem Publikationszwang – «publish or ­perish» war ihm ein Graus. Sein schriftlicher Nachlass ist bescheiden, ­digitalisiert wurde davon nichts. Er sah es als seine Aufgabe, «Vorlesungen zu halten und von Zimmerwald aus den Himmel nach interessanten Feldern ­abzusuchen», sagte der Astronom 2006 in einem Interview im «Bund». Die Suche nach neuen Himmelskörpern sei früher ein Wettrennen gewesen, ihn habe ein regelrechtes «Jagdfieber» gepackt.

Seit den 1980er-Jahren können Telekope aus grösster Ferne bedient werden – eine Entwicklung, der Wild skeptisch gegenüber stand. «Sehr erfahrene Kollegen schildern mir mit Besorgnis, wie tief in der jüngsten Astronomengeneration das Interesse an einfachen Beobachtungen gesunken sein.» Gewiss werde sich dies einmal rächen, hielt er in seiner ­Abschiedsvorlesung 1991 fest. Seinen ­Beruf bilanzierte er so: «Man hat ja ­unverschämt viel Freiheit, etwas zu ­suchen, das irgendwann fast irgendwo auftauchen kann.» Und heute, da mit elektronischen Geräten nach Kometen und Asteroiden gefahndet werde, hätte er niemals mehr die Zeit, mehrere Nächte auf einen klaren Himmel zu warten. (Der Bund)

(Erstellt: 30.07.2014, 10:27 Uhr)

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